Vater Schlumpf: «Wenn sie mich fragen würde...»
Aktualisiert

Vater Schlumpf: «Wenn sie mich fragen würde...»

Im Herbst war Eveline Widmer-Schlumpf sogar SVP-intern als Bundesrätin im Gespräch. Die Wahl seiner Tochter hat jetzt aber auch ihren Vater, Alt-Bundesrat Leon Schlumpf, überrascht - zu Hause auf dem Sofa.

Eveline Widmer-Schlumpf ist unvereidigte Bundesrätin für einen Tag. Die Wahl hat viele überrascht - auch ihren bekannten Vater. 20minuten.ch erreichte den Alt-Bundesrat Leon Schlumpf zu Hause auf dem Sofa, wo er gebannt den Wahlausgang verfolgte. «Ich und meine Frau wurden heute Morgen völlig überrascht, als wir hörten, dass unsere Tochter als Bundesratskandidatin portiert wird», sagt der Alt-Bundesrat gegenüber 20minuten.ch. Die Wahl sei dann die nächste Überraschung gewesen. «Ihr Name fiel zwar hie und da im Vorfeld der Bundesratswahlen, dass es aber akut werden würde, mit dem hätte ich nicht gerechnet.»

Mit seiner Tochter habe er seit der Wahl nicht gesprochen. «Eveline ist eine sehr eigenständige Person. Sie diskutiert gerne. Aber konkret um Rat fragt sie ihren Vater nicht», sagt der ehemalige Verkehrs- und Energieminister. Und: «Ich habe keine Ahnung, ob sie die Wahl jetzt annimmt.» Mehr möchte Leon Schlumpf derzeit nicht über die Bundesratswahlen sagen, «weil sie sich eine Bedenkzeit erbeten hat».

Hohes Ansehen überall

Die 1956 geborene Tochter von Alt-Bundesrat Schlumpf gilt als ehrgeizig und als grosse Schafferin, die über die Parteigrenzen hinweg und auch in der Bevölkerung hohes Ansehen geniesst.

Nach einem Jurastudium an der Universität Zürich arbeitete sie als Rechtsanwältin und Notarin. 1998 wurde sie im ersten Wahlgang mit dem besten Resultat aller Kandidaten in die Bündner Kantonsregierung gewählt. 2002 und 2006 wurde sie mit Spitzenresultaten bestätigt.

«Sie wird es weit bringen»

Georg Danuser kennt Eveline Widmer-Schlumpf schon seit Kindstagen. «Ich habe bereits früh gemerkt, dass sie es mit ihrem Charisma und ihrem Können weit bringen wird», sagt der SVP-Parteikollege zu 20minuten.ch. Danuser arbeitete während 37 Jahren als Sekretär am Kreisgericht Trins, wo er Eveline Widmer-Schlumpf auch als Vorgesetzte erlebte: «Natürlich waren wir nicht immer derselben Meinung, aber ich kann mich wirklich an nichts Negatives erinnern.»

Erste Frau in der Bündner Regierung

Als erste Frau in der Bündner Regierung stand die heute 51-Jährige ununterbrochen dem Finanzdepartement vor. Im Kantonsparlament gilt sie als rasche Denkerin und gewiefte Rhetorikerin, der es immer wieder gelingt, auch politische Gegner zu überzeugen und unpopuläre Vorlagen durchzubringen.

Sieg über die Finanzen

Auch Urs Brasser, Finanzsekretär des Kantons Graubünden, ist voll des Lobes. Er arbeitet bei der Ausformulierung und der Umsetzung der Kantonalen Finanzpolitik eng mit Eveline Widmer-Schlumpf zusammen. «Ich erlebe Frau Widmer-Schlumpf als sehr kompetent und umgänglich», so Brasser, «was sie anpackt, erledigt sie unheimlich effizient und gewissenhaft. Gleichzeitig ist sie sehr erfolgreich: Die Kantonalen Finanzen sind im Lot.»

