06.04.2020 14:21

Kontrovers

Vegetarier warnen wegen Corona vor Fleischkonsum

Vegetarier sind überzeugt: Würden wir weniger Fleisch essen, würde das Epidemierisiko sinken. Der Tierschutz findet es daneben, die Corona-Krise für eigene Zwecke zu nutzen.

von
Daniel Graf
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In der Schweiz wird viel Fleisch konsumiert. Vegetarier sehen darin einen Zusammenhang zum Ausbruch von Pandemien. (Symbolbild)

In der Schweiz wird viel Fleisch konsumiert. Vegetarier sehen darin einen Zusammenhang zum Ausbruch von Pandemien. (Symbolbild)

Keystone/Gaetan Bally
Vegetarier nutzen die aktuelle Krise, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen (Symbolbild 2014).

Vegetarier nutzen die aktuelle Krise, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen (Symbolbild 2014).

Keystone/Lukas Lehmann
Luzian Franzini, Zuger Kantonsrat von den Jungen Grünen, findet, es sollte bereits jetzt über eine nachhaltigere Politik nachgedacht werden, um das Risiko künftiger Epidemien zu verkleinern: «Durch den hohen Fleischkonsum in der Schweiz begünstigen wir indirekt die Abholzung von Regenwäldern für Massentierhaltung und die Futtermittelproduktion.»

Luzian Franzini, Zuger Kantonsrat von den Jungen Grünen, findet, es sollte bereits jetzt über eine nachhaltigere Politik nachgedacht werden, um das Risiko künftiger Epidemien zu verkleinern: «Durch den hohen Fleischkonsum in der Schweiz begünstigen wir indirekt die Abholzung von Regenwäldern für Massentierhaltung und die Futtermittelproduktion.»

Keystone/AP

Die Frage, was der Fleischkonsum des Menschen mit der aktuellen Corona-Pandemie zu tun hat, wird kontrovers diskutiert. Danielle Cotten, Pressesprecherin des Vereins Swissveg, sagt: «Wir vertreten die Meinung, dass die Wahrscheinlichkeit solcher Epidemien aufgrund des Verzehrs von Fleisch steigt.» Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass solche Epidemien auch dann auftreten würden, wenn alle Menschen sich vegetarisch ernähren würden.

Die aktuelle Krise nutze der Vegetarierverein Swissveg, um verstärkt auf seine Anliegen aufmerksam zu machen und sich auch politischer Ebene für die Anliegen von Vegetariern und Veganern einzusetzen: «Der Verwaltungsrat von Proviande hat den Bundesrat kürzlich aufgefordert, Massnahmen einzuleiten, um die Fleischindustrie in der aktuellen Krise zu unterstützen. Für uns ist es ein absolutes No-go, dass gerade diese Industrie bevorzugt behandelt werden soll», sagt Cotten.

«Schweizer können helfen, Risiko zu verringern»

Auch der Zuger Kantonsrat Luzian Franzini von den Jungen Grünen sieht einen Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Epidemien: «Durch den hohen Fleischkonsum in der Schweiz begünstigen wir indirekt die Abholzung von Regenwäldern für Massentierhaltung und die Futtermittelproduktion.» Dadurch werde der Lebensraum für Wildtiere wie Fledermäuse kleiner und sie kämen öfter in Kontakt mit Menschen, wobei Krankheitserreger übertragen werden könnten.

Für Franzini ist deshalb klar: «Wenn wir den Fleischkonsum verringern, können wir auch aus der Schweiz dazu beitragen, das Risiko für künftige Epidemien zu verkleinern.» Einen entsprechenden Beitrag hat er als Leserbrief und auf seiner Website veröffentlicht. Die Reaktionen auf seinen Beitrag seien bisher durchwegs positiv gewesen: «Viele haben über diesen Aspekt vermutlich noch gar nie nachgedacht. Es ist auch weitere Forschung nötig, um diese Zusammenhänge aufzuzeigen.»

