Uralte Rechnungen: Verlustscheine verjähren – Betreibungen nehmen zu
Aktualisiert

Uralte RechnungenVerlustscheine verjähren – Betreibungen nehmen zu

2017 werden erstmals alte Verlustscheine verjähren. Gläubiger versuchen nun, auf den letzten Drücker alte Schulden einzutreiben. Es kommt zu mehr Betreibungen.

von
K. Wolfensberger
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1997 hat man per Gesetzesänderung festgelegt, dass Verlustscheine nach 20 Jahren verjähren. Darum versuchen einige Gläubiger jetzt auf den letzten Drücker, noch alte Schulden einzutreiben, bevor das Geld endgültig verloren ist.

1997 hat man per Gesetzesänderung festgelegt, dass Verlustscheine nach 20 Jahren verjähren. Darum versuchen einige Gläubiger jetzt auf den letzten Drücker, noch alte Schulden einzutreiben, bevor das Geld endgültig verloren ist.

Keystone/Gaetan Bally
Eine 20-Minuten-Leserin erhielt Ende Oktober zwei Briefe vom Betreibungsamt aus Zürich. Als Gläubiger wird die Gemeinde Weesen angegeben. Doch bei der Gemeinde will man sich zum Fall nicht äussern.

Eine 20-Minuten-Leserin erhielt Ende Oktober zwei Briefe vom Betreibungsamt aus Zürich. Als Gläubiger wird die Gemeinde Weesen angegeben. Doch bei der Gemeinde will man sich zum Fall nicht äussern.

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Die offenen Rechnungen stammen aus dem Jahr 1982.

Die offenen Rechnungen stammen aus dem Jahr 1982.

zVg

20-Minuten-Leserin K.R.* ist letzten Monat wegen zweier ausstehender Rechnungen aus dem Jahr 1982 betrieben worden. Schliesslich bezahlte sie die Forderungen, obwohl sie diese nach 35 Jahren gar nicht mehr nachvollziehen konnte. Doch weshalb kam es nach so langer Zeit plötzlich doch noch zu einer Betreibung?

Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz SKS, sagte zu 20 Minuten: «Eigentlich gibt es Verjährungsfristen.» Aber: Wenn es sich um einen Verlustschein handle, sei dies in diesem Jahr etwas speziell. Denn: 1997 habe man per Gesetzesänderung festgelegt, dass Verlustscheine nach 20 Jahren verjähren.

«Dieses Jahr ist die letzte Möglichkeit, offene Forderungen von vor 1997 einzutreiben», so Stalder. Die Konsequenz: Einige Gläubiger versuchen jetzt auf den letzten Drücker, noch alte Schulden einzutreiben, bevor das Geld endgültig verloren ist.

Verlustscheine verjähren bald

Dass es nun zu einer Zunahme der Anzahl Betreibungen aufgrund von alten Forderungen kommt, bestätigen auf Anfrage auch die Beamten. Bei den Betreibungs- und Konkursämtern des Kantons Bern wurde dieses Jahr gegenüber den Vorjahren eine steigende Anzahl an Betreibungen aufgrund früherer, vor 1996 ausgestellter Verlustscheine festgestellt, heisst es auf Anfrage von 20 Minuten.

Wahrscheinlicher Grund dafür sei tatsächlich, dass viele Gläubiger die Augen vor dem nahenden Ende des Jahres 2016 und damit dem «ersten Verjährungstermin der vor dem 1.1.1997 ausgestellten Verlustscheine» verschlossen hatten und dieses Versäumnis nun zu korrigieren versuchten.

Weitere Zunahme noch möglich

Eine Zunahme – wenn auch in kleinem Rahmen – bestätigen auch die Betreibungsämter der Stadt Zürich oder die Inkasso-Firma Intrum Justitia. Deren Kommunikationschef Michael Loss sagt zu 20 Minuten: «Wir hätten den Anstieg eigentlich noch starker erwartet.» Die Zunahme sei zwar spürbar, halte sich aber im Rahmen. Noch sei das Jahr allerdings nicht vorbei. Ein weiterer Anstieg im letzten Moment sei durchaus noch möglich.

Ein Sprecher der Betreibungsämter des Kantons Bern ergänzt, dass Gläubiger ausserdem teilweise andere Mittel zur Unterbrechung der Verjährung nutzen würden, die nicht über die Betreibungsämter laufen. Möglich seien beispielsweise Verjährungsverzichtserklärungen oder auf kleinen Teilrechnungen basierende Forderungen, deren Zahlung die Verjährung der Gesamtforderung unterbricht.

Rechtsvorschlag erheben

Wie sollte jemand vorgehen, der nun tatsächlich mit einer alten Forderung konfrontiert wird? Schuldenberater Sébastien Mercier rät grundsätzlich dazu, seine Schulden – wenn immer möglich – zu bezahlen. Für Verlustscheine gelte: Man sollte immer versuchen, diese von den Gläubigern zurückzukaufen. Ansonsten könnten diese einen später jederzeit wieder einholen.

Sollte ein Verlustschein effektiv verjährt sein, lohne es sich, Rechtsvorschlag zu erheben, so Mercier. «Danach sollte man mit dem Gläubiger Kontakt aufnehmen und ihn auf die Verjährung hinweisen.» Ganz wichtig sei dabei: Falls der Schuldner vergisst, Rechtsvorschlag zu erheben, wird die Pfändung fortgesetzt. Wer sich in einer komplizierten finanziellen Lage befinde, solle ausserdem am besten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

* Name der Redaktion bekannt.

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