Juniorenfussball: Verband verbannt Eltern von der Seitenlinie
Aktualisiert

JuniorenfussballVerband verbannt Eltern von der Seitenlinie

Der Innerschweizer Fussballverband zeigt den Eltern die Rote Karte. Ihrem überengagiertem Verhalten und ihren Beleidigungen soll ein Riegel geschoben werden.

von
Philipp Zurfluh
Die Eltern von Junioren müssen ab dieser Saison auf dem Fussballplatz räumlich und damit emotional Abstand von ihrem Nachwuchs nehmen.

Die Eltern von Junioren müssen ab dieser Saison auf dem Fussballplatz räumlich und damit emotional Abstand von ihrem Nachwuchs nehmen.

Eltern kritisieren und beschimpfen während eines Spiels die Junioren der gegnerischen Mannschaft – keine Seltenheit auf Fussballplätzen in der Zentralschweiz. Ab und zu kommts gar zu blanker Gewalt: Weil sein Sohn auf der Ersatzbank Platz nehmen musste, schlug dessen Vater dem Trainer die Faust ins Gesicht.

«Emotionale Distanz»

Jetzt hat der Innerschweizer Fussballverband (IFV) genug von den verbal oder gar körperlich aggressiven Eltern am Spielfeldrand und hat für die aktuelle Saison 2015/16 eine Kampagne gestartet. Unter dem Slogan «Eltern weg vom Spielfeldrand» will man bei den E- bis G-Junioren respektive den 6- bis 10-Jährigen dafür sorgen, dass eine «emotionale Distanz zwischen Zuschauern und Trainern, Schiedsrichtern und Spielern» geschaffen wird, wie es auf einem IFV-Merkblatt heisst. Konkret müssen die Zuschauer mindestens einen Abstand von drei Metern zur Seitenlinie einhalten. Die Markierung kann zum Beispiel mittels Markierungsband oder einem Seil erfolgen. Kann der Abstand aufgrund der Gegebenheiten des Platzes nicht eingehalten werden, müssen die Zuschauer hinter dem Tor stehen.

«Viele Eltern und Zuschauer verstehen den Unterschied zwischen richtigem und falschem Unterstützen der Mannschaften nicht», begründet Urs Dickerhof, Präsident des Innerschweizer Fussballverbands. Die Kampagne sei sinnvoll und einfach umzusetzen. Laut Dickerhof soll ein«emotionaler Wohlfühlabstand» für die Kleinen gewährleistet werden. «Wir wollen den Einfluss der Eltern auf die Kinder und das Spiel minimieren», sagt Dickerhof.

Verband kann keine Platzverbote aussprechen

Verbale und handgreifliche Entgleisungen von Eltern will der IFV so unterbinden. Sanktionen wie Stadion- und Platzverbote gegen Zuschauer könne der Verband jedoch keine erlassen, dies liege in der Kompetenz der Vereine. In der neuen Saison gilt die Kampagne «Eltern weg vom Spielfeldrand» noch als blosse Empfehlung an die Clubs. Sollte diese Kampagne von den Vereinen nicht umgesetzt werden, behält sich der IFV laut Dickerhof vor, die Kampagne ab der Saison 2016/17 als Weisung umzusetzen. Der IFV wird vermehrt auf Plätzen der Innerschweizer Vereine präsent sein und die Umsetzung der Kampagne kontrollieren – die Besuche erfolgen unangekündigt.

Schweizerischer Fussballverband unterstützt Kampagne

Die Problematik mit den pöbelnden Eltern ist auch beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) auf dem Radar. Der SFV hat den Regionalverbänden empfohlen, aktiv zu werden. «Wenn die Eltern zu nah am Spiel dabei sind, ist dies nicht hilfreich für die Junioren», sagt auch Marco von Ah, Mediensprecher des SVF.

«Wir wollen, dass Eltern ihre Kinder weiterhin unterstützen, doch sie sollen die räumliche und emotionale Distanz zum Spiel wahren.» Wenn es um Emotionen geht, würde bei vielen Eltern die Hemmschwelle für unqualifizierte Äusserungen und Beleidigungen sinken. Von Ah betont: «Wir wollen, dass die Jüngsten ihre Freude am Fussball behalten.»

Andere Regionen ziehen nach

Der SFV unterstütze die Kampagne des IFV, diese sei abgesprochen. Weitere Regionalverände würden dem Beispiel des IFV folgen; welche, sei noch nicht bekannt.

«Solche Eltern nehmen den Kinder das Selbstvertrauen»

Wieso werden einige Eltern am Juniorenspielen dermassen aggressiv, dass nun ein Mindestabstand zum Spielfeldrand verordnet werden muss?

Thomas Spielmann*:Solche Eltern sind oft benachteiligt im Leben. Sie träumen vom Erfolg und vom Rampenlicht und delegieren ihre Träume auf ihre Jungen. Das gibt's nicht nur im Fussball, sondern auch in anderen Sportarten wie Tennis, Schwimmen oder Kunstturnen.

Welche Folgen hat das auf die Kinder solcher Eltern?

Diese Eltern nehmen ihren Kindern die Freude am Spiel. Fussball ist so bereits für einen 7-Jährigen kein Spiel mehr, sondern eine Prüfung. Dabei lernt man in diesem Alter im Sport und gerade im Fussball ein Körpergefühl zu entwickeln, und die Kleinen bekommen grosse Freude, wenn ihnen immer mehr gelingt. Das gibt ihnen ein enormes Selbstvertrauen. Und die schreienden, überemotionalen Eltern nehmen ihnen genau dieses Selbstvertrauen weg.

Wird das Spielfeldrand-Verbot für Eltern die gewünschte Wirkung haben?

Das ist sehr zu hoffen, damit die Verantwortlichen im Juniorenfussball nicht zu weiteren Massnahmen greifen müssen. Etwa Personal einzustellen, das schreiende Eltern von Fussballplätzen entfernt.

*Thomas Spielmann ist Pyschologe und Fussballexperte

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