Zunahme: «Velodiebstähle sind für die Polizei zweitrangig»
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Zunahme«Velodiebstähle sind für die Polizei zweitrangig»

In der Schweiz haben Velodiebstähle vergangenes Jahr um knapp zehn Prozent zugenommen. Die Polizei zeigt sich machtlos, Organisationen bieten präventive Hilfsmittel.

von
vro
Massenweise Velos wurden im vergangenen Jahr gestohlen. Wiedergefunden wurden die wenigsten.

Massenweise Velos wurden im vergangenen Jahr gestohlen. Wiedergefunden wurden die wenigsten.

Insgesamt 47'762 Fahrzeugdiebstähle wurden im Jahr 2014 in der Schweiz registriert. Den Löwenanteil – knapp 86 Prozent – machen Velos aus. Mit 40'881 Diebstählen ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent gestiegen. Das zeigt die Kriminalstatistik.

Weshalb die Zahlen derart gestiegen sind, lasse sich nur schwer erklären, sagt Gian Andrea Rezzoli, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen. «Es handelt sich um ein Massendelikt.» Insgesamt 1836 Velos wurden 2014 im Kanton St. Gallen entwendet – 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Zum einen gehen diese Fälle auf das Konto von professionell organisierten Banden, die es auf teure Velos abgesehen haben und gezielt stehlen. «Bei Mountainbike-Rennen machen sie zum Beispiel das Hotel der Sportler aus und stehlen die Velos aus dem Keller oder den Fahrzeugen.» Das Problem: Bis eine Anzeige eingegangen sei, seien die Diebe meist schon ins Ausland verschwunden.

Mehr Anzeigen durch E-Police

Viele Velos – meist eher günstigere Modelle – werden zudem an Bahnhöfen und Bushaltestellen gestohlen. Laut Rezzoli werden diese für die Heimfahrt benutzt und dann oft irgendwo entsorgt. «Diese Leute haben keinen Respekt.» Rezzoli rät deshalb, ein Velo immer sicher an einen festen Gegenstand anzuketten. «Teurere Modelle sollte man nicht aus den Augen lassen und sie einschliessen oder mit in die Wohnung nehmen.»

Auch im Kanton Zürich wurden im vergangenen Jahr deutlich mehr Velos gestohlen als noch 2013. Rund 7580 Diebstähle wurden 2014 registriert. Darunter 130 Elektrovelos. Im Jahr zuvor waren es noch rund 5800 Velos gewesen. Den Anstieg erklärt sich Marc Besson, Sprecher der Kantonspolizei Zürich, unter anderem mit der erleichterten Anzeigeerstattung durch E-Police.

Aufklärung scheitert oft bei Identifikation

Christoph Merkli, Geschäftsführer von Pro Velo Schweiz, sagt zu den aktuellen Diebstahlzahlen: «Diese Entwicklung ist ein Ärgernis für jeden Besitzer.» Das Problem liege einerseits darin, dass die Polizei zu wenig dagegen unternehme.

Andererseits sei es seit der Abschaffung der Velovignette auch schwieriger, ein gestohlenes Fahrrad zu identifizieren. Merkli rät deshalb, die Kaufquittung sicher aufzubewahren. Sie enthält in der Regel die Rahmennummer des Velos. Zudem könne es sich durchaus lohnen, etwas Geld in ein gutes Schloss zu investieren.

Finderlohn soll zur Mithilfe animieren

Peter Kolb von Veloregister glaubt, dass die Aufklärungsquote gesteigert werden könnte. Zwar würden viele das Diebesgut ins Ausland schaffen, jedoch sei auch die Entwendung zum Gebrauch ein gängiges Motiv. Zudem komme es immer wieder vor, dass Süchtige Velos verhökerten, um sich Drogen kaufen zu können. Das Problem sei jedoch, dass gestohlene Velos, die irgendwo zurückgelassen worden seien, nicht erkannt würden. «Wenn alle gestohlenen Fahrräder ausgeschrieben würden, wäre die Quote viel höher», so Kolb. Für die Polizei seien Velodiebstähle zweitrangig, weshalb vermisste Fahrräder eher per Zufall gefunden würden.

Die Aufklärungsquote bei Fahrraddiebstählen liegt schweizweit bei 2,2 Prozent – eine extrem tiefe Zahl. Bei Fahrrädern, die bei Velogregister registriert sind, liegt sie bei 7 Prozent, so Kolb. «Wären alle gestohlenen Velos ausgeschrieben, wäre diese Zahl noch höher.» Da die meisten Besitzer auf der Plattform einen Finderlohn bieten, würden die Mitmenschen animiert, bei der Suche zu helfen. Kolb sagt, er habe der Polizei bereits mehrere Male Präventionsmassnahmen vorgestellt – bisher jedoch ohne Erfolg.

«Enormer Aufwand» für die Polizei

Gian Andrea Rezzoli von der Kantonspolizei St. Gallen dementiert, dass man zu wenig unternehme. «Die Polizei behandelt Velodiebstähle genau gleich wie andere Diebstähle.» Man könne allerdings auch nicht jedes einzelne Velo kontrollieren. «Das ist ein enormer Aufwand.» Einem Fahrrad sei schliesslich nicht anzusehen, ob es gestohlen sei. Deshalb stütze sich die Polizei insbesondere auf Hinweise aus der Bevölkerung, die dann überprüft würden.

Fahrzeugausweis fürs Velo

Veloregister will Fahrraddiebstählen vorbeugen. Mitglieder erhalten auf Bestellung Sicherheitsvignetten, die sich nur sehr aufwendig vom Velo lösen lassen. Laut Geschäftsführer Peter Kolb wirken sie abschreckend auf Diebe. Zudem erhält jeder Besitzer einen Velopass, der als Fahrzeugausweis angesehen werden kann. Er bestätigt, dass das entsprechende Fahrrad dem Besitzer gehört. Was bei der Polizei bisher noch keinen Anklang fand, haben sich Versicherungsunternehmen bereits zunutze gemacht: Helvetia-Versicherte müssen bei einem Diebstahl etwa keinen Selbstbehalt zahlen, wenn sie den Velopass vorlegen können.

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