1-Cent-Gehaltsscheck: Verlumpen Musiker wegen Spotify?
Aktualisiert

1-Cent-GehaltsscheckVerlumpen Musiker wegen Spotify?

Mit einem Hit kann ein Musiker Millionen verdienen – würde man meinen. Heutzutage bewegen sich die Gehaltschecks von gestandenen Künstlern aber oftmals im Rappen-Bereich.

von
Neil Werndli

1 Cent – dieser Betrag wurde der US-Songwriterin Janis Ian Ende Januar ausgezahlt. Es ist ihr Lohn für Musik-Streams auf der ganzen Welt und beweist, was Skeptiker von Spotify und Co. längst befürchteten: Musikmachen lohnt sich finanziell nicht mehr.

Ihren Gehaltscheck postete Ian auf Facebook mit dem Kommentar: «Vielleicht wäre es mehr gewesen, wenn man den Brief nicht hätte frankieren müssen.» Mit ihrem Protest steht die Sängerin nicht allein da: Auch andere Bands abseits des Mainstreams veröffentlichten kürzlich ihre Tantiemen, also die Einkünfte der Aufführung ihrer Werke (siehe Diashow). Auf einen ganzen Dollar kommen die wenigsten – für eine schicke Villa à la Jay-Z und Beyoncé reicht das nicht ganz.

Nur die ganz Grossen profitieren

Vorweg sei gesagt, dass Spotify selbstverständlich mehr Umsatz generiert als illegale Downloads. Die Kontroverse liegt eher in der Verteilung der Tantiemen. Laut seinem eigenen Blog zahlt Spotify 70 Prozent der Einnahmen an die Urheber aus. Das sind allerdings nicht die Künstler allein, sondern auch deren Label. Je nach Vertrag erhalten die Musiker mehr oder weniger – auf diese Ausschüttung hat der Streaming Service keinen Einfluss.

Pro gestreamtem Song soll der Musiker laut Spotifys eigenen Zahlen zwischen 0.006 und 0.0084 Dollar erhalten. Umgerechnet bedeutet dies, dass ein Song fast tausend Mal angehört werden muss, um fünf Dollar zu verdienen – so viel wie eine normale Single kostet. Und dabei handelt es sich um Spotifys eigene, optimistische Rechnung: Wie Beispiele aus der Praxis zeigen, liegen die ausbezahlten Tantiemen meist noch um einiges tiefer.

Profitieren können in erster Linie die ganz Grossen: Die sogenannten Major-Labels sitzen auf einem gigantischen Repertoire aus Hits der letzten Jahrzehnte. Diese Rechte konnten sie Spotify teuer verkaufen. Zudem sind es genau diese Evergreens, die am meisten gestreamt werden und somit für die Labels lukrativ sind – insbesondere, wenn man bedenkt, dass die Songs bereits vor Jahrzehnten produziert wurden und diese Kosten längst gedeckt sind.

«Mein Lohn ist, Musik machen zu können»

Auch in der Schweiz stehen Musiker Spotify nicht unkritisch gegenüber: «Es gibt Sachen, die für Streaming sprechen, aber auch negative Aspekte», sagt Adrian Erni. Seine Band Yokko hat vergangenes Jahr ihr Debüt «Seven Seas» veröffentlicht und ist mit diesem für einen Swiss Music Award nominiert. Von den Einnahmen aus Streaming kann die Band trotzdem nicht leben. Die Erträge seien verschwindend klein, wie Yokko verraten: «Die finanzielle Wertschätzung ist gesunken.» Es sei aber auch eine Frage der Einstellung: Letzten Endes müsse sich eine Band entscheiden, ob es ihr um das Geld oder die Leidenschaft gehe: «Ich will mit den Songs vor allem Geschichten erzählen – mein Lohn ist also, überhaupt Musik machen zu können», sagt Erni.

Zudem hätten Streaming-Services durchaus ihre Vorzüge: Dank Spotify und Co. können Yokko Menschen auf der ganzen Welt erreichen, die sonst unter Umständen keinen Zugang zu ihrer Musik hätten. «Wenn man dank einem Hit auf Spotify plötzlich eine grössere Tour spielen kann, wird sich kaum eine junge Band darüber aufregen», so die Einschätzung des Sängers. Von Konzerten würden Yokko auch noch am meisten profitieren – nicht nur finanziell, sondern auch künstlerisch: «Wenn ich Konzerte spielen und die Leute damit berühren kann, gibt mir das schon genug.»

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