Umstrittene Regelung: US-Farmer verteidigen Kinderarbeit
Aktualisiert

Umstrittene RegelungUS-Farmer verteidigen Kinderarbeit

Die US-Regierung will die Kinderarbeit in der Landwirtschaft einschränken. Die Bauern aber wollen davon nichts wissen. Einen Verbündeten haben sie in Newt Gingrich.

von
Martin Suter
Der 14-jährige Stetson Meyer füttert Schweine auf der elterlichen Farm in Nebraska. Die neuen Regeln würden ihm dies verbieten.

Der 14-jährige Stetson Meyer füttert Schweine auf der elterlichen Farm in Nebraska. Die neuen Regeln würden ihm dies verbieten.

Amerikas Arbeitsministerin Hilda Solis hat neue Regeln für die Arbeit Minderjähriger in der Landwirtschaft zur Prüfung vorgelegt. Sie hat wohl nicht erwartet, was sie damit auslöst: Heftigste Proteste von Farmern, landwirtschaftlichen Organisationen und Kongressmitgliedern aus ländlichen Wahlkreisen. Sollten die Regeln Rechtskraft erhalten, so der Tenor, könnten Kinder auf dem Land kein Geld mehr verdienen sowie nicht mehr ihren Familien helfen und jene Erfahrung sammeln, die sie zum Bauernberuf ermutigen könnte. Extreme Stimmen malten gar den Untergang der «Family Farm» an die Wand.

Wenn sie nicht in der Schule sind, dürfen Kinder auf US-Farmen mit Traktoren fahren, Rinder hüten und bei sonstigen Arbeiten auf dem Hof mithelfen. Die neuen Regeln würden Kindern unter 16 Jahren untersagen, motorisierte Maschinen zu bedienen und Arbeit mit Tieren zu verrichten. Sie dürften nicht mehr mit Pestiziden in Kontakt kommen, beim Holzschlag und in Sägereien mithelfen, in Jauchegruben und Kornspeicher steigen. Ihnen wäre es auch verboten, auf mehr als zwei Meter hohen Leitern zu stehen.

Mehr als 10 000 schwere Unfälle pro Jahr

«In der Landwirtschaft beschäftigte Kinder gehören zu den verwundbarsten Arbeitskräften Amerikas», schrieb Solis bei der Veröffentlichung der neuen Verordnung. Laut dem Arbeitsministerium erleiden Minderjährige auf Bauernhöfen viermal häufiger Verletzungen mit Todesfolge als jene, die an anderen Orten beschäftigt sind. Die Zahl der schweren Unfälle von unter 20-Jährigen auf US-Farmen nahm zwar zwischen 1998 und 2009 um 59 Prozent ab, aber sie beträgt immer noch weit mehr als 10 000 pro Jahr.

Für die protestierenden Farmer gehen die Einschränkungen zu weit. «Wollen wir Kindern verbieten, der Mutter beim Kuchenbacken in der Küche zu helfen, weil ihre Finger in den Mixer geraten könnten?», fragte Scott Neufeld in einem Bericht des «Wall Street Journal». «Genau das machen wir mit der Jugend auf der Farm.» Im Kongress schickten 30 aufgebrachte Senatoren in der Woche vor Weihnachten der Arbeitsministerin einen Brief, worin sie den sofortigen Rückzug der Regeln fordern. Zuvor hatten schon 70 Mitglieder des Repräsentantenhauses das Labor Department aufgerufen, die Anordnung zu überdenken.

Fehlt künftig der Nachwuchs?

Für ihren Anführer, den Republikaner Denny Rehberg aus Montana, zeugen die Regeln von einem fehlenden Verständnis der Landwirtschaft. Der Rancher in fünfter Generation sagte der Kongresszeitschrift «The Hill»: «Wir haben einen Präsidenten aus Chicago und eine Arbeitsministerin aus Los Angeles. Manchmal frage ich mich, ob die Leute in unserer Regierung glauben, die Nahrung komme aus dem Lebensmittelladen.»

Befürworter der neuen Regeln weisen darauf hin, dass Kinder seit langem nicht im Bergbau, auf Baustellen oder an Tranchiermaschinen in Metzgereien arbeiten dürfen. Gefährliche Arbeit auf Bauernhöfen solle nicht anders behandelt werden, argumentieren sie. Laut Arbeitsministerium gelten die neuen Bestimmungen zudem nicht, wenn die Kinder auf einer Farm arbeiten, die ganz ihren Eltern gehört. Doch die Kritiker misstrauen dieser Zusicherung. Vor allem fürchten sie, dass die Regulierung den Kontakt Minderjähriger mit der Landwirtschaft so sehr beschränken wird, dass am Schluss zu wenige von ihnen den Bauernberuf ergreifen werden.

Arme Kinder sollen arbeiten

In den letzten Tagen haben die Gegner Unterstützung durch einen Präsidentschaftskandidaten erhalten. Newt Gingrich, einst republikanischer Speaker des Repräsentantenhauses, nannte Arbeitsgesetze für Kinder «wahrlich dumm». Nach seiner Meinung sollten insbesondere Kinder aus ärmeren Familien die Gelegenheit erhalten, Geld zu verdienen und damit ein Erfolgserlebnis zu haben, zum Beispiel mit Hauswart-Arbeiten in Schulen. So könnten sie sich jene Arbeitsethik aneignen, die ihnen einen Weg aus der Armutsfalle weisen würde.

Die Aussagen Gingrichs haben in der Öffentlichkeit mehr Kopfschütteln als Beifall gefunden. Seine Haltung zur Kinderarbeit trug dazu bei, dass Gingrichs Umfragewerte vor der am Dienstag stattfindenden ersten Ausscheidung in Iowa eingebrochen sind. Für Farmer und Politiker, die Kinderarbeit nicht strenger regeln wollen, könnte das eine Warnung sein.

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