«Time-out»: Verkommt die Nati zum Hockey-Zirkus?
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«Time-out»Verkommt die Nati zum Hockey-Zirkus?

Nationaltrainer Sean Simpson tourt diese Woche mit einem Team, das beinahe grösser ist als jenes des Zirkus Knie. Damit greift er die Leistungskultur seines Vorgängers Ralph Krueger an.

von
Klaus Zaugg
Nationaltrainer Sean Simpson ist mit einer Riesentruppe unterwegs. (Bild: Keystone)

Nationaltrainer Sean Simpson ist mit einer Riesentruppe unterwegs. (Bild: Keystone)

Zur Erinnerung: Ralph Krueger (52) hat unser Eishockey aus der internationalen Bedeutungslosigkeit erlöst und als Nationaltrainer zwischen 1997 und 2010 in die Weltklasse zurückgeführt. Welch enorme Arbeit der Deutsch-Kanadier geleistet hat, zeigt sich auch daran, dass sein Nachfolger Sean Simpson (51) inzwischen alle Spiele verliert, die er gewinnen sollte. Das mag eine bösartige Feststellung sein. Immerhin haben wir unter Sean Simpson an der WM 2010 in Mannheim auch Kanada gebodigt und den 5. Schlussrang erreicht.

Aber das WM-Ensemble von 2010 war noch Ralph Kruegers Team. Eine Mannschaft, geprägt vom Wesen und Wirken des Kanada-Deutschen, der zuvor bei seinem letzten Turnier in Vancouver dem späteren Olympiasieger Kanada ein Penalty-Schiessen abgetrotzt hatte.

Wie viele Spieler braucht eine Nati?

Auch Krueger hat während der Saison verschiedene Spieler im Nationalteam getestet und er ist der erste Nationaltrainer unserer Geschichte, der gleich mehrere Male mehr als 40 verschiedene Spieler in einer Saison für die an und für sich bedeutungslosen Turniere (wie Deutschland Cup, Skoda Cup und sonstige Turniere) aufgeboten hat.

Aber Krueger bewahrte stets sorgsam die «Kultur des Gewinnens». Siegen ist letztlich auch eine Gewohnheit. Sieger zeichnen sich durch eine ganz besondere Kultur aus. Alles, was der Trainer, seine Assistenten und die Helfer rund ums Team tun, jedes Detail also, ist auf ein einziges Ziel ausgerichtet: Das nächste Spiel zu gewinnen. Kompromisse darf es keine geben.

Krueger hat zwar nur einmal das WM-Halbfinale erreicht (1998). Aber er hat bei 15 WM- und Olympiaturnieren nur fünfmal das Viertelfinale verpasst und viele Turniere – beispielsweise den Deutschland Cup 2001 und 2007 sowie den Skoda Cup 2007 und 2008 – gewonnen. Der charismatische Coach hat es verstanden, die Begeisterung der Spieler auch in bedeutungslosen Spielen im November, Dezember und Februar zu befeuern. Er hat Niederlagen zwar hin und wieder auch schöngeredet. Aber er hat sie intern nie geduldet.

Dieser Kultur des Gewinnens droht inzwischen der Verfall. Seit Sean Simpson während der ganzen Saison die Verantwortung über die Nationalmannschaft hat (seit dem Sommer 2010) hat er nur ein wichtiges Spiel, kein einziges Turnier gewonnen, das WM-Viertelfinale 2011 verpasst und mit einem Hüst und Hot mit Ein- und Ausladungen von Spielern Unruhe ins WM-Team von 2011 getragen.

Zwei Teams für vier Spiele

Diese Woche erleben wir einen neuen Höhepunkt der unter Sean Simpson aufblühenden Zirkus-Kultur: Zwei verschiedene Nationalteams für vier Spiele in einer Woche (All-Star-Game, Deutschland Cup).

Verkommt die Nationalmannschaft zum Hockey-Zirkus? Simpsons oberster Chef ist seit dem 1. August 2011 Ueli Schwarz im Range eines Direktors für Leistungssport. Er ist verantwortlich für die Nationalmannschaftsprogramme und für die Nationalliga. Über seinen Schreibtisch laufen auch alle Aufgebote von Sean Simpson. Er ist der Mann, der sich mit dieser Frage auseinandersetzen muss. Der erfahrene Berner, der in seiner langen Karriere unter anderem U 20-Nationaltrainer, Sportchef und Trainer beim SC Bern und beim HC Fribourg-Gottéron, sowie Sportchef in Lausanne und Basel war, kennt die Problematik. Er verteidigt gegenüber 20 Minuten Online die Philosophie seines Nationaltrainers. «Wir haben gegenüber den grossen Nationen den Vorteil, dass wir drei Viertel der Spieler während der ganzen Saison zur Verfügung haben. Theoretisch wäre es also ideal, in jeder Partie mit den bestmöglichen Spielern anzutreten und in jedem Spiel den Sieg anzustreben.»

