Kachelmann vor Gericht: Verkrampft locker bleiben
Aktualisiert

Kachelmann vor GerichtVerkrampft locker bleiben

Die Anklage fordert rund vier Jahre Haft für Jörg Kachelmann. Der Wettermoderator nahm den Antrag des Staatsanwalts auf wie den Rest des Plädoyers: bemüht emotionslos.

von
A. Mustedanagic
Mannheim

Thomas Franz, Vertreter der Nebenklage, und Jörg Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn nehmen Stellung zum Antrag der Staatsanwaltschaft.

Irgendwie schien es eher um die Freiheit und Intimsphäre von Johann Schwenn zu gehen als um die seines Mandanten Jörg Kachelmann. Mitten im Plädoyer der Staatsanwaltschaft sprang der Verteidiger hoch und marschierte zum Richterpult, um die «intimen Schilderungen» aus dem Leben des Wettermoderators zu unterbinden. Jörg Kachelmann verzog derweil keine Miene. Der Moment war bezeichnend für den Wettermoderator am vorletzten Tag des Prozesses gegen ihn.

Während seine Anwälte locker in den Stühlen hingen, über die Ausführungen der Anklage grinsten oder auch mal enerviert den Kopf schüttelten, sass Kachelmann kerzengerade in seinem Stuhl und hörte scheinbar emotionslos dem Staatsanwalt zu. Egal, ob dieser ihn gerade der Falschaussage, der Verwischung von Spuren oder einer besonders schweren Vergewaltigung bezichtigte. In seinem gräulichen Anzug wirkte der 52-Jährige wie der bemüht interessierte Teilnehmer einer Podiumsdiskussion. Mal tippte er auf seinem iPad herum, mal machte er sich Notizen. Der Inhalt des Plädoyers schien ihn mehr intellektuell als emotional zu fordern. Wenn er nicht gerade fingerfertig seinen Stift durch die Hand wandern liess, lagen seine Hände ruhig auf dem Tisch – bereit für ein Stossgebet.

Grund für Emotionen

Emotionen gab es von Jörg Kachelmann an diesem Tag höchstens in der Pause. Wenn er im Gespräch mit den Anwälten lächelte. Nicht zu viel, aber nicht zu wenig – ganz der Medienprofi, der er ist. Er hat lange genug selbst Boulevard-Journalismus gemacht, dass er weiss, dass er genau im Fokus steht. So blieb er selbst beim Antrag der Staatsanwaltschaft auf eine Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten bei seiner verkrampften Lockerheit. Dabei hätte er spätestens dann Grund für Emotionen gehabt.

Die Staatsanwaltschaft hat aus einer «besonders schweren Vergewaltigung» einen minder schweren Fall gemacht. Verteidiger Schwenn legte dies jedenfalls als Schwäche der Anklage aus und versprühte angesichts dessen bereits Enthusiasmus im Hinblick auf den kommenden Dienstag und sein Plädoyer (siehe Video). Wie unterschiedlich die Betrachtungsweisen in diesem Fall auch nach dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft liegen, zeigt der Fakt, dass Alice Schwarzer die Strafmilderung einen «gelungenen Trick» findet,wie sie 20 Minuten Online am Rande des Prozesses sagte.

«Fünf Jahre wären zu viel gewesen», so Schwarzer, «mit der Berücksichtigung der strafmildernden Umstände und der beantragten Strafe hat die Staatsanwaltschaft einen Königsweg gefunden.» Die Autorin und Prozessbeobachterin ist jedenfalls nach dem Tag mindestens so zuversichtlich wie die Gegenseite gewesen. «Ich bin überzeugt, dass Jörg Kachelmann verurteilt wird.» Die Richter werden aber nach ihrer Meinung Milde walten lassen. «Das Gericht senkt das Strafmass bestimmt nochmals.»

Eine Nacht, zwei Versionen

Die 38-jährige Radiomoderatorin Sabine W. beschuldigt Wettermoderator Jörg Kachelmann, sie am 9. Februar 2010 nach einem Streit in ihrer Wohnung mit einem Küchenmesser bedroht und vergewaltigt zu haben. Kachelmann hingegen sagte in seiner einzigen Aussage, die er am 24. März 2010 vor dem Ermittlungsrichter machte, sie hätten einvernehmlich Sex gehabt. Danach habe es einen Streit gegeben und er habe seine vielen Parallelbeziehungen gestanden. Sie hätten sich in der Nacht einvernehmlich getrennt und er sei am Folgetag zu den Olympischen Spielen nach Vancouver geflogen.

Die Glaubhaftigkeit von Sabine W. ist höchst umstritten. Die Ex-Freundin hat zwar den Streit in dieser Nacht ausführlich geschildert, beim Vergewaltigungsgeschehen aber zahlreiche Erinnerungslücken. Die Aussagepsychologin liess es in ihrem Gutachten offen, ob ihre Tatschilderung auf tatsächlichem Erleben beruht oder nicht. Gelogen hatte die 38-Jährige tatsächlich allerdings im Vorfeld: Sie hatte in der fraglichen Nacht Kachelmann mit einem Flugticket konfrontiert, das seinen Namen und den einer anderen Frau trug. Flugschein und ein Schreiben mit dem Satz «Er schläft mit ihr» habe an diesem Tag im Briefkasten gelegen, sagte sie ihm. Dass sie das Ticket schon Monate vorher anonym erhalten und den zusätzlichen Satz selbst geschrieben hatte, verschwieg sie ihm. Ebenso, dass sie unter falschem Namen bereits Kontakt zu der Nebenbuhlerin aufgenommen hatte. Bei ihrer Anzeige am folgenden Morgen blieb sie bei dieser falschen Version. Erst zwei Monate später korrigierte sie nach den entsprechenden Ermittlungen der Polizei die falsche Vorgeschichte.

Verletzungen sind kein sicherer Beweis

Sabine W. hatte am Morgen nach der angeblichen Tat Verletzungen am Hals und ausgedehnte blaue Flecke an den Oberschenkeln. Vor allem diese Verletzungsspuren dürften für die Vertreter der Anklage entscheidend sein. Dass die Halsverletzungen von dem angedrückten Messer stammen - wie sie angibt - , ist laut Gutachten möglich, aber nicht sicher. Auch am sichergestellten Messer gibt es keine eindeutigen Beweise. Die Frau gibt an, sie habe nach der Tat aufgeräumt und das Messer noch einmal angefasst. Auf dem Griff befindet sich eine Mischspur, die Kachelmann nicht eindeutig zuzuordnen ist.

(AP)

Wie kann der Prozess ausgehen?

Das Gericht hat im Prozess gegen Jörg Kachelmann zwei Möglichkeiten: Entweder die Richter verurteilen den Wettermoderator oder sie sprechen ihn frei. Bleiben den Richter nach den Plädoyers noch Zweifel, müssten sie Kachelmann aus Mangel an Beweisen freisprechen. Diesen Freispruch wird gerne Freispruch zweiter Klasse genannt.

Im Falle einer Verurteilung drohen Kachelmann bis zu 15 Jahre Haft.

Im Falle eines Freispruchs hat er Anspruch auf finanzielle Entschädigung. Die Höhe wird aufgrund des erlittenen Vermögensschadens errechnet. Der Wettermoderator könnte also den Ausfall von Moderationen und Aufträgen einverlangen. Hinzu kommt ein allfälliger Schadenersatz, welchen Kachelmann einklagen müsste. Dies ist allerdings - im Falle eines Freispruchs sehr wahrscheinlich - sein Anwalt hat es jedenfalls bereits angekündigt.

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