Aktualisiert 06.07.2012 17:44

RAF-Prozess

Verena Becker muss vier Jahre ins Gefängnis

Wegen Beihilfe zum Mordanschlag auf den ehemaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback wurde die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker schuldig gesprochen. Sie hatte eine Beteiligung bestritten.

Verena Becker wartete am 6. Juli im Oberlandsgericht in Stuttgart auf die Urteilsverkündung.

Verena Becker wartete am 6. Juli im Oberlandsgericht in Stuttgart auf die Urteilsverkündung.

35 Jahre nach dem Mord am deutschen Generalbundesanwalt Siegfried Buback ist die frühere RAF- Terroristin Verena Becker wegen Beihilfe verurteilt worden. Sie war gemäss Urteil zwar nicht direkt an der Tat beteiligt, hat sich aber im Vorfeld «vehement» dafür stark gemacht.

Becker habe sich bei einem Vorbereitungstreffen der Rote Armee Fraktion (RAF) in den Niederlanden für eine baldige Ausführung eingesetzt, urteilte das Oberlandesgericht Stuttgart am Freitag. Sie habe den Entscheid «mitbestimmt», sagte der Vorsitzende Richter Hermann Wieland.

Demnach haben die damals in Stammheim inhaftierten RAF- Terroristen um Andreas Baader auf das Attentat gedrungen. Becker «machte sich den Willen der Stammheimer Häftlinge zu eigen», sagte Wieland. Das Gericht berief sich dabei auf Aussagen des RAF- Aussteigers Peter-Jürgen Boock.

Richter sieht keine Hinweise auf Teilnahme an Tat oder deren Planung

Weiter erklärte Wieland, es gebe «keine Hinweise, dass die Angeklagte unmittelbar an der Planung oder Durchführung der Tat beteiligt war». Während des Prozesses war die Bundesanwaltschaft bereits vom Vorwurf der Mittäterschaft abgerückt. Sie forderte viereinhalb Jahre Haft für Becker.

Die 59-Jährige muss von ihrer Strafe höchstens zwei Jahre absitzen, denn wegen einer früheren lebenslangen Haftstrafe gelten zweieinhalb Jahre als vollstreckt.

Es ist offen, ob Becker wieder ins Gefängnis muss. Sie sass wegen des Buback-Mordes bereits in U-Haft, zudem kann sie mit einem Teilerlass rechnen. Auch ob sie gegen das Urteil rekurrieren wird, blieb offen. Die Anklage zeigte sich mit dem Strafmass zufrieden.

Wer hat geschossen?

Buback und zwei Begleiter waren am 7. April 1977 in Karlsruhe von einem RAF-Mordkommando getötet worden. Auch der Becker-Prozess konnte nicht klären, wer von einem Motorrad aus auf deren Auto feuerte.

Verurteilt wurden wegen des Attentats Christian Klar, Knut Folkerts und Brigitte Mohnhaupt. Die drei schweigen bis heute dazu. Bei Becker hatte die Bundesanwaltschaft 1977 die Tatwaffe gefunden und später am Bekennerschreiben Speichelspuren Beckers entdeckt. Dennoch hielt die Anklage sie nicht für die Schützin.

Becker bestritt Mitte Mai jede Beteiligung. Sie habe vom Anschlag erst am Tag danach in Italien erfahren. «Wer Ihren Vater getötet hat, kann ich nicht beantworten: Ich war nicht dabei», sagte sie an Bubacks Sohn Michael gerichtet, der als Nebenkläger auftrat.

Sie gab aber zu, RAF-Mitglied gewesen zu sein. Sie habe zudem Waffendepots angelegt und sei am Versand des Bekennerschreiben beteiligt gewesen. Dieses Geständnis habe strafmildernd gewirkt, sagte der Richter. Strafverschärfend war, dass Becker und die anderen RAF-Mitglieder sich einig waren, dass den Anschlag niemand überleben sollte.

Angehörige suchen weiter die Wahrheit

Michael Buback hält Becker für die Schützin. Er forderte zwar ihre Verurteilung, aber keine Strafe. «Die Wahrheit ist für uns wichtig», sagte er.

Buback hatte dem Verfassungsschutz vorgeworfen, dieser habe Beweise manipuliert, weil Becker während ihrer Haft Hinweise gegeben habe. Medien warfen dem deutschen Inlandsgeheimdienst gar vor, dieser habe Becker zur Tat angeleitet.

«Tunnelblick» des Sohnes

Der Richter sagte dazu: «Die Nebenklage hat häufiger Reales mit Wunschvorstellungen vertauscht.» Der Sohn habe eine «Wertung unter einem sogenannten Tunnelblick» vorgenommen.

Becker war im Mai 1977 mit einem weiteren RAF-Mitglied nach einer Schiesserei mit der Polizei gefasst worden. Deswegen wurde sie wegen sechsfachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt. 1989 wurde sie begnadigt.

Der Buback-Mord markiert den Beginn des «Deutschen Herbsts» von 1977, der mit der Entführung und Ermordung von Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer und der Entführung der Lufthansa-Maschine «Landshut» seinen Höhepunkt erreichte.

Mit dem Urteil gegen Becker ging ein Mammutprozess zu Ende. Seit September 2010 wurde an fast 100 Sitzungstagen verhandelt; 165 Zeugen wurden vernommen. (sda)

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