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Washington Post«Veränderungen, vor denen es uns graut»

Dass Amazon-Gründer Jeff Bezos die «Washington Post» kauft, schlug auf der Redaktion ein wie eine Bombe. Jetzt richtet sie sich in einem offenen Brief an ihren neuen Besitzer.

von
Berit- Silja Gründlers

«Lieber Jeff, Willkommen bei der Post. Ich habe gehört, dass die 250 Millionen Dollar die Du für diese Zeitung ausgegeben hast 1 % von Deinem Gesamtvermögen sind. Für Dich hat der Kauf also etwa soviel Risiko und Konsequenz, wie für mich die Anschaffung meines gebrauchten Honda Civic 2003.» So begrüsst der zweifache Pulitzerpreis Gewinner und Washington Post Kolumnist Gene Weingarten seinen neuen Chef Jeff Bezos. Mit einem offenen Brief wendet sich Weingarten im Namen seiner Kollegen an den Amazon-Gründer, der die Washington Post am Montag für 250 Millionen Dollar übernommen hat.

Über die Motive Bezos herrscht bis anhin Unklarheit, und auch Weingarten wendet sich mit der Bitte an Bezos, er solle das bemerkenswerte Unternehmen mit klarer Vision führen. Er (Bezos) sei ein guter Geschäftsmann und bekannt als Visionär. Verwaltungsratchef Don Graham selber habe der Belegschaft versichert, dass der Verkauf das Richtige für die Washington Post und Jeff Bezos der passende Käufer sei. Allein diese Worte genügten ihm und seinen Kollegen, um hohe Erwartungen an die Führungsfähigkeiten ihres neuen Chefs zu stellen, so Weingarten.

«Einen Wechsel, den wir nicht verstehen.»

Gene Weingarten legt aber auch die Verunsicherung in der Redaktion offen. Er hoffe, dass die Washington Post nicht nur ein Spielzeug für Bezos sei, oder ein Vehikel um sein E-Business anzukurbeln. Weingarten wünscht sich, dass Bezos der Typ Manager sein wird, der die Ärmel hochkrempelt und den konventionellen Journalismus endlich erfolgreich macht. Bezos habe nicht nur eine grossartige Zeitung gekauft, sondern viel mehr einen Ort mit enorm talentierten Journalisten, denen es vor den kommenden Veränderungen, die sie nicht verstehen, graue. Man habe schon einige gute Mitarbeiter an diesen Schrecken verloren.

«Ich habe dich gemobbt»

In seinem Brief erwähnt der Autor, dass er und Bezos sich als junge Männer schon mal trafen, als er (Weingarten) einen Artikel über den Silver-Knight Award abgelehnt habe. Ein Preis, der vielversprechenden Uniabsolventen in Miami auszeichnet. Bezos war einer dieser Silver-Knight Gewinner. Weingarten habe den Amazon-Gründer damals mit der Absage gedisst, aber jetzt sei ja klar, wer Gewinner des Rennens sei, schreibt Weingarten ironisch.

Er weist auch darauf hin, dass es als Verleger einer Zeitung Weisheit und Mut braucht, Geschichten abzulehnen und den Entscheidungen seiner Journalisten zu vertrauen. Mit den Worten seines verstorbenen Freundes und Washington Post Redakteurs Howard Simons «kick up and kiss down» (bring deinen Boss auf die Palme, aber sorg dafür, dass deine Mitarbeiter dich lieben) verabschiedet sich Weingarten von Bezos.

«Keine Antworten auf neue Herausforderungen»

Der Amazon-Gründer und neue Besitzer der Washington Post richtete sich am Montag nach Bekanntgabe der Deals ebenfalls mit einem offenen Brief an die Mitarbeiter der Washington Post. Er versprach, an den Werten und der Führung der «Post» nichts ändern zu wollen. Er habe aber die Absicht, das Traditionsunternehmen an das Internetzeitalter anzupassen. Verwaltungsratchef Don Graham selber gab gegenüber seinen Mitarbeitern zu, dass man keine Antworten auf die neuen Herausforderungen des Zeitungsgeschäfts gefunden habe, und die Gewinne 7 Jahre in Folge zurückgegangen seinen. Die Initiative des Verkaufs sei von der Besitzerfamilie Graham selber gekommen, nicht von Bezos.

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