Weichmacher PCB: Verbotenes Gift tötet Orca-Bestände
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Weichmacher PCBVerbotenes Gift tötet Orca-Bestände

Es darf schon lange nicht mehr verwendet werden, doch noch immer sorgt das Umweltgift PCB für Leid: Es könnte ganze Orca-Populationen aussterben lassen.

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Dieser aus einer Toilette springende Orca stammt vom britischen Streetart-Künstler Banksy und war 2015 in dessen Dismaland-Austellung im britischen Western-super-Mare zu sehen. Nun zeigt eine Studie: Den Tieren steht das Wasser tatsächlich bis zum Hals.

Dieser aus einer Toilette springende Orca stammt vom britischen Streetart-Künstler Banksy und war 2015 in dessen Dismaland-Austellung im britischen Western-super-Mare zu sehen. Nun zeigt eine Studie: Den Tieren steht das Wasser tatsächlich bis zum Hals.

Keystone/AP/yui mok
Schuld daran sind Polychlorierte Biphenyle, besser bekannt unter der Abkürzung PCB. Die chemische Verbindung könnte in etlichen Regionen innerhalb der kommenden Jahrzehnte ganze Orca-Bestände (Orcinus orca) auslöschen.

Schuld daran sind Polychlorierte Biphenyle, besser bekannt unter der Abkürzung PCB. Die chemische Verbindung könnte in etlichen Regionen innerhalb der kommenden Jahrzehnte ganze Orca-Bestände (Orcinus orca) auslöschen.

Wikimedia Commons/Ulfbastel/PD
Betroffen seien Gewässer bei Brasilien, Gibraltar und den Kanarischen Inseln sowie Regionen vor Grossbritannien, Japan und im Nordostpazifik, schreiben die Wissenschaftler http://science.sciencemag.org/content/361/6409/1373

Betroffen seien Gewässer bei Brasilien, Gibraltar und den Kanarischen Inseln sowie Regionen vor Grossbritannien, Japan und im Nordostpazifik, schreiben die Wissenschaftler http://science.sciencemag.org/content/361/6409/1373

Aarhus University

Polychlorierte Biphenyle (PCB) könnten in etlichen Regionen innerhalb der kommenden Jahrzehnte ganze Orca-Bestände (Orcinus orca) auslöschen. Betroffen seien Gewässer bei Brasilien, Gibraltar und den Kanarischen Inseln sowie Regionen vor Grossbritannien, Japan und im Nordostpazifik, schreibt ein internationales Forscherteam im Fachjournal «Science».

PCB, die zu den chlorierten Kohlenwasserstoffen zählen, wurden von 1930 bis in die 1990er-Jahre in einer Menge von 1 bis 1,5 Millionen Tonnen produziert. Die Verbindungen kommen zum Beispiel als Weichmacher in Korrosionsschutzbeschichtungen, Lacken oder auch Elektrogeräten wie Transformatoren vor. In der Schweiz sind die Verbindungen seit 1972 in sogenannten «offenen Systemen» wie zum Beispiel Fugendichtungsmassen oder Farben verboten. Seit 1986 gilt ein Komplettverbot, allerdings sind in alten Geräten noch PCB enthalten.

2004 trat die «Stockholmer Konvention» in Kraft, 120 Staaten einigten sich damals auf ein Verbot der PCB-Herstellung. Dennoch sind die langlebigen, gegen Hitze, Säure und Wasser beständigen Stoffe inzwischen weit verbreitet und reichern sich in der Nahrungskette an.

Hohe Konzentrationen festgestellt

Am stärksten belastet sind Tiere an der Spitze der Nahrungskette: Im Fettgewebe von Orcas (Orcinus orca), auch Schwertwale genannt, wurden den Forschern zufolge schon Konzentrationen bis 1300 Milligramm pro Kilo gefunden. Studien zeigen demnach, dass bereits Werte von 50 Milligramm pro Kilo die Fruchtbarkeit und das Immunsystem der Tiere schädigen könnten.

Nun werteten die Forscher um Jean-Pierre Desforges von der dänischen Universität Aarhus die PCB-Werte von 351 Orcas aus. Besonders belastet sind demnach Populationen, die in der Nähe von Industrieregionen leben. Anhand der Belastung verschiedener Bestände simulierte das Team in einem Modell deren Entwicklung für die kommenden 100 Jahre. Resultat: In 10 der insgesamt 19 untersuchten Populationen bedroht das Umweltgift das dauerhafte Überleben.

Ein Effekt erhöhter PCB-Konzentrationen sei Nachwuchsmangel, betonen sie. «In den belasteten Gebieten können wir nur noch selten neugeborene Orcas beobachten», wird die Co-Autorin Alisa Hall von der schottischen Universität St. Andrews in einer Mitteilung zitiert. In den am stärksten belasteten Gebieten drohe innerhalb der nächsten 30 bis 40 Jahre ein Zusammenbruch vieler Populationen.

Fachgerechte Entsorgung wichtig

In anderen, weniger kontaminierten Regionen in der Arktis und Antarktis sei dagegen mit einem Wachstum der Populationen zu rechnen. Allerdings betonen die Forscher, dass auch viele andere Umweltgifte den Tieren zusetzen könnten, darunter Organophosphat-Flammschutzmittel, Perfluor-Alkylsäuren (PFAAs) oder polychlorierte Naphthaline (PCN).

Trotz des PCB-Verbots seit 1986 gelangen die Verbindungen in der Schweiz mitunter auch heute noch in die Umwelt. Bei Sanierungsarbeiten an der Staumauer des Livigno-Stausees oberhalb des Schweizerischen Nationalparks wurde 2016 der Bergbach Spöl mit PCB verseucht, was eine aufwendige Reinigung nötig machte.

Über Bäche und Flüsse können die Schadstoffe letztlich ins Meer gelangen. Erkennung und fachgerechte Entsorgung von PCB ist die einzige Möglichkeit, die Umwelt – einschliesslich der Orca-Populationen – vor den Giften zu schützen.

Orca-Weibchen machts den Menschen nach

(Video: 20M)

Im Februar 2018 wiesen Forscher nach, dass Orcas äusserst sprachbegabt sind. (Video: 20M) (fee/sda)

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