Verhaftung wegen «zu langer Haare» in Basel?
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Verhaftung wegen «zu langer Haare» in Basel?

Die Basler Polizei verhaftete am Samstag 66 Personen, darunter «militante WEF-Gegner». Viele wollten aber weder demonstrieren noch randalieren. Sie waren «zur falschen Zeit am falschen Ort». Die Aktion hat nun ein politisches Nachspiel.

S.D. (Name der Redaktion bekannt) aus Riehen machte sich am Samstagabend mit dem Tram auf den Weg zu seiner Freundin. Als er in der Basler Innenstadt auf seinen Anschluss wartete, wurde er von acht bis zehn Polizisten in Kampfmontur umzingelt, nach seinem Ausweis gefragt, an die Wand gestellt und in Handschellen gelegt, wie der erzürnte Vater Gerd D. gegenüber 20minuten.ch sagt. Statt trauter Zweisamkeit sass sein 19-jähriger Sohn kurz darauf für fünf Stunden in Polizeigewahrsam. «Mein Sohn hat sich gestylt für den Abend mit seiner Freundin. Sollte er mit seiner 500 Franken teuren Lederjacke demonstrieren gehen?», ärgert sich Gerd D.

Grossrats-Tochter unter den Betroffenen

S.D. war nicht der Einzige, der sich unversehens in der Tiefgarage des Waaghofs in einem «käfigartigen Gefängnis» wiederfand, wie Betroffene die Zustände schildern. So wurden auch die 16-jährige Tochter von Grossrat Michael Wüthrich (Grüne) und der Sohn einer weiteren Grossrätin in Polizeigewahrsam genommen, obwohl sie sich laut Angaben von Wüthrich gebührend ausweisen konnten. Vater Gerd D. sagt: «Die einzige Erklärung, welche die Polizei meinem Sohn abgab, war: Er sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.»

«Auch ein paar Unschuldige»

Klaus Mannhart, Sprecher der Kantonspolizei Basel-Stadt bestätigte gegenüber 20minuten.ch, dass insgesamt 66 Personen am Samstagabend «zur Kontrolle und Befragung» in Polizeigewahrsam genommen und «zwischen zwei und fünf Stunden» festgehalten wurden. Hintergrund der grossen Polizeikontrolle in der Innenstadt waren laut Mannhart Hinweise, wonach es zu Sachbeschädigungen kommen könnte. Das grosse Polizeiaufgebot habe auch mit den «massiven Sachbeschädigungen» der letzten Tage zu tun gehabt, als unter anderen die UBS und Luxusautos beschädigt wurden.

Wie viele der insgesamt 66 zur Kontrolle «eingezogenen» Personen tatsächlich militante WEF-Gegner waren, wollte die Polizei nicht mitteilen. Wie viele Polizisten im Einsatz standen, sagt die Polizei aus taktischen Gründen nicht. Mannhart muss allerdings zugeben: «Unter den Personen gab es auch ein paar Unschuldige.»

«Völlig willkürlich»

Vater Gerd D. spricht von einer «völlig willkürlichen» Aktion. So seien auch zwei Lausanner Kunststudenten verhaftet worden, die einen Besuch im Kunstmuseum Basel machen wollten. «Die kommen doch nie mehr nach Basel, weil sie hier um ihre Freiheit fürchten müssen oder weil sich der eine seine Rastalocken abschneiden müsste, um nicht aufzufallen. Mein Sohn wurde wohl auch verhaftet, weil er zu lange Haare hat.»

Interpellation verfasst

Die Polizei will sich nicht weiter über die Aktion äussern. Allerdings wird der Polizeieinsatz ein politisches Nachspiel haben. Der Grüne Grossrat Michael Wüthrich hat bereits eine Interpellation verfasst. Er will unter anderem wissen, nach welchen Kriterien die Überprüften von der Polizei ausgewählt wurden, auf welcher gesetzlichen Grundlage das mehrstündige «in Polizeigewahrsam nehmen» basiert, wenn sich die Personen ausweisen können, und ob es sich nicht einfach um eine Übung im Zusammenhang mit der Euro 08 handelte.

Marius Egger, 20minuten.ch

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