mynewenergy.ch: Vergleichsportal will Strombranche aufmischen

Aktualisiert

mynewenergy.chVergleichsportal will Strombranche aufmischen

Vergleichswebsites gibt es unzählige: für Flüge, Handy-Abos oder Versicherungen. Nun startet ein Portal für Schweizer Strompreise. Bald dürfen Stromkunden den Anbieter frei wählen.

von
S. Spaeth
Mynewenergy.ch – hinter dem Vergleichsportal für Strompreise steht eine ehemalige Managerin von Comparis.

Mynewenergy.ch – hinter dem Vergleichsportal für Strompreise steht eine ehemalige Managerin von Comparis.

Noch ist es Zukunftsmusik: Ein Basler Privathaushalt bezieht seinen Strom beim Zürcher Anbieter EWZ, eine Familie aus Luzern kauft ihre Kilowattstunden bei der Berner BKW ein. Bisher gibt es diese Wahlfreiheit für Kleinkunden lediglich bei Ökostromprodukten. «In rund zwei Jahren wird der Kunde auch beim Grundprodukt entscheiden können, woher er seinen Strom bezieht», schätzt Christina Marchand, Mitgründerin des Vergleichsportals My New Energy.

Die langjährige Comparis-Managerin lanciert am Mittwoch ein Portal zum Vergleich von Strompreisen. Erfasst sind bisher über 1000 Tarife für Stromprodukte, was rund 70 Prozent des Marktes entspricht. Weil nicht in jedem Ökostromprodukt gleich viel Nachhaltigkeit steckt, verteilt My New Energy Schulnoten von 1 bis 6. «Wir wollen nicht nur den billigsten Tarif propagieren. Es geht auch darum zu zeigen, warum es ein Produkt verdient, teurer zu sein», sagt Marchand. Anders gesagt: Das Portal entlarvt Anbieter, die ihren Strom aus alten Wasserkraftwerken mit Öko-Labels aufmotzen.

Die Vorarbeiten zu My New Energy entstanden noch bei Comparis. Der Leader der Schweizer Vergleichsdienste entschied sich aber, das Projekt nicht weiterzuverfolgen, worauf Marchand die Firma selbst entwickelte. Die Beziehungen zu Comparis sind aber weiterhin gut: Noch im Frühjahr soll der derzeit vier Mitarbeiter zählende Strom-Vergleichsdienst in die Website des Branchenprimus' integriert werden.

Liberalisierung bringt Boom

Das Portal werde Bewegung in den Strommarkt bringen, sagt Marchand überzeugt. Ihr Geschäftsmodell ist jenes eines Krankenkassen-Vergleichsdienstes: Bestellt ein Kunde ein Stromprodukt über www.mynewenergy.ch, erhält die Firma eine Provision von 15 bis 79 Franken. Beim ersten Schweizer Stromvergleichsportal sind derzeit sechs Anbieter mit dabei, darunter EKZ, EWZ und die St. Galler Stadtwerke. «Bei den Anbietern spart die Präsenz im Vergleichdienst Werbekosten, beim Kunden Suchaufwand», sagt Marchand.

Klar ist: Wenn die Liberalisierung im Kleinkundengeschäft kommt, werden die Zugriffe auf My New Energy explodieren. Eine Ahnung davon geben die Zugriffszahlen von Comparis: Im Bereich der Krankenkassen zählte der Branchenleader im letzten Jahr 3,8 Millionen Abfragen, sagt Sprecher Felix Schneuwly auf Anfrage von 20 Minuten. Die Comparis-Website verzeichnete im letzten Jahr über 60 Millionen Besucher. «Die Marktöffnung wird die Zugriffe auf unsere Website stark ansteigen lassen», sagt Marktkennerin Marchand. Vollständig liberalisiert ist der Strommarkt in Deutschland. Dort kann ein Haushalt im Durchschnitt zwischen 100 Stromversorgern auswählen.

Grosses Sparpotenzial

Viel weiter als bei den Schweizer Privathaushalten ist der Strommarkt auch bei den über 25'000 Grosskunden. Seit 2009 gilt für Grossbezüger wie Stahlwerke, Grosswäschereien oder Papierfabriken die Wahlfreiheit, doch lange war die regulierte Grundversorgung günstiger als der freie Markt. Seit 2009 hätten nie mehr als fünf Prozent der Grosskunden ihren Anbieter gewechselt, berichtete die «NZZ am Sonntag» kürzlich, doch nun sei die Wechselrate erstmals merklich angestiegen. Der Grund: Mit dem Wechsel zum günstigsten Anbieter können Stromkunden mehrere 10'000 Franken, einzelne sogar 100'000 Franken sparen.

Zusammenarbeit mit BFE

Das Bundesamt für Energie unterstützt im Rahmen des Programms EnergieSchweiz myNewEnergy mit einem Förderbeitrag, da durch den Vergleich und die Bewertung die Strom-Marktliberalisierung und die Schweizer Energiewende vorangetrieben werden. (sas)

Deine Meinung