Aktualisiert 06.02.2008 16:49

Vermisste Vorhaut

Zum 25. Mal seit 1983 fällt in Calcata die jährliche Prozession am 1. Januar ins Wasser. Damals verschwand nämlich auf mysteriöse Weise das Herzstück des frommen Umzugs - die Vorhaut von Jesus.

Das kleine Dorf nördlich von Rom war jahrhundertelang im Besitz des heiligen Hautschnipsels. Ein deutscher Soldat, der das «Sanctum praeputium» beim «Sacco di Roma» (die Plünderung Roms durch kaiserliche Söldner) im Mai 1527 im Vatikan erbeutet hatte, soll die wertvolle Reliquie nach Calcata gebracht haben.

18 Vorhäute

Calcata verteidigte den Status seiner Vorhaut stets verbissen - denn die Konkurrenz war gross. An rund 18 verschiedenen Orten wurde im mittelalterlichen Europa die heilige Vorhaut des Herrn zur Schau gestellt und verehrt. Und da im Neuen Testament nirgends von einer wunderbaren Vorhaut-Vermehrung die Rede ist, darf angenommen werden, dass nur einer der Wallfahrtsorte wirklich im Besitze des göttlichen Präputiums war - wenn überhaupt.

Karls Geschenk

Der Vatikan soll die Reliquie im 9. Jahrhundert erworben haben. Karl der Grosse schenkte sie anlässlich seiner Kaiserkrönung, auf den Tag 800 Jahre nach der Geburt Christi, Papst Leo III. Der Kaiser wiederum soll das wertvolle Stück von einem Engel erhalten haben, sagt die Legende. Anderen Quellen zufolge bekam er sie von der byzantinischen Kaiserin Irene.

Der Papst barg das Häutchen in der Kapelle «Sancta Sanctorium» im Lateran, wo es für die nächsten Jahrhunderte auch blieb.

Zehn Jahre weniger im Fegefeuer

Die Vorhaut in Calcata wurde vom Vatikan immerhin indirekt anerkannt; Papst Sixtus V. versprach einen Sündenerlass für die Wallfahrt zu der Reliquie - kein unerheblicher ökonomischer Vorteil für die kleine Gemeinde.

Das «Sanctum praeputium» in Calcata wurde in einem bronzenen Kästchen unter dem Altar aufbewahrt und nur jeweils am 1. Januar für eine Prozession zum Fest der Beschneidung des Herrn (siehe Infobox rechts) hervorgeholt. Pilger, die an der Prozession teilnahmen, konnten damit die Zeit, die sie nach ihrem Ableben im Fegefeuer zu verbringen hatten, um zehn Jahre verkürzen.

Süsser Duft

Der allerchristlichsten Vorhaut wurden auch sonst allerhand wundersame Heilkräfte zugeschrieben. So bat beispielsweise 1421 die schwangere Katharina von Valois ihren Ehemann, ihr die Vorhaut Jesu zu besorgen, da ihr süsser Duft ihr eine erfolgreiche Geburt bescheren würde. Der Gatte verschaffte Katharina - wie auch immer - eine Vorhaut, und die Geburt verlief in der Tat erfolgreich: Der gesunde Sohn wurde später als König Heinrich VI. Stammvater der englischen Tudor-Dynastie.

Jene Vorhaut wurde danach in der Abteikirche Coulombs bei Chartres aufbewahrt, wo sie in den Wirren der französischen Revolution verschwand.

Mysteriöses Verschwinden

Ein Schicksal, das im Laufe der Zeit alle Häutchen ereilte: Am Ende verschwand auch der Schnipsel in Calcata. Als die fromme Menge sich am 1. Januar 1983 zur Prozession formierte, musste der Priester ihr Ungeheuerliches berichten: Die heilige Vorhaut war weg. Offenbar war sie gestohlen worden.

Seither werden die Stimmen nicht leise, die behaupten, hinter dem Diebstahl stecke der Vatikan. Denn diesem war das jährliche Brimborium um den göttlichen Zipfel längst peinlich. Und schliesslich gilt es zu bedenken, dass - wäre das Häutchen nicht verschwunden - früher oder später jemand auf die Idee gekommen wäre, es für Klonzwecke zu gebrauchen.

Quelle: Reiseblog.blog.de von Claudius Ziehr / Wikipedia.org

Jesu Beschneidung

Nach christlichem Glauben ist Jesus Christus nach seiner Auferstehung vom Tode in den Himmel aufgefahren - und zwar mitsamt seinem Körper. Somit konnten nur Teile des göttlichen Körpers zu Reliquien werden, die vor der Himmelfahrt von ihm abgetrennt worden waren. Dazu gehört die Vorhaut, da Jesus wie jeder männliche Jude acht Tage nach seiner Geburt beschnitten wurde.

Zum Gedenken an die Beschneidung Jesu im Tempel, von der im Lukasevangelium berichtet wird, feierte die katholische Kirche seit dem ausgehenden Mittelalter am 1. Januar das Fest der Beschneidung des Herrn («in circumcisione domini»). Im 20. Jahrhundert wurde dieser Festtag dem Vatikan zusehends peinlich, und das Zweite Vatikanischen Konzil schaffte ihn 1962 ab.

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