Schwerhörig: «Verdammt, wieso antwortest du nicht?»
Aktualisiert

Schwerhörig«Verdammt, wieso antwortest du nicht?»

Das Power-Pärchen Fabienne und Fabio beweist, dass man trotz Schwerhörigkeit Kommunikationsprobleme richtig gut lösen kann. Unsere Redaktorin durfte die beiden kennenlernen.

von
Laura Gehrig

Was machst du, wenn dein Partner nicht einfach weghört, sondern tatsächlich schwerhörig ist? Mit diesem Problem wird die 21-jährige Fabienne täglich konfrontiert. Denn ihr Freund Fabio hört nur zu 30 Prozent und wenn er kein Hörgerät trägt, herrscht Funkstille.

Die beiden haben sich vor zweieinhalb Jahren in einer Zürcher Bar kennengelernt. «Bei unserer ersten Begegnung merkte ich nicht, dass er ein Hörgerät trug. An unserem ersten offiziellen Date ein paar Wochen später, erzählte er es mir dann. Gestört hat es mich nie, denn ich hatte mich schon verliebt», sagt Fabienne. Sie ist auch diejenige, die während unseres Interviews am meisten spricht.

Und plötzlich die Diagnose gehörlos

Fabio war nicht immer Schwerhörig: Bis zu seinem fünften Lebensjahr hatte der gebürtige Italiener ein normales Hörvermögen. Eines Tages, er spielte gerade mit seinen Miniaturautos, rief ihn die Mutter, aber Fabio reagierte nicht. Er erlitt einen plötzlichen Hörsturz, die feinen Härchen auf dem Trommelfell knickten einfach um. «Das kann jedem passieren, bei mir ist es allerdings erblich bedingt und für immer geblieben», erzählt Fabio.

Seine Einschränkung hielt ihn aber nicht davon ab, eine Lehre als Autolackierer zu absolvieren. Er spielte sogar professionell Fussball und hatte einen Vertrag beim Fussballclub Como, bis er sich das Knie verletzte. «Beim Fussballspielen kompensierte ich mit den Augen, was meine Ohren nicht hörten. Mitgeschrien habe ich aber trotzdem auf dem Feld, auch wenn ich nichts verstanden habe.»

Der 27-Jährige versteht seine Freundin ohne Probleme. Sie hat gelernt, deutlicher und immer in seine Richtung zu sprechen, so dass er zusätzlich ihre Lippen lesen kann. Fabienne erklärt mir: «Wenn wir neue Leute kennenlernen, weise ich sie daraufhin es mir nachzumachen, damit Fabio sich bei Gesprächen nicht ausgeschlossen fühlt.» Das kann schnell passieren und führt oft dazu, dass sich Hörgeschädigte zurückziehen.

Menschen sind zu faul, Dinge zweimal zu erklären

Mit seinen alten Klassenkameraden aus dem Internat für Schwerhörige hat er deshalb kaum noch Kontakt. Fabienne regt sich auf: «Viele Schwerhörige ziehen sich zurück, weil sie Angst haben, nicht akzeptiert zu werden. Leider werden sie das wirklich nicht, denn scheinbar ist es den Menschen zu umständlich, Dinge länger zu erklären oder etwas zweimal zu sagen.» Auch in der Arbeitswelt haben solche Reaktionen schon zu Schwierigkeiten geführt. Fabio hatte Mühe einen Job zu finden. In seiner Bewerbung muss er laut Gesetz schreiben, dass er schwerhörig ist. Mittlerweile hat er aber eine neue Lehrstelle als Hauswart begonnen und fühlt sich dort sichtlich wohl.

«Seine Hörschwäche macht unsere Beziehung stärker»

Wie in jeder anderen Beziehung unterstützen sich die zwei und bauen sich nach Rückschlägen wieder auf. «Ich muss wahrscheinlich etwas mehr Geduld und Verständnis aufbringen, als andere Freundinnen, aber da mache ich gerne. Seine Dankbarkeit zeigt Fabio mir mit romantischen Liebesbeweisen in dem er mir zum Beispiel Kaffee ans Bett bringt», erzählt Fabienne strahlend.

Ab und zu kann es dann doch passieren, dass sie genervt ist. «Manchmal vergesse ich, dass er mich einfach nicht hört, wenn er unter der Dusche ist. Dann fluche ich innerlich ‹Verdammt, wieso antwortest du nicht?›» Daraufhin frage ich Fabio, ob er sein Hörgerät im Streit schon mal abgestellt hat. «Nein, das würde unsere Streits nur verschlimmern. Als Kind habe ich das aber gerne mal gemacht», antwortet er lachend.