Aktualisiert 14.08.2012 14:37

Schweizer StudieVerliert HIV seinen Schrecken?

Egal, ob gesund oder drogenabhängig: Bei 90 Prozent aller HIV-Infizierten verschwinden nach einer Therapie die Viren fast vollständig. Somit waren sie nicht mehr ansteckend.

Gute Nachrichten für Menschen mit einer HIV-Infektion: Egal, welche Medikamenten-Kombinationen sie einnehmen, bei neun von zehn Personen sank die Virenzahl unter die Nachweisschwelle. Dies berichtet ein Schweizer Ärzteteam unter Basler Leitung in einer neuen Studie mit fast 2000 Neuinfizierten. Damit waren die Infizierten nicht mehr ansteckend, wie die Forscher online im Fachblatt «Archives of Internal Medicine» berichten.

Das Besondere an der Arbeit ist, dass die Patienten nicht spezifisch ausgewählt worden waren, wie dies sonst bei standardisierten Studien üblich ist. Es wurden also auch Drogenabhängige, Alkoholkranke, Patienten mit Hepatitis oder Herzkreislauf-Krankheiten miteinbezogen. Ihre gesundheitlichen Probleme beeinflussen die Auswahl der Medikamente und reduzieren potenziell ihre Wirksamkeit.

Rund 25 verschiedene Möglichkeiten

«Dass die Therapieantwort so hoch ist, obwohl diese Patientengruppen dabei sind, ist sehr speziell», sagte Studienleiter Manuel Battegay, Leiter der Infektiologie und Spitalhygiene am Universitätsspital Basel, der Nachrichtenagentur SDA. Ärzte können heute zwischen rund 25 antiviralen Medikamenten oder Wirkstoffkombinationen auswählen, um HIV zu bekämpfen.

Die Stichprobe umfasste sämtliche Neuinfizierten in der Schweizerischen Kohortenstudie, an welcher über 16 000 HIV-Positive in der Schweiz teilnehmen. Alle waren zwischen 2005 und 2009 in einem von sieben Schweizer Spitälern – Basel, Bern, Genf, Lausanne, Lugano, St. Gallen und Zürich – erstmals behandelt worden.

Resultate aus dem «echten Leben»

Diese Resultate aus dem «echten Leben» bestätigten frühere Studien, die die grosse Wirksamkeit der antiviralen Therapien belegen, erklärte Battegay. Dank ihnen ist die Lebenserwartung von HIV-Infizierten heute gleich hoch wie bei Gesunden, bei guter Lebensqualität. HIV ist zu einer «handhabbaren chronischen Krankheit» geworden, wie es UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon anlässlich des Welt-Aids-Kongresses im Juli ausdrückte. Dennoch wäre es falsch, das HI-Virus zu unterschätzen. So warnte der Infektiologe Pietro Vernazza in einem Interview mit 20 Minuten Online im Mai: «Die Gefahr ist nach wie vor da.»

Wichtige Erkenntnisse für die Behandlung

«Studien wie die aus der Schweiz sind nötig, um Ärzte und Patienten bei der Wahl der Therapie zu leiten», schreibt Daniel Kuritzkes vom Brigham and Women's Hospital in Cambridge in einem Begleitkommentar zur Studie. Laut Battegay ist es besonders für ärmere Länder etwa in Osteuropa wichtig zu wissen, dass auch Cocktails aus günstigeren Medikamenten ebenso gut wirken wie die neueren, teuren Kombinationen.

Die Studie zeige zudem eindrücklich, dass ein integriertes Betreuungs- und Forschungsmodell, wie es mit der Kohortenstudie in der Schweiz angeboten wird, zu ausserordentlich hohen Therapieantworten führt, schreibt das Universitätsspital in einer Mitteilung.

(sda)

Zahlen und Fakten zu HIV/Aids

In der Schweiz leben heute rund 25 000 Menschen mit HIV und Aids. Im Jahr 2011 wurden 564 Neuansteckungen gemeldet. Im Jahr 2002 waren es noch 796. Dies geht aus dem am Montag publizierten Bulletin des Bundesamts für Gesundheit hervo. Auch die Aidsfälle - also die Fälle, bei denen das Virus ausgebrochen ist - sind zurückgegangen, von 281 im Jahr 2003 auf 162 im Jahr 2011. Fast die Hälfte der HIV-Diagnosen im Jahr 2001 betrafen Männer, die sexuellen Kontakt zu Männer hatten.

Eine Infektion mit HIV ist nach wie vor nicht heilbar. Kann zum richtigen Zeitpunkt mit einer antiretroviralen Therapie (ART) begonnen werden, bestehen gute Chancen, die Viruslast im Blut langfristig niedrig zu halten und so den Ausbruch von Aids viele Jahre herauszuzögern oder zu verhindern. Ein Kinderspiel ist eine Therapie aber nicht. Pro Tag müssen zwar nur noch maximal drei Tabletten eingenommen werden, «doch die Regelmässigkeit ist wichtig für den Erfolg der Therapie. Das ist nicht für alle so einfach», wie der Infektiologe Pietro Vernazza in einem Interview mit 20 Minuten Online erklärte.

Wenn antiretrovirale Medikamente nicht ordnungsgemäss und regelmässig eingenommen werden, können sich Mutationen des Virus bilden und zu Resistenzen führen. Die WHO mahnt deshalb, dass HIV-Infizierte bei der Therapie qualifizierte Beratung brauchen und die Entwicklung der Resistenzen streng überwacht werden muss. (jep/jcg/sda)

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