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Videoüberwachung«Verbrechen verhindern, statt sie zu filmen»

Genf will die Videoüberwachung forcieren, obwohl Erfahrungen in England zeigen, dass sie kaum Verbrechen verhindert. Warum Politiker und Bevölkerung trotzdem an den Kameras festhalten.

von
K. Ramezani

Die Stadt Genf will mit Videoüberwachung die Sicherheit in der Stadt erhöhen. Ob das in der Realität funktioniert, ist allerdings fraglich: In Grossbritannien, wo knapp sechs Millionen Kameras installiert sind, fällt die Bilanz durchwachsen aus. Eine gross angelegte Studie im Auftrag des Innenministeriums fand 2005 keine Hinweise, dass die Präsenz von Videokameras die Sicherheit an einem Ort erhöht. Einzig in Parkhäusern wurde ein positiver Effekt festgestellt.

Dass die Regierung trotzdem an dem kostspieligen Programm festhält, hat offenbar andere Gründe: «Erkennen und Verhindern von Verbrechen sind Teil der Rechtfertigung für die enormen Investitionen, aber letztlich war es ein politischer Entscheid», erklärt Kate Painter auf Anfrage. Die Kriminologin der Universität Cambridge war damals im Innenministerium für die Vergabe des Studienauftrags zuständig. «Ist ein solcher Entscheid einmal gefällt, gibt es kein Zurück mehr.»

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Abschreckung funktioniert nicht

Von grossflächiger Überwachung hält Painter allerdings wenig: «Der Einsatz von Kameras muss auf lokale Verbrechensmuster abgestimmt sein und auf Beweisen gründen, nicht auf unwissenschaftlichen und politischen Vorstellungen.» Mit anderen Worten: Wer eine Kamera installiert, sollte bereits eine genaue Vorstellung davon haben, welche Art von Verbrechen er an jenem Ort bekämpfen will. Die Kriminologin rät den Genfer Behörden denn auch, diese Fragen zu klären, bevor sie ihre Überwachung starten.

Befragungen von Häftlingen legten zudem den Schluss nahe, dass Kameras kaum abschreckend wirken. «Entweder trugen sie Kapuzenpullover oder sie hatten die Kameras gar nicht bemerkt», sagt Painter. Dass weite Teile der britischen Öffentlichkeit nach wie vor von der Effektivität der Video-Überwachung überzeugt sind, führt die Kriminologin auf Einzelfälle zurück, die grosse Aufmerksamkeit erregten, zum Beispiel die Videoaufnahmen der beiden Boston-Bomber.

«Verbrechen verhindern, nicht filmen»

Nick Pickels von der Bürgerrechts-Organisation «Big Brother Watch» sieht einen anderen Grund, warum seine Landsleute an der Videoüberwachung festhalten: «An vielen Orten haben sie nichts anderes», sagte er in einem Interview mit BBC-Radio. Also lieber Kameras als gar keine Sicherheitsmassnahmen. Mit den Millionen, die für Kameras ausgegeben wurden, hätte man «tausende Polizisten» anstellen können. «Wir brauchen robustere Massnahmen auf der Strasse, um Verbrechen zu verhindern, anstatt sie zu filmen», sagte er.

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