Wegen Rahmenabkommen - Verhindert die EU billigere Roaming-Tarife für Schweizer?
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Wegen RahmenabkommenVerhindert die EU billigere Roaming-Tarife für Schweizer?

Schweizer zahlen zu viel fürs Roaming im Ausland. Das Scheitern des Rahmenabkommens verunmögliche eine Lösung mit der EU, fürchten Politiker. Sie fordern deshalb Preisobergrenzen im Inland.

von
Carla Pfister
Pascal Michel
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Das Roaming zu deaktivieren ist das Erste, was viele nach dem Überqueren der Grenze tun.

Das Roaming zu deaktivieren ist das Erste, was viele nach dem Überqueren der Grenze tun.

20min/Taddeo Cerletti
Wer 2020 bei Salt ohne Datenpaket im Ausland surfte, zahlte pro Megabyte 19 Franken.

Wer 2020 bei Salt ohne Datenpaket im Ausland surfte, zahlte pro Megabyte 19 Franken.

20min/Marvin Ancian
Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter will mit den überteuerten Schweizer Roaming-Tarifen Schluss machen.

Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter will mit den überteuerten Schweizer Roaming-Tarifen Schluss machen.

privat

Darum gehts

  • Roaming-Gebühren können Schweizer Telekom-Kundinnen und -Kunden teuer zu stehen kommen.

  • Nationalrätin Schneider-Schneiter will dem mit einer Preis-Obergrenze für Roaming entgegenwirken.

  • Umstritten ist, ob die Schweiz einseitig eine Deckelung einführen kann – oder ob es Verhandlungen mit der EU braucht.

  • Diese dürfte nach dem gescheiterten Rahmenabkommen aber kaum Interesse haben.

Roaming kann Schweizerinnen und Schweizer teuer zu stehen kommen. Ein Beispiel aus einer Untersuchung der Stiftung Konsumentenschutz vom letzten Jahr: Wer bei Salt ohne Datenpaket im Ausland surfte, zahlte pro Megabyte 19 Franken – 975 Mal mehr als mit Datenpaket. Auch bei den anderen Anbietern waren die Zuschläge teils massiv.

Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter will mit den überteuerten Schweizer Roaming-Tarifen Schluss machen – einmal mehr. Sie fordert in einer Motion, dass sich auch Schweizer Mobilfunkanbieter an eine Preisobergrenze halten müssen.

Corona verschärft das Problem

«Jedes Jahr vor den Sommerferien werde ich wieder an die unsäglichen Roaming-Tarife erinnert», sagt sie. Das Thema betreffe alle und sei gerade in der Pandemie relevant: «Durch die Corona-Krise erleben wir einen Digitalisierungsschub.» Gerade in den Ferien sei man noch mehr darauf angewiesen, so Schneider-Schneiter.

Sie betont, dass das gescheiterte Rahmenabkommen die Abschaffung der Roamingtarife in der Schweiz leider in weite Ferne gerückt habe. Derselben Ansicht ist die Stiftung Konsumentenschutz. «Die EU hat deutlich gemacht, dass sie ohne ein Rahmenabkommen nicht mit der Schweiz über ein Roaming-Abkommen verhandeln wird», so Schneider-Schneiter. Umso dringlicher sei es, dass hierzulande – noch zu definierende – Preisobergrenzen eingeführt würden.

Dies ist laut einem Rechtsgutachten auch laut Schweizer Gesetz einseitig möglich, weshalb die Stiftung Konsumentenschutz fordert: «Schluss mit erhöhten Preisen!» Anderer Meinung ist das Bakom, es betont, es brauche internationale Vereinbarungen. “Der Abschluss einer internationalen Vereinbarung ist nicht ausgeschlossen, mit dem Scheitern des Rahmenabkommens dürften die Chancen für ein Abkommen mit der EU bezüglich Roaming im Moment aber tatsächlich klein sein”, schreibt das Bakom auf Anfrage.

EU kennt Obergrenzen

Die EU-Länder haben ein gemeinsames Roaming-Abkommen, sodass für Kundinnen und Kunden von europäischen Mobilfunkanbietern keine Roaming-Gebühren mehr anfallen. Zudem existieren in der EU seit 2019 Kosten-Obergrenzen: So dürfen beispielsweise Telefonate aus Deutschland in andere EU-Länder maximal 19 Cent pro Minute, eine SMS höchstens sechs Cent kosten.

SVP-Nationalrat Franz Grüter anerkennt, dass die Roaminggebühren für Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten hoch seien. «Die Schlussfolgerung, dass ohne Rahmenabkommen ein Roaming-Vertrag unmöglich sei, finde ich aber abstrus: Das hat nichts mit dem Rahmenabkommen zu tun», so Grüter.

«Ideal wäre, wenn die schweizerischen Telekom-Anbieter sich den europäischen Anbietern freiwillig in den Roaminggebühren Europas anschliessen würden», so Grüter. Es sei üblich, dass die Anbieter Roaming-Abkommen mit Anbietern anderer Länder abschliessen: «Nicht nur in Europa, sondern international ist das bereits Usus.» Grüter ist zudem überzeugt, dass der Bundesrat ohne Rahmenabkommen mit einem bilateralen Vertrag die Roaming-Frage mit der EU regeln könnte.

Verbesserung ab Juli

Immerhin: Eine kleine Verbesserung gibt es für Schweizer Telekom-Kundinnen und -Kunden, sie tritt auf 1. Juli in Kraft. So können Kundinnen und Kunden eigene Kostenobergrenzen definieren. Anbieter müssen den Kauf der Roamingpakete per WLAN ermöglichen, die Pakete müssen zwölf Monate gültig sein und das Aufrunden der Nutzung ist nicht mehr zulässig.

Ob eine Lösung mit der EU überhaupt für Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten ein Durchbruch wäre, stellt Telekom-Experte Oliver Zadori infrage. «Auch in der EU verrechnen sich die Anbieter untereinander Roaming-Kosten. Bei Anwendung der EU-Lösung stellt sich die Frage, ob dadurch die Tarife steigen könnten, weil die Kosten dann einfach indirekt bezahlt werden müssen.»

Die Telekom-Anbieter selbst sehen keinen Handlungsbedarf: Swisscom-Mediensprecherin Sabrina Hubacher sagt, dass die Swisscom die Roaming-Preise laufend gesenkt habe. «Die meisten Kunden haben Roaming in ihrem Abo inbegriffen.» Bereits seit einiger Zeit führe Roaming kaum mehr zu Kundenbeanstandungen, so Hubacher. Salt schreibt: «Salt bietet Kunden auf Ihre Bedürfnisse angepasste Mobilfunk-Abos mit Inklusiv-Einheiten im Roaming.»

Tipps

Telekom-Experte Oliver Zadori rät:

- Ab 1. Juli muss jeder Anbieter eine individuelle Roaming-Kostenlimite anbieten. Diese sollte man nach seinen Wünschen einstellen.
- Sich etwa auf dschungelkompass.ch über die geltenden Roaming-Tarife und verfügbaren Zusatz-Optionen im Reiseland informieren. Je nach Land und Anbieter gibt es riesige Unterschiede zwischen Standardtarif und Option.
- Sicherstellen, dass vor der Nutzung ein passendes Datenpaket oder eine Sprachoption aktiviert ist, nicht dass man den teilweise sehr hohen Standardtarif bezahlt.
- Wenn immer möglich im Ausland WLAN nutzen.
- Wenn möglich eine Messenger-App für das Telefonieren nutzen.
*Diese Punkte gelten natürlich nur, wenn das Abo im Reiseland keine unlimitierte Nutzung enthält.

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