Aktualisiert 17.05.2018 12:11

Einsatz von Pflanzenschutzmitteln

«Verbot wäre schädlich für die Landwirtschaft»

Die Agrarexpertin Anna Bozzi spricht über die Gefahren synthetischer Pestizide für Mensch und Umwelt und die Folgen eines allfälligen Verbots in der Landwirtschaft.

von
sul
«Ein Verbot wäre unsachlich und schädlich für die Landwirtschaft»: Anna Bozzi von Scienceindustries lehnt die Initiative Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide entschieden ab.

«Ein Verbot wäre unsachlich und schädlich für die Landwirtschaft»: Anna Bozzi von Scienceindustries lehnt die Initiative Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide entschieden ab.

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Frau Bozzi, wie viel synthetisches Pestizid wird in der Schweiz verwendet?

Das lässt sich so nicht beziffern, denn es ist nahezu unmöglich, Pflanzenschutzmittel in «synthetisch» und «nicht-synthetisch» oder «natürlich» einzuteilen. Nur sehr wenige Wirkstoffe werden heutzutage noch aus der Natur gewonnen. Auch die im biologischen Anbau zugelassenen Pflanzenschutzmittel (sogenannte FiBL-Liste) sind zum Teil chemische Verbindungen und werden mit modernen industriellen Prozessen hergestellt.

Zudem sagt die Tatsache, dass ein Stoff in der Natur vorkommt, nichts über seine toxikologischen Eigenschaften aus.

Inwiefern?

Zum Beispiel ist ein Grossteil der Kupferprodukte, die im biologischen Anbau als Fungizide oder Bakterizide zugelassen sind, als gesundheitsschädlich und umweltgefährdend eingestuft. Weiter sind auch in der biologischen Produktion Insektizide bewilligt, die als bienengefährdend eingestuft sind und ähnliche Auflagen erfüllen müssen wie die in der konventionellen Landwirtschaft zugelassenen Produkte. Rund ein Drittel der von ihr im Schweizer Markt verkauften Produkte sind im biologischen Landbau zugelassene Pflanzenschutzmittel.

Welche Pestizide erachten Sie als besonders gefährlich?

Die Kategorisierung der potenziell negativen Effekte eines Pflanzenschutzmittels ist extrem schwierig zu definieren, weil jedes Produkt seine spezifischen Eigenschaften hat. Im Aktionsplan des Bundesrates zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln ist eine Liste mit Wirkstoffen mit hohem Risikopotenzial veröffentlicht worden. Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Liste sind allerdings umstritten. Kupfer ist auch auf dieser Liste, wovon mehr als 50 Tonnen pro Jahr in der Schweiz verwendet werden – ein gängiges Antipilzmittel im Biolandbau.

Die Initiative Future 3 will den Einsatz synthetischer Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion der Schweiz verbieten. Was halten Sie davon?

Scienceindustries lehnt die Initiative entschieden ab. Ein solches Verbot wäre unsachlich und schädlich für die Landwirtschaft. Nationale Alleingänge in der Rechtssetzung aufgrund ungenügender wissenschaftlicher Abstützung führen zu einem Wettbewerbsnachteil für die betroffenen, in der Schweiz ansässigen Unternehmen.

Wie schätzen Sie das Risiko von Pestiziden für Mensch und Umwelt hierzulande grundsätzlich ein?

Pflanzenschutzmittel gehören zu den am besten erforschten und geprüften Chemikalien. Sie benötigen in der Schweiz eine Zulassung, bevor sie auf den Markt gebracht werden können. Sie müssen unbedenklich für Mensch und Tier und ohne unvertretbare Belastungen für die Umwelt angewendet werden können. Spätestens nach zehn Jahren wird erneut überprüft, ob ein Produkt und sein Wirkstoff noch den Anforderungen entsprechen, die man nach neuestem Stand der Wissenschaft an ein sicheres Pflanzenschutzmittel stellt.

Anna Bozzi ist Chemikerin bei Scienceindustries, dem Wirtschaftsverband Chemie Pharma Biotech. Sie ist zuständig für Landwirtschaft und Ernährung.

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