Aktualisiert 20.10.2011 10:05

Gilad ist zurückVater Schalit hat seinen Sohn wieder

Endlich ist es soweit: Die Familie des freigelassenen Soldaten Gilad Schalit hat ihren verlorenen Sohn wieder. Sie nahm den 25-Jährigen nach seiner Freilassung auf der Militärbasis Tel Nof in Empfang.

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mlu/jam

Der von der radikalislamischen Hamas freigelassene israelische Soldat Gilad Schalit ist am Dienstag zum lang ersehnten Wiedersehen mit seiner Familie auf dem Luftwaffenstützpunkt Tel Nof eingetroffen. Schalit landete mit einem Militärhubschrauber in Tel Nof. Dort warteten seine Eltern, Noam und Aviva Schalit. Sie hatten sich seit seiner Verschleppung vor mehr als fünf Jahren unermüdlich für seine Freilassung eingesetzt.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu habe den Eltern zu Beginn des Treffens gesagt: «Ich habe euch euer Kind zurückgebracht», teilte das Büro des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit. Zu Schalit habe Netanjahu gesagt: «Willkommen in Israel, Gilad. Wie gut, dass du zurückgekommen bist.»

Nachdem er Gilad Schalit begrüsst hatte, warnte Netanjahu die am Dienstag freigelassenen palästinensischen Extremisten vor einer Rückkehr zur Gewalt. «Wir werden den Terror weiter bekämpfen und jeder freigelassene Terrorist, der zum Terror zurückkehrt, wird dafür zur Rechenschaft gezogen», sagte Netanjahu.

Auch Verteidigungsminister Ehud Barak sowie Generalstabschef Benny Ganz waren bei der Zusammenkunft anwesend. Anschliessend sollte ein Helikopter die Familie zurück in ihren Heimatort Mizpe Hila im Norden Israels bringen. Die israelischen Behörden baten Journalisten darum, in den kommenden Tagen die Privatsphäre der Familie zu respektieren. Die Strasse, in der Schalits Elternhaus steht, wurde für den Verkehr gesperrt.

Erstes Telefon seit fünf Jahren

Zuvor hatte Schalit am Morgen mit seinen Eltern telefoniert. Das israelische Fernsehen meldete, der 25-Jährige habe von einem Militärstützpunkt an der Grenze zu Ägypten aus mit ihnen gesprochen.

Das Fernsehen zeigte erste Bilder von Schalit nach seiner Rückkehr nach Israel. Ein israelischer Soldat ging neben ihm und legte seinen Arm um den jungen Mann. Schalit lächelte, wirkte aber scheu.

Er wurde den Angaben zufolge ärztlich untersucht. Man habe seinen Blutdruck gemessen und gefragt, ob er verletzt sei oder Schmerzen habe. Auf den Bildern sah Schalit sehr hager aus; er hatte dunkle Augenringe.

Shalit gilt als Kriegsinvalider

Die Armee hat ihm wegen seiner langen Geiselhaft den Status eines Kriegsinvaliden verliehen. Er muss nie wieder dienen. Nach der ärztlichen Untersuchung sollte Schalit mit einem Helikopter zu einem Treffen mit seinen Eltern geflogen werden.

In den Palästinensergebieten sind die freigelassenen Häftlinge mit grossem Jubel begrüsst worden. In Ramallah küsste Palästinenserpräsident Mahmud Abbas freigelassene Gefangene, die zu seinem Amtssitz gebracht wurden.

Auch im Gazastreifen feierten Tausende Menschen die Ankunft von Häftlingen, die Israel im Tausch gegen den 2006 entführten Soldaten Gilad Schalit freigelassen hat. Etwa 40 Gefangene sollen über Ägypten in Drittländer abgeschoben werden.

Zusammenstösse beim Übergang Beitunia

In der Nähe des Übergang Beitunia in das Westjordanland kam es während des Häftlingsaustauschs zu Zusammenstössen palästinensischer Demonstranten mit israelischen Sicherheitskräften.

Die israelische Armee teilte mit, etwa 1500 Palästinenser hätten Steine geworfen und Reifen in Brand gesetzt. Die Sicherheitskräfte hätten Tränengas eingesetzt.

Die Freilassung Schalits ist Teil eines gross angelegten Gefangenenaustauschs zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas-Bewegung im Gazastreifen. Die Hamas hat ihn zuvor offiziell an Ägypten übergeben.

Erstes Wiedersehen nach fünf Jahren

(Quelle: YouTube/Foxnews)

Insgesamt sind heute Dienstag 477 Palästinenser freigekommen, einige von ihnen nach Jahrzehnten hinter Gittern. Die übrigen 550 werden erst in zwei Monaten aus der Gefangenschaft entlassen.

Einsprüche abgewiesen

Der Austausch begann nur Stunden, nachdem der Oberste Gerichtshof vier Eingaben gegen die Freilassung von Palästinensern in einem Eilverfahren zurückgewiesen hatte. Die Antragsteller waren Hinterbliebene von Opfern palästinensischer Terroranschläge.

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon wertete den Austausch als «Schritt in Richtung Frieden», wie er am Rande seines Besuchs in Bern sagte. In der israelischen Bevölkerung begrüsst eine grosse Mehrheit den vereinbarten Gefangenenaustausch. Auch Schalit selber sagte in dem TV-Interview, dass er hoffe, dass dieser Gefangenenaustausch dem Frieden in der Region zuträglich sei.

In einer von der Tageszeitung «Jediot Ahronot» veröffentlichten Umfrage sprachen sich 79 Prozent der Israelis für die Freilassung der Palästinenser im Gegenzug für Schalit aus. Nur 14 Prozent der Befragten lehnten dies ab.

Es ist das erste Mal seit 26 Jahren, dass ein israelischer Soldat lebend aus der Gefangenschaft heimkehrt.

(Erstes TV-Interview im ägyptischen Fersehen mit englischer Übersetzung)

Schalit war ein 19-jähriger Hauptgefreiter, als er am 25. Juni 2006 von der Hamas und zwei weiteren Palästinensergruppen an der Grenze zum Gazastreifen entführt wurde. Zwei weitere israelische Soldaten starben bei dem Angriff, ein dritter wurde schwer verletzt.

Der Soldat mit dem Kindergesicht wurde daraufhin in seiner Heimat zu einer Berühmtheit. Seit seiner Verschleppung durfte Schalit einige Briefe und ein Tonband an seine Familie schicken. Israelische Politiker und Armeechefs besuchten die verzweifelten Eltern. Zuletzt campierte Schalits Familie etwa 15 Monate lang vor dem Dienstsitz von Regierungschef Benjamin Netanjahu.

Über tausend Gefangene

Israel und die Hamas hatten sich in der letzte Woche auf den Austausch verständigt. Unter den palästinensischen Häftlingen sind mehrere, die wegen blutiger Anschläge in Israel verurteilt worden waren. Netanjahu erklärte am Montag in einem Brief an die Angehörigen der Anschlagsopfer seine Gründe für den Austausch.

Im Gazastreifen erklärte die regierende Hamas den Dienstag zum nationalen Feiertag. Im Westjordanland und in Ost-Jerusalem wurden Feste vorbereitet. In palästinensischen Städten soll drei Tage lang gefeiert werden. (mlu/jam/sda/dapd)

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