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Graffiti-Stadtführung«Van Gogh würde heute sprayen»

Die Basel Line ist eines der letzten grossen Graffiti-Refugien Europas. Eine Führung mit dem Basler Sprayer und Kunstvermittler David Lucco lüftet Geheimnisse der Basler Szene.

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fh/lha

Zusammen mit Artstübli-Gründer Philipp Brogli organisiert Sprayer und Kunstvermittler David Lucco Graffiti-Touren entlang der berühmten Basler Line. Hier reihen sich etliche Wandbilder berühmter Sprayer. (Video: lha/fh)

Die Stadtführung der anderen Art beginnt beim Novotel an der Münchensteinerstrasse. Nicht zufällig, denn im jungen Hotel haben Graffiti-Künstler einige der kahlen Betonwände gestaltet. Vermittelt hat diesen Auftrag Philipp Brogli, der in Basel das Artstübli, ein Forum für Urbane Kunst, betreibt. Er ist die zentrale Anlaufstelle für öffentliche Institutionen oder Firmen, die ihre Gebäude mit Urban-Art oder Graffiti schmücken wollen. Brogli hat auch die Graffiti-Tour Basel Line initiiert.

Die Basel Line bezeichnet die Bahnstrecke zwischen Muttenz und dem Bahnhof SBB. Über mehrere Kilometer reihen sich hier Wandbilder namhafter, zum Teil weltberühmter Sprayer. Es sei eine der letzten grossen solchen Lines in Europa. «Das ist ein kostenloses Freilichtmuseum und es ist immer offen», sagt Tourguide David Lucco. Der 33-jährige Kunstvermittler setzt sich seit seiner Jugend intensiv mit Graffiti auseinander. Auch er hat das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Sprayern an der Basel Line schon mitgemacht.

Beim Sprayen stets auf der Hut

Für Lucco sind die Wandbilder von Smash137, Dream oder dem verstorbenen Dare zweifelsohne Kunst. «Wir sind Kinder unserer Zeit. Van Gogh würde heute auch sprayen», sagt er. «Aber ist es nicht langweilig, immer das Gleiche an die Wand zu schreiben?», fragt ein Teilnehmer. Die Obsession am eigenen Künstlernamen ist für viele schwer nachvollziehbar. So hat Dare bis zu seinem Tod 20 Jahre lang den gleichen Namen auf die Wände gemalt. Man müsse schon ein wenig fanatisch sein, entgegnet Lucco. «Es ist Schriftdesign, da ist auch eine Entwicklung drin.»

Die Tour führt vorbei an den Einstiegsstellen, wo die Sprayer im Schutz der Nacht das Bahntrassee betreten. In der Nähe sei ein Securitas-Stützpunkt, erzählt Lucco. Da habe man immer aufpassen müssen. Selbst musste er auch schon vor einer Polizeistreife flüchten, als er vor Jahren mit Dare nahe des Zeughauses ein Bild sprayte. «Man muss schon sprinten können.» Diese wilden Zeiten seien für ihn nun aber vorbei, sagt der Gymnasiallehrer.

Geld oder Glaubwürdigkeit?

Einige namhafte Graffiti-Künstler haben mit ihren Werken mittlerweile Eingang in Galerien gefunden und sprayen fast nur noch auf Auftragsbasis. In der Szene sei Geld aber sehr umstritten. Viele wollten damit nichts zu tun haben, so Lucco. «Mir rief auch schon einer an und sagte, du arbeitest für den Feind.» Diese Haltung findet er aber kurzsichtig. «Regeln sind in einem Kontext, in dem man keine Regeln will, ein Widerspruch.»

Am Ende der zweieinhalbstündigen Tour, die zum Wendeplatz des 14er-Trams beim Schänzli führt, können die Teilnehmer dann selbst noch die Sprühdose in die Hand nehmen. Die Wände dort sind zum Sprayen freigegeben. Für viele eine Premiere. Am Ende der Tour bleiben eine Handvoll Bilder. Bald werden diese wieder übermalt sein. «Vergänglichkeit gehört zu Graffiti», sagt Lucco.

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