«Time-out» mit Klaus Zaugg: Verändert Bärtschis Transfer die Hockey-Landkarte?
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«Time-out» mit Klaus ZauggVerändert Bärtschis Transfer die Hockey-Landkarte?

Ein Transfer ist manchmal lediglich eine Episode. Und manchmal viel mehr als bloss der Wechsel eines Spielers vom Klub A zum Klub B. Bärtschis Tranfer vom SC Bern zu den ZSC Lions auf nächste Saison ist die Absage an Trainer John van Boxmeer. Gewinnt der SCB trotzdem den Titel, ist John van Boxmeer ein Held. Wenn nicht, hat nicht nur er im Frühjahr 2009 ein Problem.

von
Klaus Zaugg

Der vielleicht kaltblütigste Schweizer Torschütze ist im Frühsommer 2006 aus finanziellen Gründen aus einem laufenden Vertrag heraus von den Kloten Flyers zum SC Bern transferiert worden. Bärtschi hatte gar keine andere Wahl als seinen Stammklub zu verlassen und konnte nur noch zwischen dem SCB und Lugano wählen. In Bern ist er nie ganz heimisch geworden. Und seither ist es den Bernern nicht gelungen, Bärtschi davon zu überzeugen, dass er beim SC Bern die besten Karriereperspektiven hat. Oder besser: Trainer John van Boxmeer und Sportchef Sven Leuenberger vermochten aus Bärtschi keinen Bären zu machen.

Bärtschi Ausnahme der Regel

Soll man Spieler halten, die wegen des Trainers gehen? Grundsätzlich sollte man Reisende ziehen lassen. Und es wäre fatal, wenn sich das Management bei Personalentscheiden von den Spielern unter Druck setzen liesse. Hier beginnt eine Polemik: Bärtschi ist die Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Er ist nämlich nicht der einzige, der in Bern mit seinem Trainer nicht mehr klar kommt. Aber er ist der einzige, der zu jetzigen Zeitpunkt seinen neuen Arbeitgeber frei wählen und dabei seinen Lohn erst noch erhöhen konnte. Von dieser Möglichkeit hat er Gebrauch gemacht.

Der Abgang von Bärtschi offenbart die Führungsprobleme des SC Bern auf sportlicher und sportpolitischer Ebene. Bärtschis Transfer verschiebt das Epizentrum unseres Hockeys von Bern nach Zürich und verändert die Hockey-Landkarte.

Vier Ziele verfehlt

Das SCB-Management hat innert ein paar Wochen vier wichtige Ziele verfehlt und alle haben etwas mit den ZSC Lions zu tun.

- es ist nicht gelungen, mit Patrick Bärtschi einen der besten und entwicklungsfähigsten Schweizer Stürmer in Bern zu halten.

- es ist nicht gelungen, Verteidiger Severin Blindenbacher von den ZSC Lions nach Bern zu holen. Wichtigster Grund für die Absage auch hier: Trainer John van Boxmeer

- die politische Offensive, durch die Erhöhung von vier auf fünf Ausländer das Versagen im heimischen Transferbusiness über die Ausländer zu korrigieren, steht ebenfalls vor dem Scheitern - weil ausgerechnet die ZSC Lions ihre Meinung geändert haben.

- die Champions Hockey League (CHL) war das erklärte Ziel dieser Saison. Bei ihrem europäischen Abenteuer sind die Berner bereits auf der ganzen Linie gescheitert und haben einen erheblichen Imageverlust erlitten. Dafür haben sich die ZSC Lions international profiliert.

Abgang wegen dem Trainer?

Spieler sagen ihrem Sportchef in den seltensten Fällen, dass es mit dem Trainer nicht mehr geht. Und wenn sie wegen des Trainers gehen, schieben sie hundert andere Gründe vor. Der Sportchef muss schon selber die Sensibilität haben, um zu spüren, wo es Probleme gibt. Ende der Polemik.

Was sagt nun SCB-Sportchef Sven Leuenberger zu dieser Polemik? Nun, er hat sich solche Gedanken auch schon gemacht. Und hält dagegen, dass während der Amtszeit von John van Boxmeer elf wichtige Spieler ihre Verträge beim SCB verlängert haben bzw. zum SCB zurückgekehrt sind (Jobin, Furrer, Gerber, Reichert, Rüthemann, Ziegler, Dubé, Bordeleau, Abid und Gamache und Bührer). «So gesehen», sagt Leuenberger, «kann ich umgekehrt auch argumentieren, dass ich unserem Trainer ein Kränzchen winden muss. Er ist sehr fordernd und falls Bärtschi damit nicht klargekommen ist, dann ist es gut für unser Leistungskultur, wenn er geht…»

«Rückkehr eines Heimweh-Zürchers»

Leuenberger glaubt jedenfalls nicht, dass der Abgang von Bärtschi und die Absage von Blindenbacher etwas mit dem Trainer zu tun haben. «Sonst wäre Martin Plüss nicht nach Bern gekommen. Er hat sich vorher ja auch informiert.» Der Transfer von Bärtschi sei ganz einfach die Heimkehr eines Heimweh-Zürchers und die Absage von Blindenbacher habe auch mehr mit der Stadt als mit dem Trainer zu tun.

Auch das tönt logisch. Und weniger polemisch. Das letzte Wort in dieser Sache haben die Spieler und der Trainer. Erreicht der SCB im Frühjahr mindestens das Playoff-Finale, dann war diese Polemik bösartig. Scheitert der SCB in den Playoffs, dann war es eine zutiefst fachmännische, träfe Analyse und die Landkarte unseres Hockeys wird neu gezeichnet.

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