Aktualisiert 10.06.2015 15:31

Entführungsprozess SG

Vater verschleppte Teenie-Töchter in den Libanon

Ein 48-Jähriger lockte seine Frau und seine Kinder in den Libanon. Dort begann für die Töchter, die er zwangsverheiraten wollte, eine 600-tägige Leidenszeit.

von
dia
Dem Beschuldigten droht eine siebenjährige Freiheitsstrafe: Fernsehkameras vor dem Rathaus Rheineck, wo die Verhandlung stattfand. (10. Juni 2015)

Dem Beschuldigten droht eine siebenjährige Freiheitsstrafe: Fernsehkameras vor dem Rathaus Rheineck, wo die Verhandlung stattfand. (10. Juni 2015)

Mehrere Jahre nach der Entführung seiner Kinder in den Libanon steht ein Vater vor dem Kreisgericht Rheintal. Weil er seine beiden Töchter monatelang im Libanon festhielt, droht ihm eine siebenjährige Freiheitsstrafe. Der 48-Jährige, der seit 30 Jahren in der Schweiz lebt, bestreitet die Tat.

Laut Anklage hatte der Libanese im September 2009 seine Schweizer Ehefrau mit den gemeinsamen Kindern im Alter von 11, 13, 16 und 17 Jahren unter dem Vorwand der Doppelheirat seiner Neffen in den Libanon gelockt.

Töchter festgehalten

In seinem Heimatort Baalbek nahm er Frau und Kindern die Pässe, Flugtickets und die Mobiltelefone ab und eröffnete ihnen, die Familie werde die nächsten zwei Jahre im Libanon bleiben.

Drei Wochen später konnte die Mutter mit den beiden Söhnen aus dem Libanon ausreisen. Den 13- und 16-jährigen Töchtern verweigerte der Angeklagte jedoch die Rückreise in die Schweiz.

Scharia-Gericht verhängte Ausreisesperre

Der Angeklagte habe bei einem Scharia-Gericht eine Ausreisesperre gegen seine Töchter verhängen lassen, sagte die Staatsanwältin: «Die beiden Mädchen waren in einem Dorf in einer von der Hizbollah beherrschten Region gefangen und wussten nicht, ob sie jemals wieder zurück in die Schweiz konnten.»

Der Angeklagte habe seine ältere Tochter immer wieder geschlagen und ihr gedroht, sie zu töten oder in den Iran zu bringen. Die beiden Mädchen seien derart eingeschüchtert gewesen, dass sie gegenüber den libanesischen Behörden und der Schweizer Botschaft angaben, sie seien freiwillig im Land.

Auch als der Vater zurück in die Schweiz reiste und dort verhaftet wurde, blieben die Mädchen bei den Verwandten des Angeklagten gefangen. Erst im April 2011 gelang es den Behörden, die beiden Teenager zurück in die Schweiz zu bringen. Wegen mehrfacher Freiheitsberaubung und Entführung verlangt die Staatsanwältin eine siebenjährige Freiheitsstrafe.

Töchter sind traumatisiert

Die beiden heute erwachsenen Töchter folgten der Verhandlung unter Tränen. Sie fordern von ihrem Vater eine Genugtuung von je 240'000 Franken und die Wiedergutmachung des finanziellen Schadens, der durch die Entführung und Gefangenschaft entstanden sei, in der Höhe von mehreren hunderttausend Franken.

Die jungen Frauen seien traumatisiert und litten auch vier Jahre nach ihrer Rückführung unter Panikattacken, sagte der Opfervertreter. Ihr eigener Vater habe sie an die Verwandtschaft verschachern wollen. «Den Mädchen drohte eine Zwangsheirat und das Leben in einem Kulturkreis, in dem Frauen absolut keine Rechte haben», sagte der Rechtsanwalt.

Gewalttätiger Vater

«Die beiden Teenager haben ein 600-tägiges Martyrium erlebt». Das Unrecht, das den beiden Kindern von ihrem Vater angetan worden sei, sei niemals mit Geld gutzumachen. Er erachte eine Entschädigung von 400 Franken für jeden Tag der Gefangenschaft jedoch als angebracht - auch wenn er als Vertreter mehrerer Opfer von Kindesentführungen wisse, dass das Gericht die hohen Genugtuungsforderungen stark kürzen werde.

Er las einen Brief vor, den die ältere Tochter ihrem Vater nach ihrer Rückkehr in die Schweiz geschrieben hat. Darin heisst es: «Du hast mich seit meinem siebten Lebensjahr immer wieder verprügelt. Das einzige, was ich von dir habe, ist eine sieben Zentimeter lange Narbe an meinem Rücken.» (dia/sda)

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