Unfall- und Krankenkassen: «Versicherer will nicht für meinen Unfall zahlen»
Aktualisiert

Unfall- und Krankenkassen«Versicherer will nicht für meinen Unfall zahlen»

Unfallpatienten kämpfen bei Versicherern oft erfolglos um Gelder. Es brauche einen Zusammenschluss der Kassen, findet ein Branchenkenner.

von
B. Zanni
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Der Unfallversicherer von K.S. will für die Kosten seiner Handverletzung nicht mehr aufkommen.

Der Unfallversicherer von K.S. will für die Kosten seiner Handverletzung nicht mehr aufkommen.

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S. K. vergass, sich beim Thaiboxtraining die Hände einzubandagieren.

S. K. vergass, sich beim Thaiboxtraining die Hände einzubandagieren.

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«Beim Boxen traf ich den Sandsack nicht richtig, sodass meine Hand abknickte», erzählt der 37-Jährige Leiter Infrastruktur.

«Beim Boxen traf ich den Sandsack nicht richtig, sodass meine Hand abknickte», erzählt der 37-Jährige Leiter Infrastruktur.

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Auf dem linken Ohr hört Peter M. nur noch rund 20 Prozent. Seit ein Stadionbesucher beim Spiel Luzern gegen St. Gallen vier pyrotechnische Gegenstände aufs Spielfeld warf, leidet der 50-Jährige unter einem Knalltrauma. Zahlen wollte die Unfallversicherung Swica aber nicht – sie stufte den Schaden nicht als Unfall ein. M. ist kein Einzelfall.

Auch S. K. * wurde von seiner Unfallversicherung enttäuscht. Im letzten September vergass er, sich beim Thaiboxtraining die Hände einzubandagieren. «Beim Boxen traf ich den Sandsack nicht richtig, sodass meine Hand abknickte», erzählt der 37-jährige Leiter Infrastruktur.

Nach wochenlangen Schmerzen habe ihn sein Hausarzt für Untersuchungen ins Spital überwiesen. «Der Arzt diagnostizierte eine Entzündung in einer Kapsel des Handgelenks.»

Neue Beurteilung

Nach einer ambulanten Arthroskopie im Spital, bei der keine Schäden an der Kapsel, sondern eine Entzündung festgestellt wurde, erhielt K. Post von der Suva – und fiel aus allen Wolken. «Für diese Untersuchung wollte die Suva nicht mehr aufkommen, da meine Verletzung plötzlich nicht mehr als Unfall, sondern als Krankheit galt.»

Im Brief, der 20 Minuten vorliegt, beurteilt die Suva K.s heute bestehende Beschwerden als «nicht mehr unfallbedingt». Aufgrund des Heilungsverlaufs hätten sie ihre Leistungspflicht neu beurteilt, teilt die Suva mit.

«Die Reaktion ist enttäuschend»

Wenn der Unfall nicht mehr die natürliche oder adäquate Ursache des Gesundheitsschadens darstelle, entfalle die Leistungspflicht, erklärt die Suva. K.s Beschwerden führt der Versicherer auf einen krankhaften Vorzustand zurück. Demnach entfalle die Leistungspflicht, wenn ein Gesundheitszustand eingetreten sei, der sich «auch ohne Unfall mit Wahrscheinlichkeit eingestellt hätte», lautet die Begründung.

«Die Reaktion ist enttäuschend. Man bezahlt monatelang seine Prämie, und wenn man mal Unterstützung braucht, bekommt man nichts», sagt K., der seit dem Unfall eine Türfalle nur noch unter Schmerzen bedienen kann.

System werde bewusst ausgereizt

Knausrige Unfallversicherer beschäftigen auch Branchenkenner. «Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Unfallversicherungen das getrennte Kassensystem bewusst ausreizen», sagt Felix Schneuwly, Krankenkassenexperte beim Vergleichsdienst Comparis. Die Trennung von Unfallversicherung und Krankenkasse animiere die Unfallversicherungen dazu, Verletzungen als Krankheiten statt als Unfälle auszuweisen. So müssten teilweise selbst Patienten, die klare Kausalzusammenhänge vorlegen könnten, mit Zweifeln seitens der Unfallversicherung rechnen.

Schneuwly fordert deshalb: «Man müsste die Unfallversicherung und die Krankenversicherung zusammenlegen. Dann würde dieses Theater aufhören.» Eine Verschmelzung sei auch zeitgemässer. «In unserer Dienstleistungsgesellschaft kommt es im Job etwa zu mehr Burn-outs als zu Unfällen.» Bei nicht eindeutigen Kausalzusammenhängen sei es einfach, die Kosten auf die Krankenkassen abzuschieben. «Das gilt auch für Berufskrankheiten, für die Unfallversicherungen gerne die Patienten anstatt die Arbeitgeber verantwortlich machen.»

Engagement für möglichst wenig Unfälle

Beim Krankenkassenverband Santésuisse verfängt die Forderung nicht. Es sei wichtig, dass genau geprüft werde, welche Versicherung die Leistung übernehme, sagt Sprecher Matthias Müller. Schliesslich seien sowohl die Leistungen wie auch das Versicherungsprinzip sehr unterschiedlich. «Beispielsweise übernehmen die Arbeitgeber die Prämien für Berufsunfälle und engagieren sich auch deshalb stark dafür, dass es zu möglichst wenigen Unfällen kommt.» Dieses System habe sich bewährt.

Auch für den Schweizerischen Versicherungsverband (SVV) ist die Fusion keine Option. Die Leistungen der Sozialversicherungen seien durch das Gesetz eng definiert, sagt Sprecherin Sabine Alder. «Die Unfallversicherer halten sich dabei an die gesetzlichen Vorgaben.»

Die angeprangerten Unfallversicherer wehren sich. «Fakt ist, dass die Leistungen an die Versicherten nach einem Unfall in aller Regel höher sind als jene bei einer Krankheit», sagt Suva-Mediensprecherin Simone Isermann. Werde ein Fall von der Unfallversicherung übernommen, begleiche diese die unfallbedingten Kosten direkt und ohne Kostenbeteiligung des Versicherten. «Bei der Krankenkasse hingegen muss der Geschädigte in aller Regel die Kosten vorfinanzieren und die Franchise und den Selbstbehalt begleichen.»

*Name der Redaktion bekannt.

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