Aktualisiert 12.06.2011 13:18

Tom Lüthi

Verregnet – auch verraten und verkauft?

Töffstar Tom Lüthi ist beim Regen-GP von England nur auf Platz 15 gefahren. Nicht nur wegen der schlechten Resultate stehen die Zeichen nun auf Sturm.

von
Klaus Zaugg, Silverstone

Der Absturz ist spektakulär. Tom Lüthi beginnt die Moto2-WM 2011 als heisser Titelanwärter. Er hat die Vorsaisontests zusammen mit dem Deutschen Stefan Bradl (21) dominiert. Der Weltmeister von 2005 (125 ccm) ist so stark wie nie. Die hohen Erwartungen erfüllt er in den ersten vier Rennen trotz eines Sturzes in Estoril (in Führung liegend) mit den Plätzen drei, zwei und fünf. Bei allen Trainings ist er vorne dabei. Viermal startet er aus der ersten, einmal aus der zweiten Reihe. Die grösste Schwäche der letzten Saison – schwache Trainingsleistungen, die im Rennen zu riskanten Aufholjagden zwingen – ist behoben.

Dann fällt der schöne Traum vom WM-Titel am 5. Juni mit dem Sturz beim GP von Katalonien in Barcelona wie ein Kartenhaus zusammen. Seither ist Tom Lüthi nicht mehr wiederzuerkennen. Er ist verunsichert. Der hochtalentierte Stilist hat das feine Gefühl für die Maschine verloren. Beim GP von England in Silverstone hat er nie eine Chance auf einen Spitzenplatz. Nicht im Training (14.), nicht im Rennen (15.).

Dieser 15. Platz ist die schlechteste Klassierung seitdem allerersten Moto2-Rennen beim Saisonauftakt 2010 in Katar. Damals war er auch 15. geworden. Lüthi wird inzwischen vom neuen Schweizer Töffstar Randy Krummenacher in allen Trainings (8.) und im Rennen (11.) dominiert. Noch liegt Lüthi in der WM mit 48 Punkten auf Platz 6 – aber Krummenacher hat auf Position 12 nur noch 19 Punkte Rückstand.

Hin und Her beim Markenwechsel

Was ist los? Was ist passiert? Tom Lüthi ist in Silverstone nicht nur verregnet worden. Sondern in gwisser Weise offenbar auch verraten und verkauft. Wir müssen zurückblicken, um die Situation zu verstehen. Vor einem Jahr entschliesst sich sein Teamchef Terrell Thien zu einem Markenwechsel für die Saison 2011: Von der japanischen Moriwaki auf die deutsche Kalex, die nun Silverstone-Sieger und WM-Leader Stefan Bradl und Randy Krummenacher (11. in Silverstone) eingesetzt wird. Er hat sich mit den Deutschen geeinigt. Die Sitzproben sind bereits gemacht.

Doch dann entscheidet Lüthis Manager Daniel M. Epp anders. Er hat das letzte Wort: Lüthi rückt diese Saison nicht mit einer Kalex aus. Sondern mit einem der Bikes, die Eskil Suter in Turbenthal (ZH) herstellt. Die Idee ist gut: Ein Schweizer Pilot auf einem Schweizer High-Tech-Töff. Suter ist der wichtigste Hersteller von Moto2-Fahrwerken. 14 von 38 Piloten fahren 2011 eine Suter. Alle haben die gleichen Motoren (Honda) und Reifen (Dunlop). Einen freien Markt gibt es nur bei den Fahrwerken.

Eskil Suter sichert Epp zwar nie offiziell eine Vorzugsbehandlung zu. Aber alle gehen (naiverweise?) davon aus, dass sich der ehemalige GP-Fahrer schon um seinen prominenten Schweizer Kunden kümmern wird. Bei den Vorsaisontests ist Tom Lüthi vorne dabei. In den ersten vier Rennen (Katar, Jerez, Estoril, Le Mans) auch. Doch nun zeigt sich bei den ersten Schwierigkeiten: Die Zusammenarbeit zwischen Suter und dem Team von Tom Lüthi ist nicht krisenfest.

