Zeuge für Irak-Invasion: US-Regierung zweifelt an Selbstmord
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Zeuge für Irak-InvasionUS-Regierung zweifelt an Selbstmord

George W. Bushs Top-Zeuge für die Irak-Invasion soll in einem libyschen Gefängnis Selbstmord begangen haben. Die Regierung Obama zweifelt an dieser Version und will wissen, was genau geschah.

Der gebürtige Libyer Ibn Al-Shaykh al-Libi hatte in CIA-Gewahrsam ausgesagt, Al-Kaida-Terroristen seien von irakischen Agenten in chemischer und biologischer Kriegsführung ausgebildet worden. Damit lieferte er Präsident George W. Bush einen wichtigen Vorwand für die Invasion im Irak im März 2003. Später zog al-Libi sein unter Folter erzwungenes Geständnis zurück, und die US-Regierung konnte nie einen stichhaltigen Beweis erbringen für Kontakte zwischen Saddam Hussein und Al-Kaida (20 Minuten Online berichtete).

Das Schicksal des einstigen Top-Zeugen war lange unklar, er gehörte nicht zu den Al-Kaida-Leuten, die 2006 nach Guantánamo überführt worden waren. Bis Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch im April dieses Jahres bei einem Besuch im Abu-Salim-Gefängnis in Tripolis völlig überraschend auf ihn stiessen. Wie er dorthin gelangte, wollte Ibn Al-Shaykh al-Libi nicht sagen, und bevor weitere Befragungen möglich wurden, meldete eine libysche Zeitung, der einstige Terrorverdächtige habe sich in seiner Zelle mit einem Bettlaken erhängt.

Möglicher Entlastungszeuge

Nicht nur Human Rights Watch zweifelt an dieser Version. Auch die neue Regierung Obama ist skeptisch und verlangt von Libyens Diktator Muammar Gaddafi Auskunft über al-Libis Tod. «Wir wollen wissen, was wirklich geschehen ist», sagte ein mit dem Fall vertrauter Regierungsbeamter dem Magazin «Newsweek». Auch Anwälte, die Al-Kaida-Topshots in den anstehenden Terrorprozessen verteidigen werden, hätten den Libyer als einen möglichen Entlastungszeugen identifiziert.

Für «Newsweek» beleuchtet der Fall auch das grundsätzliche Problem, wie man mit Häftlingen aus Guantánamo umgehen soll, die nicht in ihr Heimatland zurückgeschafft werden können. Genau dies ist offensichtlich mit Ibn Al-Shaykh al-Libi geschehen. Derzeit sollen sich noch sieben Libyer in Guantánamo befinden. Laut einem Bericht des US-Aussenministeriums werden Gefangene im nordafrikanischen Land «routinemässig gefoltert». «Es ist nicht im Interesse der USA, Menschen in Länder zurückzuschicken, in denen sie misshandelt werden oder ums Leben kommen», sagte der Regierungsbeamte.

(pbl)

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