Aktualisiert 22.06.2020 13:13

Über 1300 Angesteckte

Verkaufen Coop und Migros Wurst aus deutscher Corona-Fleischfabrik?

In Deutschland steigt die Zahl der Corona-Infizierten in einem Schlachtbetrieb rasant. Auch in der Schweiz werden Produkte verkauft, die Fleisch aus dem deutschen Betrieb enthalten könnten.

von
Barbara Scherer, Fee Anabelle Riebeling
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In Deutschland ist es zu einem Corona-Skandal gekommen.

In Deutschland ist es zu einem Corona-Skandal gekommen.

Foto: Keystone
Beim Fleischkonzern Tönnies haben sich über 1300 Mitarbeiter einer Schlachterei infiziert.

Beim Fleischkonzern Tönnies haben sich über 1300 Mitarbeiter einer Schlachterei infiziert.

KEYSTONE
Auch in der Schweiz wird Fleisch von Tönnies verkauft …

Auch in der Schweiz wird Fleisch von Tönnies verkauft …

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Darum gehts

  • Im deutschen Fleischkonzern Tönnies haben sich über 1300 Mitarbeiter mit Corona angesteckt.
  • Das Fleisch von Tönnies wird als Streichwurst der Marke Rügenwalder Mühle bis in die Schweiz bei Migros und Coop verkauft.
  • Der deutsche Lebensmittellieferant Rügenwalder Mühle hat Tönnies wegen dem Corona-Skandal jetzt als Fleischlieferant gestrichen.

Zu enge Wohnverhältnisse und die Hygieneregeln nicht eingehalten – das hat in Deutschland zu einem Corona-Skandal geführt: Beim Fleischkonzern Tönnies haben sich über 1300 Mitarbeiter einer Schlachterei infiziert. 7000 Personen stehen unter Quarantäne.

Bei den Konsumenten herrscht deshalb Verunsicherung: Viele wollen keine Produkte vom Corona-Schlachthof kaufen, wie die «Bild» schreibt. Dabei liefert der deutsche Fleischproduzent seine Ware bis in die Schweiz: Migros und Coop verkaufen die Streichwurst der deutschen Marke Rügenwalder Mühle. Diese bezog Fleisch bis jetzt unter anderem bei Tönnies.

Keine Sicherheit bei der Fleisch-Herkunft

Ob die Streichwurst in den Schweizer Regalen Fleisch aus der Tönnies-Schlachterei enthält, kann weder Coop noch Migros beantworten: «Wir stehen in Kontakt mit dem Markenhersteller und klären den Sachverhalt ab», sagt ein Coop-Sprecher auf Anfrage. Die Migros verweist 20 Minuten auf den deutschen Produzenten Rügenwalder.

Geht es um die Ansteckungsgefahr, gibt sich die Migros gelassen: Eine Übertragung des Coronavirus über Lebensmittel auf den Menschen sei nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand unwahrscheinlich. «Lebensmittel, auch jene aus dem Offenverkauf, können bedenkenlos konsumiert werden», sagt ein Migros-Sprecher auf Anfrage.

Deutscher Wursthersteller streicht Lieferant

Der Lebensmittelproduzent Rügenwalder Mühle hat bereits Konsequenzen aus dem Corona-Skandal gezogen: Bis Montagmorgen listete der Lebensmittelproduzent Tönnies als einer seiner Fleischlieferanten auf. Inzwischen wurde Tönnies klammheimlich von der Liste gestrichen.

Rügenwalder Mühle bestätigt die Anpassung der Lieferantenliste: «Da die Belieferung durch Tönnies aufgrund der aktuellen Situation vorerst eingestellt wurde, haben wir das Lieferantenverzeichnis auf der Website entsprechend aktualisiert», erklärt das Unternehmen gegenüber 20 Minuten. Ob Tönnies von der Liste gestrichen wurde, weil Rügenwalder Reputationsschäden befürchtet, bleibt unklar.