Tatsächlich war es vor allem der Überzeugungskraft von Eveline Widmer-Schlumpf zu verdanken, dass das Parlament 2003 das grösste Sparprogramm in der Geschichte Graubündens verabschiedete. Seit 2001 präsidiert sie die Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren.

Wortreicher Auftritt gegen Steuersenkungen

Die Finanzen blieben auch weiterhin ihr Lieblingsthema. Schweizweit sorgte sie für Schlagzeilen, als sie sich 2004 an vorderster Front gegen Steuersenkungen auf Bundesebene einsetzte. Dabei nahm die dreifache Mutter wie so oft kein Blatt vor den Mund: Mit den Schlagworten «unkorrekt, untragbar, unsinnig und ungerecht» brandmarkte sie als Sprecherin der Referendumskantone die Vorlage. Das Volk lehnte das Ansinnen schliesslich ab, und kein einziger Kanton stimmte zu.

«Wenn sie sich eine Bedenkzeit ausbedungen hat...»

Und nun steht die 51-jährige Eveline Widmer-Schlumpf also vor dem Sprung in die Fussstapfen ihres Vaters. Urs Brasser ist davon überzeugt, dass sie sich als Bundesrätin sehr gut eignen würde. «Wenn sie sich eine Bedenkzeit ausbedungen hat, dann sicherlich nicht, weil sie glaubt, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen wäre.» Diesen Eindruck bestätigt Christian Wanner, Vizepräsident der Finanzdirektorenkonferenz und Solothurner Finanzdirektor auf Anfrage von 20minuten.ch: «Widmer-Schlumpf ist die absolute Idealbesetzung für den Bundesrat. Sie hat grosse Exekutiverfahrung und kennt die nationalen Dossiers bereits sehr gut. Sie ist hartnäckig, aber nie verletzend und in der Lage Lösungen zu suchen und zu finden, die sich durchsetzen lassen.»

«Blocherflügel oder nicht ist egal»

Ob sie sich morgen tatsächlich vereidigen lassen wird, wird wohl in einer langen Nacht entschieden werden. Ihr Vater Leon Schlumpf wollte dazu keine Prognose abgeben. Wie viel Einfluss die Blocher-Getreuen auf die Bündner Regierungsrätin ausüben können, wird sich zeigen. Vater Schlumpf sagt gegenüber 20minuten.ch: «Die Bündner waren schon immer bekannt dafür, dass sie ihre eigene Meinung vertreten. Ob Blocherflügel oder nicht, spielt deshalb keine Rolle. Die Bündner SVP ist seit je her demokratisch, marktwirtschaftlich und liberal.»

(meg/tif/thi/sda)

Wie geht es weiter?

Lehnt Widmer-Schlumpf die Wahl ab, wird die SVP noch einmal mit Christoph Blocher antreten. Ist dies der Fall, müssten die Blocher-Gegner einen neuen Kandidaten aus der SVP portieren. Doch wer von der SVP würde gegen Blocher antreten, nachdem eine gewählte Bundesrätin eingeknickt ist. Möglich ist auch, dass dann die CVP einen Kandidaten gegen Blocher aufstellen wird.

Nimmt Eveline Widmer-Schlumpf jedoch die Wahl an, geht die SVP in die Opposition. Weder Widmer-Schlumpf noch der gewählte Samuel Schmid wären dann Mitglied der SVP-Fraktion. Parteipräsident Ueli Maurer hat bereits Samuel Schmid aus der Fraktion verbannt. Schmid liess sich vereidigen, nachdem Blocher die Wiederwahl nicht geschafft hatte. Damit hat der Verteidigungsminister offensichtlich gegen die Parteidoktrin verstossen.

Ob Widmer-Schlumpf oder Samuel Schmid ohne Fraktionszugehörigkeit in der Regierung einsitzen werden, ist demnach ebenso offen, wie die Frage, ob sich eine eigene Fraktion aus abtrünnigen SVPlern bilden wird.

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