Heikle Schneesituation: Variantenfahrer löst Lawine aus – tot
Aktualisiert

Heikle SchneesituationVariantenfahrer löst Lawine aus – tot

Im Kanton Graubünden ist es am Montag erneut zu einem tödlichen Lawinenunfall gekommen. Experten kritisieren derweil den Leichtsinn der «Generation Selfie».

von
cho

Im Val Segnas, oberhalb von Disentis, löste ein Varianten-Skifahrer eine Lawine aus, die ihn selber erfasste und begrub.

Eine Gruppe von Variantenfahrern in der Nähe habe geholfen, den Verschütteten zu bergen. Doch der Mann habe nur noch tot aus den Schneemassen befreit werden können, sagte René Schuhmacher von der Bündner Polizei gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Der Unfall ereignete sich auf einer Höhe von etwa 1900 Metern ausserhalb der markierten Pisten. Das Val Segnas gehört in Disentis zu den klassischen Freeride-Abfahrten.

Lawinenniedergang im Wallis

Bei Nendaz im Kanton Wallis wurde am Montagnachmittag ein weiterer Skifahrer von einer Lawine mitgerissen und verletzt, wie die Polizei am Abend mitteilte. Der Genfer gehörte einer Gruppe von sieben Skifahrern an, die ebenfalls ausserhalb der markierten Pisten unterwegs war.

Seine Begleiter, die von der Lawine verschont blieben, konnten den Verschütteten bergen. Er wurde mit Verletzungen an der Schulter ins Spital gebracht.

Gefährliche Situation im Gebirge

Allein seit dem Wochenende sind in der Schweiz neun Menschen auf Skitouren respektive beim Freeriden ums Leben gekommen. Experten beklagen vor allem den Leichtsinn von Skifahrern und Snowboardern, die sich auf Variantenabfahrten abseits der Pisten begeben.

Ein schwarzer Tag war der Samstag. Fünf Menschen starben, nachdem am Piz Vilan im bündnerischen Prättigau eine Lawine eine Gruppe des SAC verschüttet hatte. Drei weitere Tote gab es im Berner Oberland und im Toggenburg. Diese drei Verunglückten waren auf Variantenabfahrten, wie das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) im Internet schreibt.

Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung

Gegen den Führer der im Kanton Graubünden verunglückten SAC-Gruppe wurde inzwischen ein Verfahren wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung eingeleitet. Das sagte Claudio Riedi, Sprecher der Bündner Staatsanwaltschaft, am Montag zu Medienberichten.

Ueli Mosimann von der Fachgruppe Sicherheit im Bergsport des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) sprach von einer statistisch ungewöhnlichen Häufung von Unfällen. Die Unglücke vom Wochenende hätten sich bei der Gefahrenstufe 3 «Erheblich» ereignet, sagte er auf Anfrage.

«In dieser Situation sind Skitouren mit gewissen Einschränkungen möglich, etwa wenn man steile Hänge meidet», sagte er. Tourengänger müssten zudem die Gefahrenlage vor Ort beurteilen können, und das sei nicht immer einfach. Wegen des verspäteten Winteranfangs sei die Schneedecke vor allem im Wallis und in Graubünden schlecht aufgebaut.

Auf die Frage, ob Skifahrer abseits der Pisten leichtsinniger sind als früher, forderte Mosimann eine Differenzierung: SAC-Gruppen wie jene, die am Samstag am Piz Vilan verunglückte, seien gut ausgebildet. Die SAC-Tourenleiter würden sich mit dem Einschätzen der Lage bei der Warnstufe 3 gut auskennen.

«Generation Selfie»

Lawinenexperte Werner Munter ist nicht erstaunt über die Opferbilanz des Wochenendes, wie er der Zeitung «Le Matin» in einem Interview sagte. Skifahrer würden in Unkenntnis der Lawinensituation zu hohe Risiken eingehen. Und gerade in der «Generation Selfie» sei die Einstellung verbreitet, immer alles zu wollen, sofort.

Hilfsmittel wie Lawinenverschüttetensuchgeräte (LVS) oder Airbags vermittelten Skifahrern den Eindruck des «Null-Risikos». Heutige Skimodelle erlaubten auch weniger Geübten Abfahrten, die früher nur ausgezeichnete Techniker gemeistert hätten. Er plädiert deshalb für mehr Prävention. Denn: «Der Schnee macht gewisse Skifahrer verrückt.» (cho/sda)

Deine Meinung