Atomstreit: USA warnen Israel vor Angriff auf Iran
Aktualisiert

AtomstreitUSA warnen Israel vor Angriff auf Iran

US-Experten zweifeln am Erfolg eines israelischen Militärschlags gegen Atomanlagen im Iran. Zu viele Fragen sind offen, etwa die Flugroute und das Auftanken der Jets.

von
Peter Blunschi
Drei israelische F-15-Kampfjets beim Auftanken in der Luft: Die Versorgung mit Treibstoff auf dem langen Hin- und Rückflug ist eine Knacknuss bei einem Angriff auf den Iran.

Drei israelische F-15-Kampfjets beim Auftanken in der Luft: Die Versorgung mit Treibstoff auf dem langen Hin- und Rückflug ist eine Knacknuss bei einem Angriff auf den Iran.

Auf verschiedenen Ebenen versucht die US-Regierung, Israel von einem militärischen Vorgehen gegen den Iran abzuhalten. Der ranghöchste US-Militär, Generalstabschef Martin Dempsey, sagte am Sonntag in einem CNN-Interview, es wäre «unvernünftig», den Iran anzugreifen. Ein Militärschlag zum jetzigen Zeitpunkt würde «destabilisierend» wirken. Am gleichen Tag traf sich Tom Donilon, der Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama, in Jerusalem mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Noch in dieser Woche wird auch James Clapper, der oberste Chef der US-Geheimdienste, in Israel erwartet. Die Aufgabe der beiden hochrangigen Regierungsmitglieder ist laut israelischen Medien klar: Sie sollen die Regierung Netanjahu von einem Angriff auf den Iran abhalten und davon überzeugen, den verschärften Sanktionen eine Chance zu geben. Israel hat in letzter Zeit vermehrt Signale ausgesandt, die auf eine baldige Militäraktion gegen iranische Atomanlagen hindeuten – was die USA offensichtlich verhindern wollen.

Nicht vergleichbar mit Irak und Syrien

Die «New York Times» hat am Montag eine kritische Analyse zu den Erfolgschancen eines israelischen Angriffs veröffentlicht. Es handle sich um eine «aufwändige und sehr komplexe» Operation, schreibt die Zeitung mit Berufung auf Pentagon-Beamte und Militärexperten. Sie sei nicht vergleichbar mit der Zerstörung des Osirak-Reaktors im Irak 1981 und einer mutmasslichen Atomanlage in Syrien 2007.

Im Gegensatz zu jenen «chirurgischen» Schlägen müssten die israelischen Jets verschiedene Ziele angreifen, mehr als 1500 Kilometer durch feindlichen Luftraum zurücklegen, die iranische Luftabwehr überwinden und auf dem Rückflug aufgetankt werden. Nach Einschätzung der US-Experten werden für einen solchen Einsatz mindestens 100 F-15- und F-16-Kampfflugzeuge benötigt. «Alle möglichen Experten sagen ‹Oh ja, bombardiert Iran!›, doch das wird nicht so einfach sein», sagte David Deptula, bis letztes Jahr oberster Nachrichtenoffizier der US-Luftwaffe.

Drei mögliche Flugrouten

Die Flugroute ist das erste Problem: Die direkteste und laut «New York Times» wahrscheinlichste ist jene über Jordanien und den Irak. Dieser ist mit Teheran verbündet, hat nach Ansicht von Analysten aber kaum Möglichkeiten, seinen Luftraum zu verteidigen. Eine Variante wäre die Nordroute entlang der türkisch-syrischen Grenze. Interessant ist auch die südliche Alternative via Saudi-Arabien. In der Vergangenheit wurde wiederholt spekuliert, die Saudis könnten einen israelischen Überflug stillschweigend tolerieren.

Dieses Problem dürfte sich lösen lassen. Unklar ist dagegen, ob Israel über genügend Tankflugzeuge verfügt, um die Kampfjets auf dem langen Hin- und Rückflug mit Treibstoff zu versorgen. Die US-Experten gehen nicht davon aus. Auch die iranische Luftverteidigung dürfe nicht unterschätzt werden, obwohl sich Russland 2010 geweigert hat, bereits bestellte, moderne S-300-Abwehrraketen an die Islamische Republik zu liefern.