«Ställe und Schlachthäuser sind Brutstätten für Keime»

Für Edmund Haferbeck, Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung der Tierschutzorganisation Peta, ist es «völlig klar, dass der unbeschreibliche Umgang mit Tieren solche Auswirkungen hat». «Tierställe und Schlachthäuser sind Brutstätten für potenziell krankmachende Keime, weshalb eine vegane Lebensweise nicht nur Tiere schützt, sondern auch die menschliche Gesundheit», sagt Haferbeck.

Für Roger Stephan, Professor für Tierärztliche Lebensmittelsicherheit und -hygiene an der Universität Zürich, ist diese Aussage nicht haltbar: «Eine Übertragung des Virus vom Tier auf den Menschen ist dort wahrscheinlicher, wo Menschen auf engem Raum zusammen mit Geflügel oder Schweinen zusammenleben, also etwa in chinesischen Hinterhöfen.» Mit dem Fleischkonsum oder der Massentierhaltung habe das aber nichts zu tun (siehe Box).

«Mit dem Fleischkonsum hat das nichts zu tun»

Herr Stephan, wurde das Coronavirus tatsächlich von einem Tier auf den Menschen übertragen?

Sequenzanalysen deuten darauf hin, dass eng verwandte Coronaviren bei bestimmten Fledermausarten vorkommen. Ungeklärt ist bis anhin die Frage, ob das neue Coronavirus direkt auf den Menschen übertragen wurde oder ob ein Zwischenwirt bei der Übertragung eine Rolle gespielt hat.

Könnte das Risiko weiterer Epidemien verringert werden, wenn der Fleischkonsum zurückginge?

Die aktuelle Corona-Pandemie ist keine Frage des Fleischkonsums. Es handelt sich um eine Tröpfchenübertragung, die von Mensch zu Mensch weiterverbreitet wird. Nach heutigem Wissensstand gibt es keinerlei Anhaltspunkte, dass dieses neuartige Coronavirus oder andere Coronaviren zu lebensmittelassoziierten Infektionen führen können. Zudem dürfen spezielle Essgewohnheiten in gewissen Regionen der Welt wie Spezialitäten in China nicht verallgemeinert werden. Mit Fleischkonsum hat das überhaupt nichts zu tun.

Wie gross ist das Risiko einer neuerlichen Epidemie, deren Auslöser von einem Tier auf den Menschen übertragen wird?

Die von Tieren auf Menschen übertragbaren Erkrankungen werden als Zoonosen bezeichnet. Es gibt eine Vielzahl von Erregern — weltweit sind knapp 200 bekannt –, die zu den Zoonose-Erregern gehören. Nur wenige sind dann auch einfach von Mensch zu Mensch übertragbar. Dafür braucht es ganz spezielle Voraussetzungen wie eine Weiterverbreitung über Tröpfcheninfektionen.

Roger Stephan ist Professor für Tierärztliche Lebensmittelsicherheit und -hygiene an der Universität Zürich.

Über die Frage, welche Rolle der Fleischkonsum bei der Entstehung von Epidemien spielt, wird auch in den sozialen Medien kontrovers diskutiert (siehe Bildstrecke).

«Das ist billigste Trittbrettfahrerei»

Dass Vegetarier und Politiker die aktuelle Krise nutzen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, findet Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz (STS) daneben: «Wir sind auch der Meinung, dass Schweizer eher zu viel Fleisch essen. Die aktuelle Situation auszunutzen, um auf die eigenen Anliegen aufmerksam zu machen, ist aber billigste Trittbrettfahrerei.»

Regula Kennel von Proviande bestreitet nicht, dass es Tierseuchen gibt, die sich auf den Menschen übertragen können. Sie erinnert etwa an die Vogel- oder die Schweinegrippe. «Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen hat für solche Fälle Notfallpläne, um die richtigen Massnahmen für die Sicherheit der Konsumenten zu treffen.» Einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Fleisch und der Corona-Epidemie sieht Kennel hingegen nicht. Dass einzelne Politiker oder Bewegungen die Krise nutzten, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, liege aber in der Natur der Sache.

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