Aktualisiert 23.09.2011 10:05

Gottesfrau gegen AllahVater, vergib ihr!

Dreimal hat sich die Berner Pfarrerin Christine Dietrich vom internationalen Islamhasser-Netzwerk «Politically Incorrect» distanziert. Dreimal hat die Seelsorgerin gelogen. Noch steht die Refomierte Kirche zu ihr.

von
Amir Mustedanagic

Ihre Stimme klingt entschlossen, ihre Worte aber sind mild: «Haben Sie denn nie einen Fehler gemacht?» Christine Dietrich bittet um Erbarmen. Dafür scheint es nun reichlich spät.

Die Berner Pfarrerin war Bloggerin auf der muslimfeindlichen Webseite «Politically Incorrect» (PI) und gemäss Recherchen mehrerer deutscher Zeitungen gar «Co-Chefin» des virtuellen Treffpunkts der Islamhasser. «Ich habe auch Beiträge aufgeschaltet», sagt Dietrich gegenüber 20 Minuten Online. Sie hat zur Ehrlichkeit gefunden, seit ihre Verbindung publik geworden ist. «Vielleicht bin ich jetzt auch etwas zu ehrlich.» Im «Tages-Anzeiger» distanzierte sie sich diese Woche von der Website - es ist bereits das dritte Mal.

Das Manifest des Attentäters

Ihr Engagement für PI sei «ein böser Fehler aus der Vergangenheit», sagt die Pfarrerin heute. Mittlerweile sammelt die Reformierte Kirche Bern-Jura-Solothurn Fakten zu den Vorwürfen. «Der Synodalrat wird bis Ende Woche entscheiden, ob eine Untersuchung gegen Christine Dietrich eingeleitet wird», so Kirchensprecher Thomas Gehrig.

2007 das erste Mal aufgeflogen

Dietrichs Teilnahme am islamfeindlichen Blog war bereits 2007 bekannt geworden. Wenig später teilte PI mit, dass «die tapfere Christine» keine Gastbeiträge mehr schreiben werde. Was war geschehen? Auf Druck der Medien ging die Gottesfrau aus Siselen BE auf Distanz. Vordergründig. In Wahrheit schrieb Dietrich weiter – unter Pseudonymen. «Aber nur einige wenige Beiträge», wie sie betont. «Ein böser Fehler!»

Obwohl sie «das Gedankengut dieser Leute» nicht teile und «nichts gegen den Islam habe», blieb es nicht bei der virtuellen, anonymisierten Beteiligung bei PI: Die hauptberuflich Nächstenliebe und Frieden predigende Pfarrerin marschierte auch bei Anti-Islam-Demos mit. «Diese Leute haben noch nicht wahrgenommen, dass der Islam nicht nur Frieden bedeutet», predigte sie am Rande einer solchen Demo im Oktober 2009.

(Quelle Videos: youtube.com)

Heute kann Dietrich nicht mehr über die «pathologisch guten» Gegen-Demonstranten lachen, vielmehr nennt sie auch das Interview einen «bösen Fehler». Noch am selben Tag übersetzt sie eine Rede von Robert Spencer. Der Amerikaner ist der bekannteste Prediger der Anti-Islam-Bewegung; der norwegische Amokläufer Andreas Breivik zitierte ihn seiner Kampfschrift gegen «Multikulti» und «Islamisierung» 162 Mal. Nur fünf Monate vor diesem Auftritt segnete Dietrich eine andere Anti-Islam-Demo.

Den Segen habe sie einer Einzelperson zuliebe geleistet. «Ich habe darin niemanden verletzt», sagt sie. Die evangelische Kirche Köln nennt die Veranstaltung später eine «rechtsradikale Hetzjagd». «Ich war zu weich», meint sie. «Ich habe mich von PI-Leuten beknien lassen und immer wieder geholfen.» Das letzte Mal nachweislich im März 2010 auf einer Anti-Islam-Veranstaltung von «ProNRW», wie eine Reportage des ZDF zeigt.

«Ich wollte nicht gefilmt werden»

«ProNRW» gehört wie Pro Köln zur schrecklich hasserfüllten Familie der neuen Rechts-aussen Bewegungen in Europa und wird vom Deutschen Verfassungsschutz beobachtet. Dass sie bei der Veranstaltung 2010 gefilmt wurde, ist Dietrich peinlich. «Ich wollte im Hintergrund bleiben, weil es doch so schlecht ankam.» Tatsächlich ist Dietrich nur zufällig in der Reportage zu sehen. Der Kameramann filmte den Vorsitzenden von «ProNRW», Markus Beisicht und den schwedischen Millionär und gemäss «Spiegel» und «ZDF» rechtsextremistischen Patrik Brinkmann. Dietrich stand im Hintergrund.

Im August 2010 teilt Dietrich der Kirche «glaubwürdig» mit, dass sie nicht mehr bei PI aktiv sei. Ob die Kirche von der ZDF-Reportage weiss, ist unklar. Aus Sicht von Dietrich ist das nicht weiter wichtig, schliesslich sei sie als Privatperson dort gewesen. Sie habe «nur» einem Journalisten von PI bei der Technik geholfen. «Ich habe nicht gewusst, was das für eine Veranstaltung war.» Dass dort auch NPD-Anhänger mitmachten, will sie nicht gewusst haben. «Ich unterstütze doch keine Antisemiten!», empört sie sich.

Gibt es den Jesus-Passus im Arbeitsvertrag?

Vielmehr begründet die Berner Pfarrerin ihr Engagement bei PI mit einer Pro-Israel-Haltung. Sie habe einen «Gegenpol zur Israel-kritischen Berichterstattung der normalen Medien» schaffen wollen. Dass sie das auf einer bekennenden Anti-Islam-Website tat, bezeichnet sie wechselnd als «naiv» oder «blauäugig». Sie habe auf dem Blog auch «schreckliche Kommentare» gelöscht. Um im nächsten Moment die PI-Leute wieder bei Server-Problemen zu unterstützen.

Die tapfere Pfarrerin aus Siselen BE gibt «böse Fehler» zu und bereut. Nun will sie endgültig alle Kontakte zu PI und dessen unsympathischen Umfeld abgebrochen haben. Auch die persönlichen. «Keine Mails, keine Hilfe mehr!», betont sie. «Haben Sie denn nie einen Fehler gemacht?» Doch, natürlich. Aber dreimal denselben?

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