Aktualisiert 05.09.2006 19:27

US Open: Die fabelhafte Welt der Amélie

Tennis-Frankreich hat nach Jahren der Durststrecke wieder Grund zum Optimismus. Mit Amélie Mauresmo hat eine Spielerin (endlich) den Sprung zum Superstar geschafft, Richard Gasquet hat zumindest die Anlagen dafür.

Noch vor wenigen Monaten hätte wohl Mauresmo nach einem derart klaren Verlust wie dem 0:6 im zweiten Satz gegen die wieder erstarkte Serena Williams (WTA 91) auch die Partie verloren. Aber seit dem Gewinn von Masters, Australian Open und Wimbledon ist die 27-Jährige eine andere Spielerin geworden. Im Schlusssatz war sie der zwei Jahre jüngeren Williams klar überlegen, das 6:4, 0:6, 6:2 war verdient. «Ich konnte meine Ruhe bewahren», so Mauresmo.

Die Wahl-Genferin ist wohl das extremste Beispiel, was der mentale Bereich im Tennis alles verändern kann. Seit ihrer überraschenden Final-Qualifikation in Melbourne 1999 (gegen Martina Hingis) als potenzieller Superstar gehandelt, versagten ihr die Nerven in wichtigen Partien mit unschöner Regelmässigkeit. Der Gewinn des Jahres-Endturniers in Los Angeles im letzten November löste aber diese Blockade und das Nachdoppeln am Australian Open bestätigte diese Tendenz, plötzlich war sie im psychischen Bereich so stark wie im physischen.

Während viele Experten anschliessend bemängelten, sie habe den Titel nur wegen der (absolut unsportlichen) Aufgabe von Justine Henin-Hardenne gewonnen, gewann Mauresmo dadurch noch mehr an Selbstvertrauen. In Wimbledon holte sie dann den zweiten Major- Titel, wobei sie wiederum die Belgierin bezwang.

Mauresmo wie Federer

Wie Roger Federer kann Mauresmo, die jetzt auf Dinara Safina (Russ/12) trifft, nun noch hoffen, den «Dreiviertel-Grandslam» zu vollenden. Mit dem Dominator des Männertennis teilt sie ein weiteres Ziel: Der Gewinn von Roland Garros bleibt für beide die grösste Herausforderung der Karriere. Während dies bei Federer daran liegt, dass Sand der «Gleichmacher» unter den Belägen ist, muss Mauresmo mit dem schier übermenschlichen Druck leben, der während der zwei Turnierwochen im Bois de Boulogne auf den einheimischen Cracks lastet und der höchstens mit demjenigen auf Lleyton Hewitt in Melbourne und (früher) Tim Henman in Wimbledon zu vergleichen ist.

Gasquets physische Defizite

Seit ihrer Wandlung ist Mauresmo aber sogar zuzutrauen, dass sie diesen Druck aushält. Erleichterung könnte sie beim Heimturnier dadurch erhalten, dass Richard Gasquet immer stärker wird und dadurch einen Teil der Aufmerksamkeit auf sich lenken wird. In der zweiten Partie der «Nightsession» leistete der Gstaad-Sieger Lleyton Hewitt mehr als dreieinhalb Stunden grossartigen Widerstand, verlor dann aber kurz vor ein Uhr Lokalzeit mit 3:6 im Entscheidungssatz.

Einen «Anteil» an der Niederlage Hewitts hat auch Marco Chiudinelli. «Wenn ich gegen ihn am Vortag schneller gewonnen hätte», so Gasquet, der sich gegen den Schweizer Qualifier erst nach vier sehr ausgeglichenen Sätzen durchgesetzt hatte. Gasquet bezahlte gestern die Rechnung: Im fünften Satz wurde er durch massive Krämpfe behindert. Hewitt hingegen wirkte frisch wie immer und beendete auch seinen zehnten Match in Serie über die volle Distanz als Sieger.

«Es liegt nun am mir, physisch stärker zu werden», weiss Gasquet. Wenn diesen Worten auch Taten folgen, dürfte der Mann mit dem aussergewöhnlichen Talent bald in den Top ten auftauchen. Hewitt trifft in seinem siebten US-Open-Viertelfinal hintereinander auf Andy Roddick (USA/9), der das Märchen von Agassi-Bezwinger Benjamin Becker (ATP 112) abrupt beendete.

(si)

Jankovic im Halbfinal

Im ersten Viertelfinal des Frauen-Turniers am US Open feierte Jelena Jankovic den grössten Erfolg ihrer Karriere. Die junge Serbin bezwang Jelena Dementjewa (Russ) diskussionslos 6:2, 6:1 in nur 62 Minuten. Dementjewa (WTA 5) brachte gegen die Nummer 20 der Weltrangliste ihren Service kein einziges Mal durch. 39 unerzwungene Fehler sowie fünf Doppelfehler führten zur Niederlage der US-Open-Finalistin von 2004. Der mit zehn Niederlagen in den ersten elf Partien schwach ins Jahr gestarteten Jankovic gelang im ersten Grand-Slam-Viertelfinal ihrer Karriere die Revanche. Unlängst hatte sie in Los Angeles im Final gegen Dementjewa noch verloren.

Flushing Meadows, New York. Grand-Slam-Turnier (18,585 Mio. Dollar/Hart). Männer. Achtelfinals: Andy Roddick (USA/9) s. Benjamin Becker (De) 6:3, 6:4, 6:3. Lleyton Hewitt (Au/15) s. Richard Gasquet (Fr/25) 6:4, 6:4, 4:6, 3:6, 6:3. Viertelfinal-Tableau: Federer (1)/Gicquel - Berdych (12)/ Blake (5), Safin/Haas (14) - Murray (17)/Dawydenko (7); Roddick (9) -Hewitt (15), Juschni - Nadal (2).

Frauen. Achtelfinals: Amélie Mauresmo (Fr/1) s. Serena Williams (USA) 6:4, 0:6, 6:2. Maria Scharapowa (Russ/3) s. Na Li (China/24) 6:4, 6:2. Dinara Safina (Russ/12) s. Virginie Razzano (Fr) 6:0, 7:5. - Erster Viertelfinal: Jelena Jankovic (Ser/19) s. Jelena Dementjewa (Russ/4) 6:2, 6:1. - Halbfinal-Tableau: Mauresmo (1)/Safina (12) - Scharapowa (3)/Golovin (27); Jankovic (19) - Davenport (10)/Henin-Hardenne (2).

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