Anreiz für Wegreise: USA zahlen Altnazis Renten im Ausland
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Anreiz für WegreiseUSA zahlen Altnazis Renten im Ausland

Frühere SS-Offiziere und KZ-Wächter kassierten Millionen an Dollar nach ihrem Wegzug aus den USA. Mit dem Rentenversprechen können Deportationsverfahren vermieden werden.

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AP/sut

Im Zweiten Weltkrieg patrouillierte Jakob Denzinger als Wächter im Vernichtungslager Auschwitz. Heute lebt der 90-Jährige bequem in einer grossen Wohnung in der kroatischen Stadt Osijek. Das Apartment am Flussufer und eine Haushaltshilfe finanziert er mit den 1500 Dollar, die ihm die amerikanische Social Security Administration jeden Monat überweist.

Nach einer ausführlichen Recherche der Associated Press ist Denzinger einer von mindestens vier überlebenden Altnazis, die im Ausland eine Social-Security-Altersrente beziehen, obwohl ihnen das US-Bürgerrecht aberkannt worden ist. Ein anderer ist Martin Hartmann, ein früherer Wächter im Konzentrationslager Sachsenhausen. Der 95-Jährige kassiert seine Rente in Berlin. Die AP schätzt, dass Millionen von Dollar an unerwünschte Altnazis im Ausland bezahlt worden sind.

Anreiz für freiwillige Ausreise

Zu den Zahlungen kommt es wegen eines Schlupflochs im US-Recht. Es erlaubt dem US-Justizdepartement, einmal aufgespürten Altnazis einen Deal vorzuschlagen: Die meist seit vielen Jahrzehnten in den USA ansässigen und eingebürgerten Ex-Schergen können ihre Rente weiterhin beziehen, sofern sie die USA freiwillig verlassen. Mit dem Ausreisehandel umgehen die Nazi-Jäger im Office of Special Investigations (Büro für Spezialfahndungen) langwierige Ausweisungsverhandlungen. Denn die Gefahr wächst, dass betagte Altnazis sterben, bevor die Deportationsprozesse zu einem Abschluss kommen.

Zu den Profiteuren der Regelung zählte der inzwischen verstorbene Raketeningenieur Arthur Rudolph. Für Hitlerdeutschland hatte Rudolph die V-2-Rakete entwickelt, den USA half er später, einen Menschen auf den Mond zu schicken. Doch Jahrzehnte später kam heraus, dass er in der V-2-Fabrik Tausende von Sklavenarbeitern in den Tod getrieben hatte. Da unterzeichnete Rudolph den Rentendeal und reiste freiwillig nach Deutschland aus.

«Letzten Endes belohnen wir sie»

Immer noch US-Altersrente kassiert der 90-jährige Peter Müller. Der Ex-Wächter im KZ Natzweiler lebt in einem Altersheim in Worms. Der frühere SS-Soldat Wasyl Lytwyn, 93, der an der Zerstörung des Warschauer Ghettos teilnahm, soll in der Ukraine wohnen.

Die Zahlung von Altersrenten an Altnazis wird inzwischen als unmoralisch kritisiert. «Letzten Endes belohnen wir sie», sagte der Rabbiner Marvin Hier vom Simon Wiesenthal Center in Los Angeles zur AP. «Mit einer amerikanischen Rente kann jemand sehr gut in Europa leben.» Tatsächlich entsprechen Denzingers 1500 Dollar fast dem doppelten Durchschnittslohn in Kroatien.

Europäischer Protest

Die Ausweisungspraxis hat immer wieder für diplomatische Aufregung gesorgt. Die Behörden in Österreich waren wütend, als 1987 plötzlich Martin Bartesch auftauchte, ein früherer SS-Wächter im KZ Mauthausen. Das amerikanische Vorgehen wird auch im US-Aussenministerium kritisiert. «Wir sollten nicht unseren Kehricht in befreundeten Staaten abladen», findet der frühere Rechtsberater James Hergen.

Die New Yorker Abgeordnete Carolyn Maloney will die Zahlungen jetzt mit einem neuen Gesetz stoppen. Der AP sagte die Demokratin: «Es ist absolut unerhört, dass Nazi-Kriegsverbrecher weiterhin Social-Security-Renten erhalten, nachdem sie seit vielen, vielen, vielen Jahren in unserem Land geächtet sind.»

Doch der Gesetzgebungsprozess kann lange dauern. Jakob Denzinger wird kaum um seine Rente fürchten müssen. Er hat ohnehin vorgesorgt: Ein Grabstein mit seinem Bild steht bereits im Friedhof von Osijek.

Videobericht der AP:

(Quelle: AP)

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