«Für eine Generation gelöst»

Eine offene Frage ist schliesslich auch, ob Israel das iranische Atomprogramm nachhaltig zerstören kann. Als Knacknuss im wahrsten Sinn des Wortes gelten die Urananreicherungsanlagen in Natans und Fordo. Erstere ist durch einen Betonmantel geschützt, letztere wurde tief in einen Berg gebaut. Israel besitzt bunkerbrechende Bomben vom Typ GBU-28, doch es ist unklar, ob sie genug Durchschlagskraft besitzen.

Der deutsche Atomwaffen-Experte Hans Rühle kommt in einer Analyse für die «Welt» zu einem optimistischen Befund: Israel könne einen erfolgreichen Militärschlag führen und das iranische Nuklearprogramm «in wenigstens einer Woche» nachhaltig zerstören. Das Problem einer möglichen iranischen Atombombe wäre dann «für den Zeitraum einer Generation gelöst». Doch auch Rühle räumt ein, dass es «beträchtliche Risiken» gibt.

Müssen USA den Job beenden?

Wegen den vielen Ungewissheiten fürchtet man in Washington, die USA könnten in den Konflikt hineingezogen und gezwungen werden, mit ihrem weit grösseren Militärarsenal den von Israel begonnenen Job zu beenden. «Israel ist hervorragend, wenn es um selektive Angriffe geht», sagte Ex-Luftwaffengeneral David Deptula. Es gebe aber «nur eine Supermacht in der Welt, die dies zu Ende bringen kann». Und selbst dies könnte Wochen dauern und einen iranischen Gegenschlag provozieren.

Es bleibt jedoch fraglich, ob sich Israel davon beeindrucken lässt. Dort fürchtet man in erster Linie, dass der Iran bald nicht mehr am Bau einer Atombombe gehindert werden kann. Vor allem Verteidigungsminister Ehud Barak soll deshalb auf eine Militäraktion drängen. US-Generalstabschef Martin Dempsey räumte im CNN-Interview indirekt ein, dass die Amerikaner mit ihren Argumenten bislang keinen Erfolg hatten. Man habe die Israelis noch nicht wirklich davon überzeugt, «dass unser Standpunkt der richtige Standpunkt ist».

Raketenabwehr für Tel Aviv

Die israelische Armee will in dieser Woche im Grossraum Tel Aviv ein Iron-Dome-Raketenabwehrsystem aufstellen. Eine Militärsprecherin in Jerusalem teilte am Montag mit, es handle sich um eine jährliche Routineübung. Das System «Eisenkuppel» solle nur für einige Tage stationiert bleiben. Bislang wurde es vor allem im Umland des Gazastreifens eingesetzt, als Warnsystem gegen den fortwährenden Raketenbeschuss durch militante Palästinenser.

Vor dem Hintergrund des Atomstreits mit dem Iran und Spekulationen über einen möglichen Angriff Israels sorgte die geplante Übung im Grossraum Tel Aviv für Aufmerksamkeit. Tel Aviv gilt als Hauptziel möglicher Raketenangriffe bei einem neuen Nahost-Krieg. Der israelische Militärgeheimdienstchef Aviv Kochavi hatte zuletzt gesagt, etwa 200 000 Raketen könnten aus feindlichen Ländern auf Israel abgefeuert werden. «Wir haben es mit einem feindseligeren, islamistischeren, empfindlicheren Nahen Osten zu tun», sagte er. Man müsse sich auf «permanente Instabilität» einstellen.

Die Armeesprecherin sagte, sie könnte sich zu den Vorwarnzeiten des Raketenabwehrsystems nicht äussern. In der Grenzstadt Sderot haben die Einwohner nach Beginn des Luftalarms nur gut 15 Sekunden Zeit, Schutzräume aufzusuchen. Je weiter die Entfernung ist, aus der die Raketen abgefeuert werden, desto länger ist für gewöhnlich die Warnzeit. (sda)

Deine Meinung