12.04.2016 03:49

Kantonsgericht St.Gallen

Vater verschleppte Töchter für Zwangsheirat

Am Dienstag steht Zain T.* vor Gericht. Er hatte 2009 seine Töchter in den Libanon entführt. 2015 wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt – nun will er einen Freispruch.

von
taw

Das Kantonsgericht St. Gallen muss sich am Dienstag mit Zain T.* beschäftigten. Dem 49-Jährigen wird vorgeworfen, seine Familie arglistig in den Libanon gelockt und dort festgehalten zu haben.

Das Kreisgericht Rheintal verurteilte T. deshalb im Juni 2015 wegen mehrfacher qualifizierter Entführung sowie mehrfachem Entziehen von Unmündigen zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Zudem verpflichtete es T. zu Genugtuungsleistungen an seine Ehefrau und die beiden Töchter.

T. gab sich damit nicht zufrieden. Schon vor dem Kreisgericht bestritt er alle Vorwürfe. Im Berufungsverfahren verlangt er einen vollumfänglichen Freispruch sowie die Abweisung der Zivilforderungen.

Monatelanges Feilschen

Begonnen hat alles am 11. September 2009. Laut Anklage lockte T. seine Ehefrau und die gemeinsamen Kinder im Alter von 11, 13, 16 und 17 Jahren unter dem Vorwand der Doppelheirat seiner Neffen in den Libanon. Dort angekommen nahm er ihnen Pässe, Flugtickets und Handys ab. Als sich die älteste Tochter dagegen wehrte, sagte er ihr laut Anklage, er könne sie jederzeit abschlachten, es habe auf dem Friedhof viel Platz.

Nach drei Wochen konnte die Mutter mit den beiden Söhnen zurück in die Schweiz. Die Töchter mussten allerdings bleiben. T.s Ziel war es, die beiden gegen ihren Willen zu verheiraten. Bei einem Scharia-Gericht liess er eine Ausreisesperre gegen die Töchter verhängen.

Erst im April 2011 gelang es den Behörden, die beiden Teenager zurück in die Schweiz zu bringen. Dem war ein monatelanges Feilschen um die Mädchen vorhergegangen, in das neben der St. Galler Staats­anwaltschaft auch das Aussendepartement und libanesische Gerichte involviert waren, wie die «Weltwoche» berichtete. Mittendrin war T., der immer wieder neue Forderungen stellte. Mal verlangte er, dass seine Frau ihren Scheidungsantrag zurückziehe, mal forderte er einen erhöhten Anteil von ihrer Pensionskasse. Zudem sagte er, dass die Entführung der Töchter nicht seine Sache sei, sondern vom älteren Bruder befohlen wurde.

Als die Mädchen freikamen wurde er aus der U-Haft entlassen. Seine Noch-Ehefrau versprach, ihre Strafanzeige zurückzuziehen, wenn er die Töchter zurückbringe. Wie die «Weltwoche» schreibt, hatte der Vater allerdings nichts mit der Freilassung zu tun gehabt, im Gegenteil: Sein Clan versuchte noch in letzter Minute, ihre Ausreise zu verhindern. Der zuständige Staatsanwalt rechtfertigte die Freilassung mit der Unschuldsvermutung, da T. stets bestritt die Mädchen entführt zu haben.

Fällt schwer, ihn noch Vater zu nennen

Für die Mädchen glich die Entführung einer Geiselhaft. Kurz nach der Befreiung erzählten sie in einem Interview mit der«Weltwoche», wie ihnen während der Entführung klar wurde, wie sehr sie Schweizerinnen seien. Auch falle es ihnen schwer, ihren Vater nach allem, was passiert sei, noch Vater zu nennen. Die ältere Tochter erzählte auch, wie sie von ihrem Vater geschlagen wurde, weil sie und ihr Bruder über eine mögliche Flucht sprachen: «Er schleppte mich in den Keller, wo er mich windelweich prügelte. Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen, mein ganzer Körper war danach mit Platzwunden und Hämatomen übersät.»

* Name der Redaktion bekannt

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