Aktualisiert 16.06.2017 16:25

Flüchtlinge auf Lesbos

«Verschiedene Kulturen sind in Moria ein Problem»

Im Flüchtlingscamp Moria kam es zu Krawallen und einem Brand. Raquel Herzog von der Organisation SAO beschreibt die Lage auf Lesbos.

von
Viviane Bischoff

Die Organisation SAO (Save Assist Outreach) versorgte Flüchtlinge am Dienstagmorgen mit dem Nötigsten. (Video: SAO)

Die Situation im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos eskalierte am Montag, 19. September. Wegen eines Feuers waren am Abend Tausende Menschen geflohen.

Die Polizei hat mittlerweile 18 Flüchtlinge festgenommen. Die Männer aus Afghanistan, dem Irak, Kamerun, Senegal und Syrien stünden im Verdacht, für die Brandstiftung und die Krawalle inner- und ausserhalb des sogenannten Hotspots der Insel verantwortlich zu sein.

Raquel Herzog ist Gründerin der Hilfsorganisation SAO (Save Assist Outreach), die Flüchtlinge auf Lesbos unterstützt. Sie sagt zu 20 Minuten: «Wir haben bereits seit längerem erwartet, dass die Situation in Moria eskaliert.»

Trotz des Flüchtlingsdeals der EU mit der Türkei käme fast täglich ein Boot mit Flüchtlingen auf der Insel an. «Sobald ein Boot griechisches Gewässer erreicht, wird es aufgegriffen. Die Menschen werden dann direkt ins Internierungslager nach Moria gebracht», so Herzog.

Unterschiedliche Nationalitäten als Problem

Dabei sei Moria kein normales Flüchtlingscamp, sondern viel mehr ein Ausschaffungsgefängnis. Es herrsche ein enormer Platzmangel. Seit Ende Juni seien mehr als 4000 Menschen dort eingesperrt, darunter 1500 Kinder unter zehn Jahren. «Sie alle sollen gemäss EU-Türkei-Deal in die Türkei ausgeschafft werden.»

Ein weiteres Problem laut Herzog sei aber, dass es vermehrt verschiedene Nationalitäten in Moria gebe. «Es kommen weiterhin Nordafrikaner, die keine Chance auf Asyl haben, nach Lesbos.» Beim Deal mit der Türkei habe es die EU verpasst, der Türkei eine umfassende Visumspflicht für Nordafrikaner vorzuschreiben.

Aktuell können Menschen aus Tunesien und Marokko ohne Visum einreisen. Personen aus allen anderen afrikanischen Ländern bis auf Südafrika und dem Sudan können unter leicht zu erfüllenden Bedingungen ein E-Visa lösen, das ihnen den Aufenthalt für 30 Tag erlaubt. Der Weg über die Türkei ist somit für viele Afrikaner eine alternative Route nach Europa.

Augenzeuge filmt Brand in Flüchtlingslager

Aufnahmen eines freiwilligen Flüchtlingshelfers zeigen die Zerstörungen im Flüchtlingslager «Moria» auf der griechischen Insel Lesbos.

Panik und Chaos im Flüchtlingslager «Moria» auf der griechischen Insel Lesbos am Montag. Ein Augenzeuge hat den verheerenden Brand gefilmt. (Video: Tamedia/Storyful)

«Die Leute werden zurück ins Gefängnis gebracht»

«Am Montagmorgen kam es zu einem Sitzstreik im Familienteil von Moria, weil die Platzverhältnisse so prekär sind. Am Mittag gab es einen Hungerstreik. Man muss dazu sagen, dass der Frass unter jeder Kanone ist. Die Menschen erhalten knapp 200 Gramm verkochter Teigwaren, Reis oder Kartoffeln, meist mit Bohnen. Früchte und Gemüse gibt es nicht», so Herzog.

Gegen Abend eskalierte die Lage dann und ein Feuer brach aus. Herzog: «Wie es genau zum Brand kam, weiss ich nicht. Aber nach dem Ausbruch des Feuers sind alle NGOs aus dem Camp geflohen. Auch alle Insassen, die konnten, flüchteten.» Die 150 unbegleiteten Minderjährigen hätte man evakuiert. Danach seien Hunderte Flüchtlinge auf den Strassen umhergeirrt.

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Das Lagerhaus ATTIKA der Organisation SAO wurde nach den Kravallen für eine Nacht zu einem Schlaflager umfunktioniert.

Das Lagerhaus ATTIKA der Organisation SAO wurde nach den Kravallen für eine Nacht zu einem Schlaflager umfunktioniert.

SAO
1500 Kinder unter 10 Jahre leben in Moria. Viele von ihnen stammen aus Afrika.

1500 Kinder unter 10 Jahre leben in Moria. Viele von ihnen stammen aus Afrika.

SAO
Rund 700 Flüchtlinge hätten die Nacht nach dem Brand im Flüchtlingscamp Moria im Lager der Organisation SAO verbracht.

Rund 700 Flüchtlinge hätten die Nacht nach dem Brand im Flüchtlingscamp Moria im Lager der Organisation SAO verbracht.

SAO

«700 Flüchtlinge verbrachten die Nacht bei uns im Lagerhaus Attika, damit sie nicht draussen schlafen mussten», erzählt Herzog. Am Dienstag wurden alle Leute zurück ins Gefängnis gebracht. Durch den Brand seien 30 Prozent der Zelte in Moria zerstört worden. Die Menschen müssen bis auf weiteres draussen schlafen. Letztes Jahr war es im Dezember vier Grad kalt. «Ich hoffe, die Behörden haben gemerkt, dass es zwingend ein neues Camp braucht», so Herzog.

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Am Morgen nach dem Brand räumen Staatsangestellte die Brandruine auf.

Am Morgen nach dem Brand räumen Staatsangestellte die Brandruine auf.

AFP/Louisa Gouliamaki
Ein Drittel der Zelte seien beim Brand zerstörrt worden.

Ein Drittel der Zelte seien beim Brand zerstörrt worden.

AFP/Stringer
In Moria leben verschiedene Kulturen auf engsten Raum.

In Moria leben verschiedene Kulturen auf engsten Raum.

AFP/Stringer

Raquel Herzog ist als Gründerin und Delegierte der Organisation SAO (Save Assist Outreach) seit Dezember 2014 auf Lesbos. Dort betreibt SAO das grösste Lagerhaus. Camps wie jenes in Moria werden auf Anfrage mit dem Nötigsten versorgt. Finanziert wird die Organisation über Spenden. Zudem übernimmt die Organisation die Koordination der ankommenden Flüchtlingsbooten.

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