Kesswil TG: Vermummte Hooligans verängstigen Zugreisende

Aktualisiert

Kesswil TGVermummte Hooligans verängstigen Zugreisende

Am Samstag kam es am Bahnhof Kesswil und in einem Zug zu Scharmützeln zwischen Fans von Aarau und St. Gallen. Mitreisende waren verängstigt und brachen in Tränen aus.

von
taw

Ein Leser-Reporter filmte die Szenerie am Samstag am Bahnhof Kesswil. (Video: Leser-Reporter)

«In dem Moment, wenn Maskierte aus dem Zug stürmen und andere Vermummte auf den Zug losrennen und man selber ist mitten drin, ist das schon sehr speziell», so ein Leser-Reporter. Ein solche Szenerie hat er am Samstag am Bahnhof Kesswil TG erlebt. Gegen 15.30 Uhr sei er in Münsterlingen-Scherzingen in den Zug gestiegen. Eigentlich wollte er in ein hinteres Abteil, dort waren aber Fans des FC Aarau, die ihm zu verstehen gegeben hätten, dass er sich weiter vorne hinsetzen soll. Die Fans waren offenbar auf dem Weg nach Amriswil, dort fand am Samstag das Cup-Spiel gegen den FC Amriswil statt.

«Sie waren laut, tranken Bier, beklebten den Zug. Wie Hooligans eben so sind», sagt der Leser-Reporter. Dann habe der Zug in Kesswil gehalten, Menschen stiegen ein und aus und eigentlich wollte er schon losfahren. «Plötzlich tauchten diese anderen Fans mit Sturmmasken auf», erzählt der 18-Jährige. Da die Masken grösstenteils weiss-grün waren, waren es wohl Anhänger des FC St. Gallen. «Los», hätten die Aarau-Fans gerufen. Um sicher raus zu können, wurde die Notbremse gezogen. «Sie rannten einander nach, teils mit Metallstangen in der Hand.»

Kleinkind über Kopf gestreichelt

Der Lokführer habe dann die Türen verriegelt, niemand kam mehr rein oder raus. Ein Teil der Aarauer sei noch drin gewesen. «Es herrschte aufgelöste Stimmung und Angst, viele wurden unruhig.» Im Video sieht man, wie eine Frau ihre Hände schützend um ein Kind legt. «Eine Frau neben mir brach in Tränen aus», so der Leser-Reporter. Er habe ihr versucht zu erklären, was hier passiert, und habe sie in den Arm genommen, sie habe sich kaum beruhigen lassen. Auch der Leser-Reporter selbst habe so etwas noch nie erlebt. Einer der Hooligans sei an einem Kleinkind vorbeigelaufen und habe ihm den Kopf gestreichelt mit den Worten «Das wird alles gut». Schon kurze Zeit später sei die Polizei da gewesen.

Was den Leser-Reporter besonders nachdenklich stimmt, ist der Aufwand, den solche Fans betreiben, nur zum sich zu prügeln. Hier sei es eine gewollte Bereitschaft, Gewalt auszuüben, nicht aus einer Emotion heraus, sondern gezielt. «Haben diese Leute an einem Samstagnachmittag bei schönem Wetter wirklich nichts Besseres zu tun?»

Thurbo erstattete Anzeige

Die Kantonspolizei Thurgau bestätigt den Einsatz. «Wir haben eine Meldung erhalten, dass es auf dem Bahnhofsareal in Kesswil zu Streitigkeiten zwischen Fans des FC Aarau und FCSG-Fans kam und sind dann mit mehreren Patrouillen ausgerückt», so Sprecher Matthias Graf. Als sie da waren, seien aber die FCSG-Fans bereits weggewesen, die Aarau-Fans wieder im Zug. Über Verletzte ist der Polizei nichts bekannt.

Laut Werner Fritschi, stellvertretender Geschäftsführer der Thurbo AG, war ein Regelzug von Thurbo (S8) betroffen. Fan-Extrazüge wie die SBB führe man nicht. Er bestätigt, dann in Kesswil die Notbremse getätigt wurde. Es kam zu 12 Minuten Verspätung, andere Zugausfälle gab es deswegen nicht. Man habe Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

Gewalt unabhängig von Terminkalender

Im Mai dieses Jahres kam es in Basel zu einer Strassenschlacht zwischen Basler und Zürcher Hooligans. Die Zürcher reisten an, obwohl ihr Verein gar nicht spielte. Gewaltforscher erklärte damals, dass eine Verlagerung der Gewalt festzustellen sei, vor allem weg von den Stadien. Manche gewalttätigen Gruppierungen würden ihre Konflikte sogar unabhängig vom Terminkalender ihrer Fussballvereine ausfechten. Das liege daran, dass gewaltbereite Fans sich den Sicherheitskonzepten und Strategien der Behörden anpassen und den Überraschungsmoment suchen.

Das ganze Interview finden Sie hier.

Deine Meinung