Kantonale Initiativen: Versicherung soll für Zahnarzt-Besuch zahlen
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Kantonale InitiativenVersicherung soll für Zahnarzt-Besuch zahlen

Teure Zahnarztkosten nicht mehr selbst bezahlen? Diese Idee wird derzeit in mehreren Kantonen diskutiert. Auch national könnte das zum Thema werden.

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sma/sda
Der Zugang zur zahnärztlichen Versorgung soll für alle möglich sein.

Der Zugang zur zahnärztlichen Versorgung soll für alle möglich sein.

Keystone/Gaetan Bally

Die Zahnreinigung für 150 Franken, eine Füllung für 200 Franken und die Porzellan-Krone für 1500 Franken: Die Rechnung nach dem Zahnarztbesuch ist selten günstig. Wer in der Schweiz keine Zusatzversicherung abgeschlossen hat, muss die Kosten selbst abdecken. Ausnahmen sind nur etwa bei Zahnunfällen oder bei gewissen Krankheiten vorgesehen.

In verschiedenen Kantonen soll sich diese Praxis nun ändern. Linksparteien fordern eine Zahnarzt-Versicherung, die die Kosten von Basis-Behandlungen und jährlichen Kontrollen übernehmen soll. Im Kanton Neuenburg etwa kamen diese Woche die nötigen Unterschriften für eine Volksinitiative zustande. Vor einem Jahr bereits wurde ein entsprechendes Volksbegehren im Kanton Waadt lanciert und auch das Tessin nahm die Idee im Winter auf. Zu Diskussionen führte das Modell auch in den Kantonen Wallis, Genf und Zürich.

Grundgedanke hinter dem Vorschlag ist die Forderung nach einem «gleichberechtigten Zugang» aller zur zahnärztlichen Versorgung. Im Tessin sprechen die Initianten davon, dass sich rund 35 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz Zahnbehandlungen nicht leisten können. Finanziert werden soll die neue Versicherung durch eine Lohnabgabe von einem Prozent, geteilt von Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Wegen hoher Kosten nicht zum Zahnarzt

Das kantonale Anliegen ist nicht neu, fand auf nationaler Ebene bis anhin aber kein Gehör. Laut Juso-Präsident Fabian Molina könnte das kantonale Engagement nun den Druck schweizweit erhöhen. Sollte die Initiative in den Kantonen auf Zustimmung stossen, will sich Molina auch national für eine Lösung einsetzen. «Schöne Zähne dürfen kein Privileg von Reichen sein.»

SP-Gesundheitspolitikerin Bea Heim steht der Schaffung einer eigenen Dentalversicherung zwar skeptisch gegenüber. Zahnbehandlungen, die gesundheitsbedingt nötig sind, sollten laut Heim aber vom Krankenversicherungsgesetz (KVG) übernommen werden. Auch regelmässige präventive Zahnkontrollen möchte die SP-Nationalrätin dem KVG unterstellen. «Vielen Menschen, vor allem auch Jungen, fehlen die finanziellen Mittel für Zahnbehandlungen, so dass sie aus Angst vor hohen Rechnungen gar nicht erst zum Zahnarzt gehen.» Prävention aber sei wichtig, vor allem bei Kindern. «Ein Bleaching der Zähne hingegen soll sicher nicht von der Versicherung bezahlt werden.»

Kostenexplosion erwartet

Als «Unsinn» bezeichnet GLP-Nationalrätin und Patientenschützerin Margrit Kessler die Forderung. Die Menschen in der Schweiz hätten im Vergleich zum Ausland sehr gute Zähne, «gerade weil sie die teuren Zahnarztkosten selbst bezahlen müssen». Es liege in der Verantwortung jedes Einzelnen, seinen Zähnen Sorge zu tragen. Kessler ist überzeugt, dass eine obligatorische Krankenversicherung zu einer erheblichen Verschlechterung der Zahngesundheit und damit zu massiven Mehrkosten führen würde.

Dieser Meinung ist auch Marco Tackenberg, Sprecher der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft SSO. Laut Zahlen des Verbands fielen 2012 rund 5,7 Prozent (3,88 Milliarden Franken) der Gesundheitskosen auf Zahnbehandlungen. Eine Zahl, die durch die Einführung einer Zahnversicherung massiv ansteigen würde, ist er überzeugt. Berechnungen für Waadt beziffern die Mehrkosten alleine für diesen Kanton auf 250 bis 300 Millionen Franken. «Bluten müsste schlussendlich der Mittelstand in Form von höheren Prämien.» Glaubt man einer Schätzung des Krankenkassenverbands Santésuisse, würden diese um rund 13 Prozent ansteigen. «Es kann nicht sein, dass wir nach dem Giesskannenprinzip die Kosten auf alle verteilen», sagt Tackenberg. Menschen in finanziellen Nöten könnten bereits heute entsprechende Finanzierungshilfen beanspruchen.

Aufgrund des Kostendrucks glaubt denn auch Yvonne Gilli (Grüne) nicht, dass das Anliegen jemals mehrheitsfähig wird. «Die Sozialhilfe steht unter Druck, die IV und AHV sind nicht ausfinanziert und wir haben ein Prämienproblem bei der Krankenversicherung. Ich frage mich wirklich, wer hier freiwillig einen weiteren Kostenbrocken dazustellen will.»

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