Leider sei das so nicht möglich. In einem Sport, in welchem Sieger keine Kompromisse machen dürfen, sei man gezwungen, Kompromisse einzugehen. «Wir sind international im Nachwuchsbereich mit den U16- bis U20-Nationalteams sehr gut aufgestellt. Aber wenn ein Spieler aus dem Juniorenalter heraus ist, dann hat er keine Möglichkeiten mehr für internationale Einsätze. Weil er dann noch nicht für die Nationalmannschaft bereit ist. Damit sich diese Spieler trotzdem weiter entwickeln können, setzen wir sie während der Saison in der Nationalmannschaft ein. Obwohl oft klar ist, dass er für die WM nicht zum Zuge kommen wird.» Nationalcoach Sean Simpson verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass er letzte Saison die WM-Tauglichkeit von jungen Stürmern wie Simon Moser (22) und Kevin Lötscher (23) erst durch die Einsätze in den Testspielen während der Saison entdeckt habe.

Schwarz führt aus, dass es ganz einfach nicht machbar sei, in allen Länderspielen die besten Spieler aufzubieten. «Die Belastung für die einzelnen Spieler würde zu gross und die Klubs würden dies nicht akzeptieren. Wir sind auch aus diesem Grund dazu gezwungen, Kompromisse einzugehen.»

Frühe Testspiele machen noch kein WM-Kader

Für Schwarz sind die Länderspiele im November, Dezember und Februar für die Zusammenstellung des WM-Teams letztlich fast bedeutungslos. «Wir sehen erst nach der Meisterschaft, in welcher Form die Spieler tatsächlich sind. Die Zusammensetzung des Teams kristallisiert sich erst in den WM-Vorbereitungspartien heraus.»

Die Nationalmannschaft steckt also von November bis Februar im Niemandsland zwischen Erfolgsstreben (das Publikum erwartet von einem Nationalteam Siege), Pflege der «Kultur des Siegens» und Ausbildungsarbeit. Schwarz stellt aber auch ganz klar, dass trotzdem in jedem Spiel der Sieg angestrebt werden müsse. «Es kann und darf nicht sein, dass Niederlagen der Nationalmannschaft schöngeredet und zur Gewohnheit werden.»

Aber genau dies war in der letzten Saison der Fall, und dafür bezahlten die Schweizer an der WM mit dem Verpassen der Viertelfinals die Rechnung. Der Larifari-Betrieb während der vergangenen Saison – da war er noch nicht im Amt – ist Schwarz nicht verborgen geblieben. «Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die gesamte Verbandsorganisation im Umbruch war und dass verschiedene Zuständigkeiten noch nicht geklärt waren.» Sean Simpson wurde deshalb letzte Saison zeitweise sträflich alleine gelassen und die Kommunikation funktionierte nicht. «Dieses Problem haben wir erkannt», sagt Schwarz.

Wiedersehen mit Kölliker

Der neue starke Mann des Verbandes ist daran, wieder Ordnung zu schaffen und die «Kultur des Siegens» besser zu hegen und zu pflegen. Ein erster Test ist nun der Deutschland Cup in München mit den Partien gegen Deutschland (Freitag, 20 Uhr), die USA (Samstag, 18.15 Uhr) und die Slowakei (Sonntag, 13.30 Uhr). Alle drei Gegner treten ebenfalls bei weitem nicht mit der bestmöglichen Mannschaft an. Bei Deutschland debütiert am Freitag der neue Deutsche Bundestrainer Köbi Kölliker, der zuvor 15 Jahre lang Assistent unserer Nationaltrainer Simon Schenk und Ralph Krueger war.

Wenn die Schweiz den Deutschland Cup nicht gewinnt oder nicht wenigstens in jedem Spiel kompromisslos auf Sieg spielt, dann wird Schwarz nicht darum herumkommen, zur ersten Krisensitzung der «Ära Simpson» aufzubieten.

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