Verschwörungstheoretiker-Treffen - «So läutet die Bewegung ihr Ende ein»
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Verschwörungstheoretiker-Treffen«So läutet die Bewegung ihr Ende ein»

Die «Corona-Rebellen» wollen an der nächsten Demo nicht gegen Massnahmen protestieren, sondern Vorträgen über Verschwörungstheorien lauschen. Zwei Experten, Roland Imhoff und Dirk Baier, erklären die Hintergründe.

von
Daniel Krähenbühl
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Die selbsternannte Gruppe der «Corona-Rebellen» organisiert am Samstag eine Kundgebung in der Stadt Zug.  

Die selbsternannte Gruppe der «Corona-Rebellen» organisiert am Samstag eine Kundgebung in der Stadt Zug.

Tamedia AG
Auf dem Programm stehen diverse Verschwörungstheorien, allerdings ist auch für Unterhaltung gesorgt. So tritt etwa der deutsche «Querdenker»-Blogger Samuel Eckert auf oder der Influencer Gabirano. 

Auf dem Programm stehen diverse Verschwörungstheorien, allerdings ist auch für Unterhaltung gesorgt. So tritt etwa der deutsche «Querdenker»-Blogger Samuel Eckert auf oder der Influencer Gabirano.

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Warum sich die Massnahmen-Skeptiker-Szene Verschwörungstheorien zuwendet und ob die Politik das Phänomen unterschätzt, erklären zwei Experten für Verschwörungstheorien.

Warum sich die Massnahmen-Skeptiker-Szene Verschwörungstheorien zuwendet und ob die Politik das Phänomen unterschätzt, erklären zwei Experten für Verschwörungstheorien.

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Darum gehts

  • Am Samstag findet in der Stadt Zug eine bewilligte Kundgebung statt, die vom Verein «Corona-Rebellen» organisiert wird.

  • Beim Anlass sollen diverse Verschwörungstheorien diskutiert und vorgestellt werden.

  • Roland Imhoff, Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und, Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule ZHAW, zu den Umständen und Hintergründen des Verschwörungstheoretiker-Treffens.

Die selbsternannten «Corona-Rebellen» rufen am 2. Oktober zu einer von der Stadt Zug zugelassenen Veranstaltung auf. Dabei soll es aber nicht um einen Protest gegen die Zertifikatspflicht oder allgemein um Corona-Massnahmen gehen. Vielmehr sollen «Themen, die man bisher nicht öffentlich ansprechen durfte» zur Sprache kommen, wie die Vereinigung auf ihrer Website schreibt: Chemtrails, 5G, Illuminati, die neue Weltordnung oder «The Great Reset».

Warum sich die Massnahmen-Skeptiker-Szene Verschwörungstheorien zuwendet und ob die Politik das Phänomen unterschätzt, erklären zwei Experten für Verschwörungstheorien: Sozial- und Rechtspsychologe Roland Imhoff, Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule ZHAW.

In der Coronakrise werden zahlreiche bekannte Verschwörungstheorien wieder ausgegraben. Wie kommt das?

Baier: Verschwörungstheorien sind Antworten auf Fragen, die sich verunsicherte Menschen in unsicheren Zeiten stellen. Viele Menschen können gut damit leben, dass es sich bei der Pandemie um ein einigermassen zufälliges Ereignis handelt und wir diszipliniert handeln müssen, um es zu bewältigen. Andere können mit Zufall nicht umgehen und bemühen dann Erklärungen, dass es sich um ein absichtsvolles Handeln einer kleinen mächtigen Elite handelt, die die Pandemie nutzt, um sich zu bereichern. Wenn es darum geht, diese Elite zu beschreiben, wird dann auf vorhandene Narrative zurückgegriffen, also beispielsweise Zuschreibungen, dass es sich etwa um eine jüdische Elite handelt oder um eine Elite, die den Bevölkerungsaustausch anstrebt. Sonderlich kreativ sind die Verschwörungstheoretiker also nicht; sie greifen auf die altbekannten Bilder zurück.

Imhoff: Die Überzeugung, dass nichts ist, wie es scheint, die Mächtigen uns sowieso immer an der Nase herumführen und jeder gesellschaftliche Diskurs nur Makulatur ist, wird immer wieder auf ein neues Phänomen angewendet – sei das ein Flugzeugabsturz, ein Terrorakt oder eine Pandemie. Psychologisch sprechen wir vom sogenannten «Wahrheitseffekt», wenn das Gefühl der Vertrautheit – weil man etwas immer und immer wieder hört – von unserem kognitiven System als Hinweis auf Wahrheit fehlinterpretiert wird.

Wieso wenden sich einige Massnahmen-Skeptiker nun diesen Verschwörungstheorien zu?

Baier: Bei den vergangenen Demonstrationen stand die Massnahmenkritik im Zentrum. Dies war aus meiner Sicht auch der Grund, warum recht viele Personen den Weg zu den Demos gefunden haben. In der Massnahmenkritik waren sich verschiedene Subgruppen der Skeptiker-Bewegung einig. Sich jetzt spezifisch auf Verschwörungstheorien zu konzentrieren, dürfte zur Folge haben, dass viele Personen nicht mehr den Weg zu einer Demo auf sich nehmen, weil ihre Kritik nicht verschwörungstheoretisch begründet ist, sondern einfach eine gesundheitliche Sorge ausdrückt.

Ich weiss nicht, warum jetzt dieser Weg eingeschlagen wird. Vielleicht möchte man den harten Kern der Verschwörungstheoretiker mobilisieren. Für mich ist das ein Irrweg, der aufzeigt, dass die Bewegung bezüglich der weiteren Strategie ratlos ist. Mit solch einer Fokussierung läutet die Bewegung meiner Meinung nach ihr Ende ein.

