Umstrittene Praktik – Verbietet die Schweiz Therapien zur «Heilung» von Homosexualität bald?

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Umstrittene PraktikVerbietet die Schweiz Therapien zur «Heilung» von Homosexualität bald?

Sogenannte «Konversionstherapien» sind in der Schweiz im Gegensatz zu Nachbarländern noch legal. Jetzt wird das Thema erneut in Bundesbern diskutiert.

von
Thomas Obrecht
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In der Schweiz sind Konversionstherapien erlaubt, welche Personen von ihrer Homosexualität «heilen» sollen.

In der Schweiz sind Konversionstherapien erlaubt, welche Personen von ihrer Homosexualität «heilen» sollen.

20min/Simon Glauser
Anbieter wollen «die Komplexe aufarbeiten, welche schlussendlich zur Homosexualität führen».

Anbieter wollen «die Komplexe aufarbeiten, welche schlussendlich zur Homosexualität führen».

Tamedia AG
Eine Standesinitiative zu einem nationalen Verbot von Konversionstherapien wird demnächst auf nationaler Ebene behandelt.

Eine Standesinitiative zu einem nationalen Verbot von Konversionstherapien wird demnächst auf nationaler Ebene behandelt.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

Kann die Homosexualität einer Person «weggebetet» werden? Unter falschem Namen schickte die SRF DOK Sendung «rec.» einen Reporter zur Heilsarmee. Dort sollte er durch Therapie «Heilung» von seiner Homosexualität finden, um «normal», also heterosexuell zu werden.

Sogenannte Konversionstherapien werden schon länger kritisch diskutiert. In der Schweiz sind sie noch legal, in umliegenden Ländern zunehmend verboten. In Deutschland sind Therapien zur Umwandlung von Sexualität seit 2020 untersagt, in Frankreich seit Dezember 2021. Doch auch hierzulande werden politische Stimmen laut, die ein Verbot fordern. 

Kantonale Regelungen reichen nicht aus

Im Kanton Basel-Stadt wurden Konversionstherapien kürzlich bereits verboten. In Bern hingegen sah die Kantonsregierung noch im letzten September keinen Handlungsbedarf und schob die Verantwortung dem Bund zu. Auch der Zürcher Regierungsrat stellte sich klar gegen solche Therapien, sah aber keine Möglichkeit, diese auf kantonaler Ebene zu verbieten.

Zuletzt befasste sich der Bundesrat 2016 mit der Interpellation «Verbot und Unterstrafestellung von Therapien zur ‘Heilung’ von Homosexualität bei Minderjährigen».  Der Bundesrat sah damals «keine spezifisch auf den Schutz Minderjähriger vor Therapien gegen die Homosexualität ausgerichtete Handlungsmöglichkeit oder -notwendigkeit». Nun müssen National- und Ständerat sich mit dem Thema auseinandersetzen: Der Kanton Basel-Stadt hat eine Standesinitiative eingereicht (siehe unten).

Das verlangt die Standesinitiative

«Was gibt es da zu heilen?»

Sarah Wyss, Nationalrätin der SP, befürwortet es, dass das Thema nun erneut auf nationaler Ebene diskutiert wird. Sie hält solche Konversionstherapien für überholt. «Homosexualität als ‘heilbar’ zu bezeichnen, ist katastrophal.» Wenn eine Person ihre Sexualität belastet, soll es weiterhin möglich sein, ergebnisoffen die Diskussion zu suchen. Eine zielgerichtete Umpolung von Homosexuellen ist für Wyss aber zu verbieten. «Der Druck der Gesellschaft, Homosexualität als normal einzustufen, soll sich auch im Gesetz wiederfinden.»

Auch bei GLP-Nationalrätin Katja Christ stossen Konversions-Therapien auf Unverständnis. «Ich verstehe nicht, was es da zu heilen gibt. Es wird ja auch niemand therapiert, weil er lieber Äpfel als Bananen isst.» Sie macht sich vorerst jedoch für einen Mittelweg stark, indem entsprechende Therapien vorerst nur für Minderjährige verboten sind. «Gerade bei Minderjährigen sind Probleme mit der sexuellen Orientierung eigentlich ausschliesslich auf gesellschaftliche Auseinandersetzungen zurückzuführen.»

«Jeder, der Hilfe möchte, soll diese auch erhalten»

Dem widerspricht David Trachsel, Präsident der jungen SVP, vehement. Ein generelles Verbot von Konversions-Therapien schiesse über das Ziel hinaus. «Jeder, der Hilfe möchte, soll diese auch erhalten können.» Durch den aktuellen Vorschlag würden sämtliche entsprechenden Therapien untersagt werden, was ein undifferenziertes Vorgehen darstelle. «Nimmt die Person aufgrund von Druck von aussen an einer solchen Therapie teil, ist dies strafrechtlich zu verfolgen.» Den Leuten, die sich freiwillig therapieren lassen, soll diese Möglichkeit aber weiterhin offen stehen.

Hast du Fragen zu Beziehung, Liebe oder sexueller Gesundheit?

Hier findest du Hilfe:

Lilli.ch, Onlineberatung

Tschau, Onlineberatung

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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