Vergiss die Bomben, komm zum Zirkus!
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Vergiss die Bomben, komm zum Zirkus!

Die bunt gestrichene kleine Schule in Kabul steht in scharfem Kontrast zur braunen Eintönigkeit der afghanischen Hauptstadt. Draussen herrschen Armut und Zerstörung.

In den Strassen trifft man auf gepanzerte Konvois und bettelnde Frauen und Kinder. Aber tritt man durch die Tür der Schule, sieht man Kinder, die lachend versuchen, mit einem Einrad zu fahren oder zu jonglieren. «Wir wollen hier drin nichts Negatives haben. Das Elend bleibt draussen», sagt der 42-jährige Schulgründer David Mason.

Besucher dürfen das Gebäude nicht bewaffnet betreten - weder ausländische Soldaten noch Afghanen mit Leibwächtern. Selbst deren Spenden werden nicht angenommen. Die Zirkusschule finanziert sich alleine durch die Einnahmen aus Auftritten und durch Spendengelder aus 15 Ländern. Bevor er nach Kabul kam, reiste der Däne Mason durch die Welt und unterrichtete Salsa und Tango. Doch nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 machte er es sich zur Aufgabe, den Kindern in Afghanistan zu helfen.

Noch besucht nach Angaben der Hilfsorganisation Oxfam die Hälfte der zwölf Millionen schulpflichtigen afghanischen Kinder keinen Unterricht. Doch in Masons kleiner Schule in Kabul unterrichten siebzehn afghanische Lehrer mehr als 100 Schüler kostenlos in Fächern wie Mathematik und Englisch, aber auch in Kursen wie Kunst und Akrobatik. Und die vier- bis 13-jährigen Mädchen und Jungen sind mit Eifer bei der Sache. Die zehn talentiertesten Kinder durften 2005 mit dem Schulzirkus sogar bei einer zweimonatigen Tour durch Europa vor tausenden Zuschauern auftreten.

«Ich war schon in Deutschland, Dänemark und Japan. Ich sang dort afghanische und japanische Lieder und jeder hat mir applaudiert. Ich war sehr glücklich», sagt die elfjährige Habeda, die jeden Tag fast fünf Kilometer zur Schule läuft. «Ich will der Welt das wahre Gesicht Afghanistans zeigen. Bei uns gibt es Lieder und Theater, Zirkus und traditionelle afghanische Tänze». Die Kinder und Lehrer der Schule reisen aber nicht nur durch die Welt, sondern treten auch in ihrem eigenen Land auf. Hier führen sie pädagogische Theaterstücke auf und informieren so andere Kinder über die Gefahren von Landminen, über den Schutz vor Malaria oder auch über die Notwendigkeit, sich die Zähne zu putzen.

Spielen statt Medizin

Spielerisches Lernen ist für die meisten afghanischen Kinder eine völlig neue Erfahrung. Früher mussten sie vor allem auswendig lernen. Das Spielen mit Murmeln und Drachen war verboten, als die Taliban noch an der Macht waren. Sogar Musik war nicht erlaubt. Und Mädchen durften ohnehin nicht zur Schule gehen. Wichtig ist Mason daher vor allem, dass seine Schüler Spass haben. In seiner Schule wirkten Lachen und Springen wie Medizin und Balancieren und Jonglieren seien die Lernziele. «Im Zirkus lernen die Kinder das Leben zu lieben», sagt Mason. «Wenn ein Siebenjähriger auf der Bühne steht und ihm 2.000 Menschen applaudieren, dann gibt ihm diese Erfahrung etwas, was ihm selbst Krieg und Elend nicht mehr nehmen können.» (dapd)

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