«Der Bock hat einfach nicht mehr funktioniert»

Tom Lüthi verrät gegenüber 20 Minuten Online, was passiert ist: «Nach dem GP von Portugal haben wir in Estoril Testfahren gemacht. Dabei sind wir bei der Abstimmung einen grossen Schritt weiter gekommen und wir waren schneller als die Trainingsbestzeit beim GP. Aber wir haben da wohl in die falsche Richtung gearbeitet und Einstellungen gefunden, die nur in Estoril und nur bei besten äusseren Bedingungen funktionieren. Bereits beim GP in Barcelona kam ich einfach mit der Maschine nicht mehr zurecht. Ich musste zu grosse Risiken eingehen, um mithalten zu können. Hier in Silverstone ist gar nichts mehr gegangen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich hier in meinen Helm hineingeflucht habe, weil der Bock einfach nicht mehr funktioniert hat.»

Tom Lüthi hat inzwischen das Gefühl für die Maschine verloren. Doch das kann passieren. Das grössere Problem ist die Krisenbewältigung. Die Pannen bei der Suchte nach diesem verlorenen Gefühl.

Mangelnde Unterstützung von Suter

In Silverstone hatte Lüthi die technische Unterstützung des Fahrwerkherstellers nötig wie noch nie in dieser Saison. Und ausgerechnet jetzt war ihm diese Unterstützung entzogen worden. Teamchef Thien spricht gegenüber 20 Minuten Online Klartext: «Suter lässt seine Kunden im Stich. Normalerweise sind fünf Leute von Suter auf dem Rennplatz und einer hat sich diese Saison intensiv um Tom Lüthi gekümmert. Hier in Silverstone waren nur noch zwei Techniker da.»

Tatsächlich flog Reto Karrer, der sich bisher um Lüthi gekümmert hat, und zu einer Vertrauensperson des Berners geworden ist, nicht nach England. Vor Ort waren bloss die beiden Franzosen Didier Languët und Didier Lambert. Lüthi sagt gegenüber 20 Minuten Online, dass diese fehlende Betreuung ein Problem sei. Warum hat er nicht auf den Tisch gehauen? Es geht ja um ihn. Um seine Karriere. «Ich habe noch keinen Aufstand gemacht. Das hat mein Cheftechniker Alfred Willeke bereits für mich erledigt. Suter hat uns auch Informationen vorbehalten, die anderen Teams zur Verfügung stehen.»

Suter wehrt sich

Suter bestreitet gegenüber 20 Minuten Online keineswegs, dass er nicht wie üblich fünf, sondern nur zwei Techniker nach England entsandt hat: «Ich brauche meine Leute jetzt im Betrieb.» Sein Unternehmen entwickelt für nächste Saison auch Bikes für die Klassen MotoGP und Moto3 (ersetzt die 125er-WM). Am Dienstag und Mittwoch wird in Mugello der neue MotoGP-Töff getestet.

Die Vorwürfe, wegen der vielen Projekte den Service auf dem Rennplatz und damit die Moto2-Kunden zu vernachlässigen, akzeptiert er hingegen nicht. «Wir helfen auf dem Rennplatz so gut es geht. Aber die Abstimmung müssen die Teams schon selber machen. Unter den ersten vier des Trainings in Silverstone standen drei unserer Maschinen. Es geht also.»

VIP-Betreuung für einzelne Kunden?

Aber die Suter-Bikes standen in diesem Training nicht nur ganz oben (1. Marquez/2. Redding/4. Cluzel) – sie stehen auch weit hinten (14. Lüthi) oder ganz hinten (31. Aegerter, 33. Iannone). Und im Rennen ist die Suter-Bilanz mit den Plätzen 4 (Cluzel), 5 (Redding), 8 (Sofuoglu), 14 (Baldolini), 15 (Lüthi), 16 (Iannone), 19 (Forres) und 20 (Aegerter) nicht eben berauschend.

Suter kann den Verdacht nicht ganz aus der Welt schaffen, dass einzelne Kunden VIP-Betreuung geniessen und dass er wegen seiner MotoGP- und Moto3-Projekte die Moto2-WM vernachlässigt. Dass Umsatz und Geschäft wichtiger ist, als die intensive Betreuung der Kunden während der Saison.

Der Spruch ist bitterbös, aber halt treffend: «Money talks, bullshit walks». Suter sieht sich nicht ganz zu Unrecht mit dem Vorwurf konfrontiert, die Ehre von Tom Lüthi verkauft zu haben.

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