Vier Szenarien - Vereinsarbeit statt RS – kommt der Dienst für alle?
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Vier SzenarienVereinsarbeit statt RS – kommt der Dienst für alle?

Verteidigungsministerin Viola Amherd will die Armee für Frauen öffnen. Ist ein Bürgerdienst für alle die richtige Lösung?

von
Pascal Michel
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Bei der Einführung eines Bürgerdienstes könnten Männer wie Frauen ihren Dienst auch bei der Feuerwehr absolvieren.

Bei der Einführung eines Bürgerdienstes könnten Männer wie Frauen ihren Dienst auch bei der Feuerwehr absolvieren.

20 Minuten
«Es ist der perfekte Zeitpunkt, um breit über die Rolle der Frauen in Armee und Gesellschaft zu diskutieren», sagt Caro Weibel. Derzeit prüft das VBS vier Dienstmodelle.

«Es ist der perfekte Zeitpunkt, um breit über die Rolle der Frauen in Armee und Gesellschaft zu diskutieren», sagt Caro Weibel. Derzeit prüft das VBS vier Dienstmodelle.

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Ein Modell, das die derzeitige Wehrpflicht für Männer komplett umkrempeln würde, wäre die «Bürgerdienstpflicht mit freier Wahl der Dienstart und weit gefassten Einsatzbereichen».

Ein Modell, das die derzeitige Wehrpflicht für Männer komplett umkrempeln würde, wäre die «Bürgerdienstpflicht mit freier Wahl der Dienstart und weit gefassten Einsatzbereichen».

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Die Idee des Bürgerdiensts für Schweizer Männer und Frauen ist eines der Szenarien, das Viola Amherd prüfen lässt.

  • Feuerwehr und Gemeinden zeigen sich aber noch zurückhaltend.

  • Juso-Präsidentin Ronja Jansen hält nichts von «einem Zwang für alle».

Für Leutnant Caro Weibel vom Verein «Frauen im TAZ (Tarnanzug)» macht Viola Amherd im Moment alles richtig. Man könnte sagen: Die Verteidigungsministerin segelt hart am Zeitgeist. Der Grund für die Euphorie der 27-jährigen Weibel an Amherds Plänen: Diese lässt gerade vier neue Dienstmodelle prüfen, die auch Frauen zu einem Dienst am Staat verpflichten würden (siehe Box).

«Es ist der perfekte Zeitpunkt, um breit über die Rolle der Frauen in Armee und Gesellschaft zu diskutieren», sagt Weibel. Sie hofft, dass sich alle jungen Frauen im Land Gedanken machen, wie sie sich im Milizsystem Schweiz einbringen wollen.

Bürgerdienst erhält Aufwind

Ein Modell, das die derzeitige Wehrpflicht für Männer komplett umkrempeln würde, wäre die «Bürgerdienstpflicht mit freier Wahl der Dienstart und weit gefassten Einsatzbereichen». Alle Schweizerinnen und Schweizer müssten dabei einen Dienst leisten. Die Wahl wäre frei zwischen Armee, Zivilschutz oder Arbeit auf politischer Ebene, in der Feuerwehr, im Samariter- oder Sportvereinen.

Dass auch Viola Amherd jetzt Bürgerdienst-Modelle prüft, freut Noemié Roten. Sie sitzt im Komitee der Initiative für einen Service Citoyen. «Die Schweiz lebt vom Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger. Diese Tugend hat leider in den letzten Jahren gelitten», sagt sie. Sie führt Zahlen des Bundesamts für Statistik an, wonach in den letzten 30 Jahren die institutionalisierte Freiwilligenarbeit stark abgenommen hat.

Die Gründe sind für sie vielfältig: Internationale Arbeitgeber schätzen die Milizarbeit zu wenig, die vermehrte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, Freiwilligenarbeit haftet ein verstaubtes Image an, oftmals pendeln die Menschen zwischen Arbeits- und Wohnort.

Aufwertung der Freiwilligenarbeit

Dabei hätte ein verpflichtendes Engagement viele Vorteile, gerade für Frauen, ist Roten überzeugt. «Das Engagement fürs Allgemeinwohl wird aufgewertet und Frauen bekommen Zugang zu den Netzwerken, die bisher den Männern mit Armee- und Zivildienst vorbehalten sind.» Dadurch könnten nicht nur die Bestände von Organisationen wie der Feuerwehr oder Vereinen gestärkt, sondern auch das Bewusstsein bei jungen Erwachsenen für die ehrenamtliche Arbeit geschärft werden.

