Prozess in Frankreich - Valérie Bacot zu 4 Jahren Haft verurteilt – sie muss aber nicht ins Gefängnis
Publiziert

Prozess in FrankreichValérie Bacot zu 4 Jahren Haft verurteilt – sie muss aber nicht ins Gefängnis

23 Jahre lang hat Daniel Polette die heute 40-jährige Valérie Bacot misshandelt und vergewaltigt. 2016 tötete sie ihn mit einem Schuss in den Nacken. Ein Gericht hat die Französin nun zu vier Jahren Haft mit drei auf Bewährung verurteilt.

von
Karin Leuthold
1 / 7
Am 25. Juni 2021 hat ein Schwurgericht in Chalon-sur-Saône in Ostfrankreich die 40-jährige Valérie Bacot zu vier Jahren Haft mit drei auf Bewährung verurteilt.

Am 25. Juni 2021 hat ein Schwurgericht in Chalon-sur-Saône in Ostfrankreich die 40-jährige Valérie Bacot zu vier Jahren Haft mit drei auf Bewährung verurteilt.

AFP
Der Prozess gegen Valérie Bacot hatte am 21. Juni 2021  begonnen.

Der Prozess gegen Valérie Bacot hatte am 21. Juni 2021 begonnen.

AFP
Erst wurde Bacot von ihrem Stiefvater jahrelang vergewaltigt und geschlagen, dann heiratete er sie und zwang sie schliesslich zur Prostitution. 2016 tötete die Angeklagte ihren Peiniger. 

Erst wurde Bacot von ihrem Stiefvater jahrelang vergewaltigt und geschlagen, dann heiratete er sie und zwang sie schliesslich zur Prostitution. 2016 tötete die Angeklagte ihren Peiniger.

AFP

Darum gehts

  • In Frankreich hat das Schwurgericht ein Urteil im Prozess gegen die 40-jährige Valérie Bacot gesprochen.

  • Die Frau hatte 2016 ihren Ehemann getötet, nachdem dieser sie 23 Jahre lang erniedrigt, geschlagen und vergewaltigt hatte.

  • Im Internet hatte eine Gruppe über 712’000 Unterschriften gesammelt, um die Freiheit der Angeklagten zu fordern.

Valérie Bacot kommt frei! Im Prozess wegen der Tötung ihres gewalttätigen Ehemanns Daniel Polette hat ein Schwurgericht in der burgundischen Kleinstadt Chalon-sur-Saône die 41-jährige Französin zu vier Jahren Haft mit drei auf Bewährung verurteilt. Da Bacot bereits ein Jahr in Untersuchungshaft verbracht hatte, muss sie nicht ins Gefängnis zurückkehren. Das Gericht befand, dass Valérie für ihre Situation mit Polette «kein Entkommen» hatte.

Bereits am Freitagmorgen hatte die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von fünf Jahren gefordert. Davon sollten vier Jahre auf Bewährung ausgesetzt werden. Als die Angeklagte davon erfuhr, brach sie in Tränen aus und fiel in Ohnmacht. «Als sie verstand, was die Forderungen des Generalstaatsanwälts für sie konkret bedeuteten, hatte sie eine Panikattacke und musste medizinisch betreut werden», sagte ihre Anwältin Nathalie Thomasini zu BFMTV.

Valérie Bacot hat einen unvorstellbaren Leidensweg durchgemacht

Ihren Leidensweg beschrieb Valérie Bacot im kürzlich erschienenen Buch «Tout le monde savait» (übersetzt Alle wussten es). Sie war erst zwölf Jahre alt, als Daniel Polette, der Partner ihrer Mutter, begann, sie wiederholt zu vergewaltigen. Polette wurde dafür verurteilt und kam ins Gefängnis, kehrte dann aber wieder in die Familie zurück - und die Gewaltspirale ging von vorne los. Der 42-Jährige vergewaltigte die inzwischen 17 Jahre alte Valérie so oft, bis sie schwanger wurde. Statt sie zu unterstützen, warf die Mutter ihre Tochter aus dem Haus.

Der Stiefvater bot der schwangeren Minderjährigen an, zusammen als Paar zusammen zu ziehen. «Ich hatte niemanden und wollte mein Kind behalten», sagte Valérie am ersten Prozesstag. Als sie von der Vorsitzenden des Gerichts, Céline Therme, gefragt wurde, ob sie Polette jemals geliebt habe, meinte Valérie nur: «Ich habe immer das getan, was er mir gesagt hat

Polette misshandelte und schlug Valérie. «Später bedrohte er mich mit seiner Waffe. Er würde mir die Pistole gegen den Kopf setzen und sagen: ‹Das nächste Mal werde ich nicht verfehlen›», erzählte Valérie dem Gericht. «Er sagte auch, ich dürfe vor allem nicht schreien, das würde alles nur noch schlimmer machen.»

Polette schaut seiner Frau beim Sex mit Lkw-Fahrern zu

In der Zwischenzeit hatte das Paar vier Kinder bekommen. «Die ältesten fragten mich, wieso sie meinen Namen tragen und nicht den Danys», schildert Valérie weiter. Also heiratete sie ihren Peiniger.

Die verbalen Aggressionen waren an der Tagesordnung, wie «Le Point» berichtet. «Eine Taugenichts», die nur als Prostituierte etwas wert sei, sagte der Alkoholiker zu Valérie. Er baute den Minibus der Familie um und liess seine Frau an einer Raststätte anschaffen. Er bot sie Lkw-Fahrern für 20 bis 50 Euro an. Polette sass vorne und kontrollierte durch ein Loch, das er in die Trennwand gemacht hatte, dass «sie alles richtig macht». Gefiel ihm ihre Leistung nicht, gab er ihr Anweisungen.

Peiniger mit einem Schuss in den Nacken getötet

An einem Sonntag - es ist der 13. März 2016 - kündigte Polette an, dass sie an dem Abend «diesen groben Mann» bedienen müsse. Selbst Polette soll Angst vor «ce brut» gehabt haben, sagt Valérie. Aus Sicherheit packte sie die Pistole ihres Ehemanns ein.

Doch an dem Tag kam auch ihre 14-jährige Tochter Karline zu ihr und erzählte, dass der Vater sich erkundigt habe, ob sie «sexuell aktiv» sei. Valérie schauderte es: Ihrer Tochter könnte das gleiche Schicksal wie ihr blühen. An dem Abend erschoss die damals 36-jährige Valérie Bacot ihren 61-jährigen Ehemann und Peiniger Daniel Polette mit einem Schuss in den Nacken. «Ich wollte sie retten», versicherte die Angeklagte dem Schwurgericht.

Der Fall sorgt in Frankreich für Aufsehen. In einer Internet-Petition forderten inzwischen über 714’500 Menschen die «Freiheit für Valérie Bacot!».

Valérie Bacot bittet ihren Kindern um Vergebung

Am Freitag, vor Bekanntgabe des Urteils, gab Valérie Bacot ein letztes Statement bei ihrem Prozess ab. Sie wolle sich bei ihren Kindern «entschuldigen, für all das, was sie ertragen mussten», sagte sie. Gleichzeitig bedankte sie sich, für die Unterstützung, die sie im Laufe des Prozesses erhalten habe. Sie freue sich, bald wieder bei ihrer Familie – ihren vier Kindern und ihrer kleinen Enkelin – sein zu können. Aber vor allem wolle sie sich jetzt, nach alles, was die Familie durchgemacht hat, ausruhen.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Online- und Einzelchatberatung für Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147


Deine Meinung