Zürich: Vater vom Vorwurf, sein Baby zu Tode geschüttelt zu haben, freigesprochen 

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ZürichVater vom Vorwurf, sein Baby zu Tode geschüttelt zu haben, freigesprochen 

Ein 46-jähriger Mann, der sein acht Monate altes Baby getötet haben soll, wurde am Mittwoch freigesprochen. Damit bestätigte das Obergericht das Urteil der Vorinstanz.

von
Stefan Hohler
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Der 46-jährige Vater wollte vor Gericht keine Aussagen machen: «Ich habe mich im Vorverfahren ausführlich dazu geäussert.»

Der 46-jährige Vater wollte vor Gericht keine Aussagen machen: «Ich habe mich im Vorverfahren ausführlich dazu geäussert.»

20min
Das Zürcher Obergericht bestätigte am Mittwochabend das Urteil der Vorinstanz.

Das Zürcher Obergericht bestätigte am Mittwochabend das Urteil der Vorinstanz.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts 

  • Ein Vater aus dem Bezirk Hinwil war angeklagt, weil er sein achtmonatiges Söhnchen zu Tode geschüttelt haben soll.

  • Der 46-jährige IT-Spezialist bestritt den Vorwurf.

  • Der Staatsanwalt verlangte eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren wegen vorsätzlicher Tötung.

  • Das Obergericht hat den Mann aber, wie auch schon die Vorinstanz, freigesprochen.

Es war ein überraschendes Urteil, als das Bezirksgericht Hinwil im Juni 2021 einen Vater vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung freisprach und ihm Entschädigung und Genugtuung von 225’000 Franken für die eineinhalbjährige Haft zusprach. Für das Gericht gab es keine Beweise, dass der Beschuldigte im Sommer 2019 das Baby zu Tode geschüttelt hat. Laut Anklage soll der Säugling durch die heftigen Schüttelbewegungen eine Hirnblutung und in der Folge eine Atemlähmung erlitten haben. Er starb am Tag darauf im Kinderspital. Gegen den Freispruch erhob der Staatsanwalt Berufung, sodass der Fall am Mittwoch vor dem Obergericht behandelt wurde.

Das Gericht bestätigte das Urteil der Vorinstanz und sprach den Vater frei. «Es gibt im rechtsmedizinischen Gutachten keine zweifelsfreie Bestätigung für ein mehrfaches Schütteltrauma», begründete der vorsitzende Richter. Es fehle an zweifelsfreien Nachweisen von Schüttelvorgängen. Bezüglich des Aussageverhaltens nimmt das Gericht den Beschuldigten in Schutz. «Er suchte selbst nach Erklärungen für die Verletzungen.» Dies sei nachvollziehbar, sagte der Richter. 

Der Vater schweigt vor Gericht 

Der heute 46-jährige IT-Spezialist machte am Prozess keine Aussagen – wie schon bei der Vorinstanz. «Ich habe mich im Vorverfahren ausführlich dazu geäussert», begründete er sein Schweigen. Er hat weiterhin regelmässigen Kontakt zu seinem zweiten Sohn, welcher bei der geschiedenen Ehefrau lebt.

Der Staatsanwalt verlangte eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren. «Sein Verhalten löst Schaudern aus. Obwohl das Kind zuckte, kreidebleich war und die Augen verdrehte, hat er nicht die Sanität alarmiert», sagte er. Der Vater habe mehrere Stunden gewartet, bis seine Ehefrau am Abend nach Hause kam. Diese wählte sofort den Notruf. Zudem habe der Mann die beiden auch nicht ins Kinderspital begleitet.

Laut Anklage hat der Beschuldigte das Söhnchen an mehreren Vorfällen geschüttelt. «Er war mit der Betreuung offensichtlich überfordert», ist der Staatsanwalt überzeugt. Als Täter komme nur er infrage. «Er hat ohne medizinische Ausbildung abstruse und abenteuerliche Unfallszenarien zum Kindestod gemacht.» Diese würden den Expertenaussagen widersprechen.

Schütteltrauma weder bestätigen noch ausschliessen 

Dagegen verlangte die Verteidigerin die Bestätigung des Freispruchs des Bezirksgerichts Hinwil. «Mein Mandant hat den Ernst der Lage falsch eingeschätzt», begründete sie dessen Nichtstun an jenem Abend. Weiter sagte die Anwältin, dass das Kind eine Frühgeburt war und den grössten Teil seines kurzen Lebens im Spital verbrachte. Der Säugling sei engmaschig medizinisch betreut worden, nie sei einem der behandelnden Ärzte eine Gewaltanwendung aufgefallen. «Das medizinische Gutachten kann ein Schütteltrauma weder bestätigen noch zweifelsfrei ausschliessen», betonte sie. Die Hirnblutung hätte auch durch einen erhöhten Hirndruck entstehen können. Zum Schluss sagte die Verteidigerin, dass es kein Motiv für ein Tötungsdelikt gibt: «Das Söhnchen war ein Wunschkind gewesen.» 

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Kind verloren?

Hier findest du Hilfe:

Fachstelle Kindsverlust, Beratung während Schwangerschaft, Geburt und erster Lebenszeit

Himmelskind.ch, für Akuthilfe und Trauerbegleitung

SIDS, nach plötzlichem Kindstod

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Mein-Sternenkind.ch, für betroffene Väter, Familien, Angehörige

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Appella, Telefon- und Onlineberatung bei früher Fehlgeburt

Pro Pallium, Trauergespräche und Trauertreffen

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Jüdische Fürsorge, info@vsjf.ch

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