Aktualisiert 02.11.2011 12:53

Aktive Lobbyisten

Verbände buhlen um neue Parlamentarier

Kaum gewählt, werden neue Volksvertreter mit Einladungen von Lobbyisten zugedeckt. Während die Wirtschaft auf alle zugeht, sind Bauern und Gewerkschaften wählerischer.

von
Jessica Pfister
Interessenverbände gehen auf die neuen Parlamentarier zu um Kontakte zu knüpfen: Politiker und Lobbyisten in der Wandelhalle.

Interessenverbände gehen auf die neuen Parlamentarier zu um Kontakte zu knüpfen: Politiker und Lobbyisten in der Wandelhalle.

Auf dem Schreibtisch von Balthasar Glättli stapeln sich zurzeit Dutzende Gratulationsschreiben und Einladungen von Lobbyorganisationen. «Ich bin gar noch nicht dazu gekommen, alle im Detail zu studieren», sagt der neu gewählte grüne Nationalrat aus Zürich. Eine der ersten Einladungen erhielt der Kampagnenleiter bei der Gewerkschaft VPOD vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Dieser plant gleich für den ersten Abend der Session im Dezember einen grösseren Anlass mit Nachtessen in Bern. Ob Glättli dabei sein wird, hat er noch nicht entschieden. «Ein gutes Essen alleine kann mich noch nicht überzeugen, aber es lohnt sich sicher, mal über das eigene Gärtchen hinauszuschauen», sagt der 39-Jährige.

Von Economiesuisse eingeladen wurde auch der künftige Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth. Beim 25-Jährigen landete der Brief prompt im Altpapier. «Nett, dass sie es versucht haben», schrieb er auf Twitter. In der Zwischenzeit kann er sich eine Teilnahme am Anlass dennoch vorstellen. «Ich habe viele Rückmeldungen erhalten, die mir nahelegten, dort aufzutauchen.»

Dass Economiesuisse als Vertreterin der Wirtschaft auch auf linke Politiker zugeht, mag erstaunen. Für Geschäftsleitungsmitglied Thomas Pletscher ist diese Praxis selbstverständlich: «Wir möchten möglichst vielen verschiedenen Parteimitgliedern einen Überblick über unsere Tätigkeiten und die Meinungsbildung innerhalb der Organisation aufzeigen.» Klar ist, dass bei dieser aktiven Kommunikationspolitik auch etwas für den Verband herausspringt - am besten in Form einer Dauerzutrittskarte für das Bundeshaus.

Vier Eintrittskarten für Cleantech

Auf diese Eintrittskarten, von denen jeder Politiker zwei vergeben kann, hofft mit Swiss Cleantech auch ein neuer Player unter den Lobbyisten. Der 2009 gegründete nachhaltige Wirtschaftsverband, der vor allem seit dem Atomausstieg in aller Munde ist, konnte sich laut Sprecherin Franziska Barmettler bereits vier Akkreditierungen sichern. Am 19. Dezember folgt ein Anlass, zu welchem alle neuen Politiker eingeladen wurden, die im Vorfeld der Wahlen die Energie-Charta des Verbands unterzeichnet haben. «Dort werden wir die Neugewählten auch anfragen, ob sie Mitglied in der parlamentarischen Gruppe Cleantech werden», so Barmettler.

Eine Einladung von Cleantech erhalten hat Kathrin Bertschy, künftige grünliberale Nationalrätin aus Bern. Im Gegensatz zu Glättli und Wermuth, die queerbeet vom Gewerkschaftsbund über den Ärzteverband FMH bis hin zu Banken und der Armee Post erhielten, waren es bei Bertschy vor allem Umweltverbände, die sie kontaktierten. «Welche Anlässe ich besuche, werde ich mit der Fraktion besprechen», sagt die 32-Jährige. Gut möglich, dass der Apéro der Umweltallianz von Greenpeace, Pro Natura, Bird Life, SES und WWF während der Wintersession einer davon ist.

«Ein Netzwerk in der Politik ist wichtig»

Keine Anfrage vom Gewerkschaftsbund, der sich laut Sprecher Peter Lauener vor allem auf arbeitnehmernahe Politiker konzentriert, erhielt die Berner SVP-Nationalrätin Nadja Pieren. Dafür kontaktierten Jugendverbände wie die Pro Juventute die Kleinkindererzieherin. Welche der rund 40 Einladungen sie wahrnehmen möchte, weiss die 31-Jährige noch nicht. «Ein Netzwerk ist in der Politik sicher wichtig, doch ich möchte immer noch frei politisieren können», so Pieren. Ein Mandat annehmen will sie darum nur, wenn sie eine Organisation zu 100 Prozent überzeuge.

Bereits mehrere Ämter inne hat der neu gewählte St. Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter. Er ist im Vorstand des Schweizerischen Bauernverbands und zudem Mitglied im Stiftungsrat des Verbands Landwirtschaft und Behinderte. Kein Wunder, stehen beim 44-jährige Wirtschaftsingenieur und Landwirt die Interessen der Bauern auch zuoberst auf der Liste. So hat er eine der beliebten Dauereintrittskarten fürs Bundeshaus bereits an den Schweizerischen Bauernverband vergeben. Dieser konzentriert sich bei seiner Post-Offensive nur auf die Politiker, die sich für Bauernfragen interessieren - mit Erfolg. Vier Zugangsberechtigungen hat die Landwirtschaftslobby auf sicher.

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