Fleisch vor dem Corona-Skandal produziert

Auch bei Aldi Suisse gibt es zurzeit in der Westschweiz Spare Ribs von Fleisch aus dem Tönnies-Betrieb. «Die hierfür verwendeten Fleischstücke wurden bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie produziert und anschliessend bis zur Weiterverarbeitung tiefgekühlt», erklärt ein Sprecher. Ansonsten werden im Moment keine Produkte mit Fleisch von Tönnies angeboten.

Bei Lidl Schweiz gab es Mitte Juni Tiefkühl-Köttbullar von der Firma Tillmann’s. Die deutsche Marke bezieht ihr Fleisch bei Tönnies. Doch auch hier wurde das Fleisch für Lidl Schweiz bereits vor dem Corona-Skandal produziert, wie es auf Anfrage heisst. Lidl Schweiz hat trotzdem entschieden, «bis zur vollständigen Klärung der Sachlage» keine weiteren Produkte mit Fleisch von Tönnies anzubieten.

Viren brauchen lebenden Wirt

Müssen Schweizer nun die Finger von der Rügenwalder Streichwurst lassen? Darüber sind sich Experten uneinig: Das Fleisch sei brandgefährlich, sagt etwa der Hygieneexperte Klaus-Dieter Zastrow zu «Bild». Eine Verunreinigung von Fleisch oder Fleischwaren mit Coronaviren während der Schlachtung oder bei der Fleischzerlegung und -verarbeitung ist theoretisch möglich. Laut dem deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind jedoch bislang keine Infektionen mit Covid-19 über den Verzehr von Fleischwaren oder Kontakt mit kontaminierten Fleischprodukten bekannt.

«Coronaviren können sich in oder auf Lebensmitteln nicht vermehren, sie benötigen dazu einen lebenden tierischen oder menschlichen Wirt», erklärt Andreas Hensel, Präsident des BfR, in einem offiziellen Statement. Für Coronaviren gebe es keine Hinweise, dass es durch den Verzehr von Lebensmitteln, wie Fleisch und daraus hergestellten Produkten, zu einer Infektion des Menschen kommt.

Keine Gefahr, wenn das Fleisch erhitzt wird

Da das Coronavirus hitzeempfindlich ist, kann ein etwaiges Risiko durch das Erhitzen von Lebensmitteln zusätzlich verringert werden. Das gilt besonders bei tiefgekühltem Fleisch. Zwar sind bisher auch keine Infektionsketten über tiefgekühlte Lebensmittel bekannt, Coronaviren gelten aber als kälteunempfindlich und «können bei minus 20 Grad Celsius bis zu zwei Jahren im gefrorenen Status infektiös bleiben», heisst es beim BfR. Darum sollten Fleisch und Geflügel mindestens zwei Minuten lang auf mindestens 70 Grad erhitzt werden – bis Fleischsaft austritt.

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395 Kommentare
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Vorsicht ist besser als Nachsi

23.06.2020, 17:44

Lieber wenig Fleisch essen, aber von Tieren die korrekt gehalten werden. Es ist völlig klar, dass Fleisch aus Massentierhaltung von der Qualität niemals gut ist. Der Metzger im Dorf kennt die Tierhalter und weiss unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten werden. Es ist keine Massenabfertigung. Daher, wenn man Fleisch essen will eher beim Dorfmetzger einkaufen. Da weiss man noch, was man hat.

Ist gut so

23.06.2020, 17:27

So schlimm es auch sei - der Nutzen für die Umwelt ist um Welten höher als jeder Shutdown. DAS ist der Anfang vom Ende der Nutztier-KZ's. Die Zustände dürften überall etwa gleich sein. JEDER der mit dem Zeigefinger auf andere zeigt, zeigt gleichzeitig mit drei Fingern auf sich selbst.

selber Schuld

23.06.2020, 08:21

Warum so erbost? Importfleisch ist klar deklariert. Wer zu geizig ist um Fleisch aus ethischer Produktion für Mensch und Tier zu kaufen, soll ruhig krank davon werden.