Aktualisiert 18.05.2005 13:27

Usbekistan zeigt vom Blut gesäuberte Strassen

Die Stimmung ist ein wenig gespenstisch. Eskortiert von Sicherheitsbeamten kreuzten am Mittwoch sechs Reisebusse mit ausländischen Diplomaten und Journalisten über menschenleere Strassen durch die usbekische Stadt Andischan.

Dort, so wird vermutet, hatten Soldaten knapp eine Woche zuvor wahllos auf Demonstranten geschossen und ein Blutbad angerichtet. Nun waren die Blutflecken vom Asphalt gewaschen, die Glasscherben weggekehrt.

Es war offensichtlich, was die Regierung des autoritären Präsidenten Islam Karimow mit der Einladung an die Ausländer bezweckte: Seht her, so ihre Botschaft, wir haben alles im Griff.

Bewacher sorgten dafür, dass sich Besucher und Bevölkerung nicht zu nahe kamen. Die Strassen von Andischan waren für den normalen Verkehr gesperrt, nur wenige Fussgänger wurden durchgelassen.

Der britische Botschafter David Moran, der wie seine Kollegen aus den USA und Frankreich zu der Delegation zählte, machte sich wenig Illusionen: «Man muss realistisch erkennen, wie wenig eine solche Kurz-Tour mit grosser Besetzung und mit wenig Zeit bewirken kann.»

Die Regierungsvertreter führten die ausländischen Gäste zum Polizeihauptquartier, einem Gefängnis, einer Kaserne und zum zentralen Platz der Stadt. Dort hatte am Freitag letzter Woche die Demonstration ein blutiges Ende genommen.

Gut 15 Regierungsbeamte begleiteten die Gäste und interpretierten die Ereignisse auf ihre Weise. «Wie können Sie es wagen zu sagen, hier sei auf friedliche Demonstranten geschossen worden?», fragte Innenminister Sakir Almatow. «Es handelte sich hier um einen grausamen Angriff auf eine Polizeistation.»

Erinnerung an UdSSR

Ein wenig erinnert es an die Zeiten der alten Sowjetunion, wie Usbekistan mit aller Macht versucht, den Informationsfluss über die Ereignisse von Andischan zu bändigen. Drei Tage lang zeigte das staatliche Fernsehen beinahe ausschliesslich Aufzeichnungen von Folkloreveranstaltungen.

Unterbrochen wurden sie von Präsidenten-Ansprachen, in denen Karimow das Massaker als einen Akt der Selbstverteidigung im Kampf gegen Moslemextremisten deutet. Alleine sich selbst gesteht die Regierung in Taschkent das Recht zu, die Ereignisse zu interpretieren.

Die wenigen Journalisten in Andischan werden seit Tagen auf Schritt und Tritt von Sicherheitskräften begleitet, wann immer sie in der Stadt unterwegs sind. Wer sich nicht daran hält und sich erwischen lässt, wird von Polizisten gefilzt.

Einschüchterungsaktionen

Manche Aktionen der Behörden gleichen Einschüchterungsversuchen: Am Dienstagmorgen tauchten bewaffnete Soldaten in dem Hotel auf, das die meisten ausländischen Journalisten beherbergt.

Sie klopften an die Türen der Hotelzimmer und teilten den Berichterstattern mit, dass diese sich «auf Anordnung des Innenministers» sofort in die 70 Kilometer entfernt liegende Stadt Namangan zu begeben hätten.

Eine Stunde später folgte ein unerklärter Sinneswandel; per Bus wurden die Reporter in ein anderes Hotel in Andischan gebracht, weil es dort «sicherer» sei. In den Nachbarzimmern hatten Sicherheitsbeamte Quartier bezogen.

(sda)

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