Dass für junge Frauen das Bürgerdienst-Modell einschneidend wäre, ist Roten bewusst. Es sei klar, dass Frauen bereits heute viel unbezahlte Arbeit leisten würden. Aber: «Gerade ein Teil dieser zu wenig geschätzten Arbeit würde im Rahmen eines Service Citoyen hervorgehoben. Es ist wichtig gewisse Stereotypen zu durchbrechen.»

Gemeindepräsident: Erst andere Mittel ausschöpfen

Bei den Organisationen, wo die jungen Frauen und Männer zukünftig Dienst leisten sollen, ist man noch zurückhaltend. Jörg Kündig, Vizepräsident des Gemeindeverbands, sagt: «Ein Bürgerdienst ist für mich aber der letzte Ausweg», sagt Kündig. Zuerst müsse man alle anderen Mittel zur Gewinnung von Kandidatinnen und Kandidaten ausschöpfen. Er denkt dabei etwa an positive Anreize wie Ausbildungs-Zertifikate, bessere Entlöhnung oder Informationskampagnen bei Arbeitgebern.

«Ein verpflichtender Bürgerdienst hat einen Zwangscharakter. Ob wir damit die besten und motiviertesten Leute finden, ist fraglich», sagt FDP-Politiker Kündig. Hinzu komme, dass ein solcher Dienst auf kürzere Einsätze ausgelegt sei, während ein Behördenamt die Verpflichtung von mehreren Jahren voraussetze. «Unser System ist noch nicht bereit für einen Bürgerdienst.» Daneben gebe es ein weiteres Problem: Wer geht bei einer freiwilligen Auswahl der Tätigkeitsfelder noch in die Armee? «Es besteht die Gefahr, dass die Armee und damit die Wehrfähigkeit der Schweiz durch den Bürgerdienst geschwächt wird», so Kündig.

Weitere Bedenken führt Urs Bächtold, Direktor des Feuerwehrverbands, an. Er zweifelt aber daran, ob ein Dienst, der auf einer reinen Pflicht beruht, der Feuerwehr bei der Personalsuche helfen würde. «Um vier Uhr nachts beim Alarm aufzustehen, verlangt viel Überzeugung und Herzblut.» Zentral sei, dass motivierte Leute, gerade auch Frauen, den Wert der Feuerwehrarbeit erkennen würden und bereit seien, mehr zu leisten als andere. «Das Hochwasser hat gezeigt, dass die Schweiz ohne Milizarbeit nicht funktioniert.» Über welchen Weg der Nachwuchs zur Feuerwehr komme, sei sekundär. Seine Befürchtung: Wer zur Feuerwehr geht, um seine Pflicht abzuverdienen, ist weniger bereit, seine Bedürfnisse zurückzustecken und sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen

«Bringt die heile Schweiz nicht zurück»

Juso-Präsidentin Ronja Jansen hält nichts davon, «das Konzept des Dienstzwangs» jetzt auch auf Frauen auszuweiten. Natürlich könnten davon die Gemeindepolitik oder gemeinnützige Vereine profitieren. Aber: «Die Neuauflage eines veralteten Systems bringt die heile Schweiz nicht zurück.» Vielmehr brauche es ein Wirtschaftssystem, in dem Bürgerinnen und Bürger genug Zeit und Geld für freiwilliges Engagement hätten.

Die Modelle

Laut «Tages-Anzeiger» prüft das VBS derzeit vier Varianten:

Bürgerdienst mit freier Wahl: Alle Schweizerinnen und Schweizer leisten einen Dienst. Sie können frei wählen zwischen Armee, Zivilschutz, Gesundheit, Soziales, Umwelt, aber auch in der Gemeindepolitik, in der Feuerwehr, im Samariterverein.

Bürgerdienst ohne Wahl: Alle Schweizerinnen und Schweizer leisten einen Dienst. Wer nicht in Armee oder Zivilschutz eingeteilt ist, arbeitet im Sozial-, Gesundheits- oder Umweltbereich.

Norwegisches-Modell: Für Schweizer Männer gilt weiterhin die Wehrpflicht. Frauen sind stellungspflichtig, müssen also zumindest für eine zwei- bis dreitägige Orientierung einrücken. Einen Zivildienst gibt es nicht mehr.

Sicherheitsdienstpflicht: Dienstpflichtig bleiben allein Schweizer Männer. Zivilschutz und Zivildienst werden zusammengelegt. Die Armee rekrutiert so viele Personen wie sie braucht, der Rest wird dem Katastrophenschutz zugeteilt.

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