Verkehrspsychologe: «Velofahrer neigen zur Selbstgerechtigkeit»

Aktualisiert

Verkehrspsychologe«Velofahrer neigen zur Selbstgerechtigkeit»

Politiker wollen härter gegen Velorowdys vorgehen. Verkehrspsychologe Urs Gerhard erklärt, warum Radfahrer eher Regeln verletzen als andere Verkehrsteilnehmer.

von
Marco Lüssi

Herr Gerhard, CVP-Nationalrat Markus Lehmann will härter gegen fehlbare Velofahrer vorgehen. Stimmt es, dass es unter ihnen besonders viele Verkehrssünder gibt?

Urs Gerhard: Ich fahre mit dem Velo zur Arbeit und beobachte quasi täglich einen Velofahrer, der bei Rot einfach durchfährt. Es scheint tatsächlich so, dass der Anteil von Personen, die mit dem Velo Regelverstösse begehen, grösser ist als beispielsweise bei den Autofahrern. Manche Velofahrer scheinen es sich zum Ziel zu machen, die rücksichtslose Fahrweise mancher Velokuriere zu kopieren.

Warum halten Velofahrer sich seltener an Regeln?

Das Velo ist ein ökologisches Fortbewegungsmittel, es produziert keine Abgase. Weil sie umweltfreundlich unterwegs sind, neigen Velofahrer zu Selbstgerechtigkeit. Manche glauben wohl, aufgrund ihres ökologisch vorbildlichen Verhaltens mehr Rechte als Autofahrer zu haben. Es gibt aber neben dieser psychologischen Erklärung auch ganz praktische Gründe.

Welche?

Velofahrer kostet es jedes Mal viel Energie, wenn sie anhalten und wieder neu losfahren müssen. Zudem sind die «grünen Wellen» in den Städten auf Autofahrer angelegt und nicht auf das Tempo von Velofahrern - sie haben deshalb öfter Rot.

Lehmann fordert, dass Velos Nummern erhalten, damit man Verkehrssünder auf zwei Rädern zur Rechenschaft ziehen kann. Was halten Sie davon?

Es ist tatsächlich so: Gesetzesverstösse begeht man hauptsächlich dann, wenn man davon ausgehen kann, dass es für einen ohne Folgen bleibt. Wenn Velofahrer nicht mehr anonym wären, würde sich das Problem bestimmt reduzieren. Vielleicht würde es aber schon reichen, wenn die Polizei Velofahrer generell öfter ins Visier nehmen würde. Ich habe das Gefühl, die Polizei kümmert sich weniger um Velofahrer als früher. Vermehrt kontrollieren müsste man auch den Zustand der Velos: Viele haben kein Licht und schlechte Bremsen.

Das heisst, es besteht Handlungsbedarf?

Man sollte Wege finden, Velofahrer zu einem rücksichtsvolleren Verhalten zu bewegen. Doch verteufeln sollte man sie auch nicht: Wenn ein Velo mal auf einem Trottoir fährt, ist dies nicht automatisch ein Kapitalverbrechen - jedenfalls nicht, solange der Lenker auf die Fussgänger Rücksicht nimmt. Toleranz braucht es von allen Verkehrsteilnehmern. Wir müssen überlegen, wie wir Toleranz fördern können.

Urs Gerhard ist Verkehrspsychologe und Lehrbeauftragter an der Universität Basel.

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