Für mich ist das ein Irrweg, der aufzeigt, dass die Bewegung bezüglich der weiteren Strategie ratlos ist.

Dirk Baier

Imhoff: Da kann man nur spekulieren, aber viele verschwörungstheoretischen Prophezeiungen im Rahmen der Corona-Pandemie – dass 90 Prozent der Geimpften sterben werden, dass es kein Virus gibt, dass «das Volk» die Macht übernehmen wird – sind die letzten Monate so krachend an der Realität gescheitert, dass es vielleicht auch bequemer ist, sich auf Verschwörungsnarrative zu verlagern, die nicht ganz so offensichtlich im Widerspruch zur Realität stehen, eben weil sie auch vermeintlich im ganz Geheimen operieren.

Die Massnahmen-Skeptiker sehen sich als «Freiheitskämpfer» und wähnen sich in einer Diktatur. Gleichzeitig wollen Vertreter selbst ins Parlament. Und obwohl sie behaupten, dass es sich bei den Vorträgen am Samstag um Tabu-Themen handelt, dürfen sie eine Veranstaltung zum Thema durchführen. Fallen ihnen diese Widersprüche nicht auf?

Baier: Das Weltbild der Verschwörungstheoretiker ist so gestrickt, dass ihnen der Widerspruch tatsächlich nicht auffällt. Diese Form der Argumentation, die einschliesst, dass das derzeitige System eine Diktatur ist, ist mehr oder weniger existenziell für die Bewegung – aus zwei Gründen: Erstens können sie so als Kämpfer für das Gute, die echte Demokratie, auftreten. Zweitens einigt dies die Bewegung, weil es ein klar deklariertes Feindbild gibt. Es ist also höchst funktional, so zu denken – auch wenn es irrational ist.

Imhoff: Verschwörungstheoretiker sehen ja auch, dass die meisten Menschen ihren Thesen wenig Glauben schenken und im Alltag nicht von einer brutalen Diktatur unterdrückt werden. Das ist für sie aber häufig nicht Zeichen für Entwarnung, sondern umgekehrt ein Beweis, wie perfide das System all die «Schlafschafe» lenkt, ohne dass es diesen selber auffällt.

Die Gruppe bezeichnet ihre Redner an der Demo auf der Website als «Widerstands-Galionsfiguren». Geht es ihnen auch darum, sich aufzuwerten?

Baier: Wir wissen, dass Personen, die in Verschwörungstheorien ihren Halt finden, in der realen Welt den Halt teilweise verloren haben, weil sie beispielsweise einen eher geringen Status haben, eher geringere Bildung aufweisen oder eher wenig soziale Unterstützung im Umfeld erfahren. Das Denken in Verschwörungstheorien wertet einen auf – man ist als einer der wenigen im Besitz der Wahrheit. Und es hilft, sozialen Anschluss zu finden, Gemeinsamkeit zu erleben. Das sind wichtige Triebfedern, sich in der Bewegung zu engagieren.

Die Zustimmung zu verschwörungstheoretischen Weltbildern ist mit einem erhöhten Bedürfnis, sich selbst als besonders und einzigartig wahrzunehmen, assoziiert.

Roland Imhoff

Imhoff: Es gibt wissenschaftliche Evidenz dafür, dass die Zustimmung zu verschwörungstheoretischen Weltbildern assoziiert ist mit einem erhöhten Bedürfnis, sich selbst als besonders und einzigartig wahrzunehmen und auch mit einer überhöhten, fast narzisstischen Selbstwahrnehmung. Ob das jetzt konkret auf die VeranstalterInnen auch zutrifft, weiss ich natürlich nicht.

Stand jetzt ist die Veranstaltung vom Kanton Zug zugelassen. Nimmt die Politik das Phänomen zu stark auf die leichte Schulter?

Baier: Verschwörungstheorien sind eine Bedrohung für unsere Demokratie. Verschiedene Studien können zeigen, dass ein solches Denken auch zu bestimmten Handlungen motiviert oder Haltungen festigt, die demokratiegefährdend sind. So wählen Verschwörungstheoretiker etwa eher demokratiefeindliche Parteien oder stimmen häufiger Aussagen zu, dass man das politische System mit Gewalt bekämpfen sollte.

Verschwörungstheoretiker sind also nicht nur «harmlose Spinner». Ich denke aber nicht, dass man der Bewegung pauschal mit Demonstrationsverboten begegnen sollte – dann zieht sie sich noch weiter in die Sozialen Medien und ins Verborgene zurück. Wenn keine Sicherheitsaspekte dagegen sprechen, sollte man die Bewegung demonstrieren lassen. Die Politik muss aber darum bemüht sein, mit Aufklärung, mit Finanzierung von Projekten, die sich gegen Verschwörungstheorien einsetzen, die Verbreitung von Verschwörungstheorien einzuschränken.

Verschwörungstheorien sind eine Bedrohung für unsere Demokratie.

Dirk Baier

Imhoff: Verschwörungstheorien sind für sich noch keine Bedrohung. Jeder und jede sollte frei nach Herzenslust Verschwörungen hinter den Dingen vermuten dürfen. Nicht zuletzt deshalb, weil manchmal auch tatsächlich geheime Absprachen hinter manchen Dingen stecken. In den meisten Fällen aber vermutlich nicht, insbesondere bei sehr großen Ereignissen wie der Pandemie oder dem angeblich erfundenen Klimawandel würde das so viele verschwiegene Mitwisser und Mitwisserinnen erfordern, dass die Annahme unplausibel ist. Die Gefahr beginnt aber dann, wenn sich Menschen in eine verschwörungstheoretische Weltsicht abkapseln und die Vermutung einer Verschwörung gar nicht mehr kritisch mit Evidenz konfrontieren.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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