Geschäft mit der Angst: Versicherungen gegen Shitstorm und Datenklau

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Geschäft mit der AngstVersicherungen gegen Shitstorm und Datenklau

Bankdaten-CDs, Kinderarbeit, Öllecks. Firmen können sich neuerdings gegen die Folgekosten von Presse-Desastern absichern. Die Versicherer wittern ein grosses Geschäft.

von
Alex Hämmerli
Gegen Shitstorms kann man sich neuerdings versichern.

Gegen Shitstorms kann man sich neuerdings versichern.

Werden einem Industriekonzern die Baupläne oder einer Bank die Kundendaten geklaut, landen Menschen nach dem Verzehr von Gammelfleisch im Spital oder kommen Berichte über Kinderarbeit in die Medien, können die Kosten für die betroffenen Unternehmen schnell astronomische Höhen erreichen. So drohen etwa Umsatzeinbrüche oder Schadenersatzklagen. Kosten entstehen auch, weil die Firma die Krise mittels Öffentlichkeitsarbeit eindämmen muss. Denn die Gefahr eines «Shitstorms» ist allgegenwärtig (siehe Bildstrecke).

In der Furcht vor solchen Risiken wittern Versicherer ein lukratives Geschäft. So hat etwa der grösste Rückversicherer der Welt, Munich Re seit kurzem eine Versicherung für Reputationsschäden im Angebot. Schliesst ein Unternehmen eine solche Police ab, ist dieses gegen Gewinneinbussen nach einer Krisensituation abgesichert – und das bis zu einer Summe von 50 bis 150 Millionen Euro. Laut dem «Handelsblatt» richtet sich die Versicherung vor allem an Unternehmen aus dem Lebensmittelsektor, der Bekleidungs- und Kosmetikindustrie, dem Tourismus oder der Elektronik.

PR-Agenturen sollen den Ruf polieren

Auch die Zurich Versicherung wittert in den neuen Ängsten der Unternehmen ein grosses Geschäft. «Wir lancieren gegen Ende dieses Monats eine Versicherung gegen die Folgen von Datendiebstahl», sagt Sprecher Franco Tonozzi auf Anfrage von 20 Minuten Online. Abgedeckt sei damit «der ganze Rattenschwanz» von Konsequenzen, also die Kosten zur Rekonstruktion verlorener Daten, der Schadenersatz an geschädigte Kunden sowie die PR-Arbeit, um den guten Ruf eines Unternehmens wieder herzustellen.

Als Hauptzielgruppe des in der Schweiz einmaligen Versicherungsprodukts sieht Tonozzi kleine und mittelgrosse Unternehmen. Der Zurich-Sprecher nennt als Beispiel einen Schönheitschirurgen, dessen Patientendaten gestohlen werden und die danach im Internet auftauchen. In solchen Fällen bezahlt Zurich bis zum Deckungslimit die Wiedergutmachung für entblösste Kunden, die Kosten einer PR-Firma, die die Krisenkommunikation übernimmt, sowie etwaige Zeitungs- oder Online-Inserate. Die Deckung der Versicherung soll laut Tonozzi von einigen Tausend bis zu mehreren Hunderttausend Franken möglich sein. Mittelfristig strebe man auch ein Angebot an, das etwa für Banken attraktiv sein könnte, die den Diebstahl ihrer Kundendaten fürchten. Was die Police kosten wird, will die Zurich nicht verraten.

Marktpotenzial ist umstritten

Auch die deutsche Allianz-Versicherung bietet neuerdings eine Reputationspolice an. «Sie ist nicht als Blockbuster gedacht, sondern als Abrundung unseres Angebots», zitiert das «Handelsblatt» Allianz-Manager Joachim Albers. Bei Zurich ist man zuversichtlicher: «Das Marktpotenzial ist enorm», glaubt Tonozzi. Umfragen bei Kunden hätten ergeben, dass sich viele kleine und mittelständische Unternehmen solche Versicherungen wünschen.

Branchenkenner orten allerdings schon jetzt Probleme: «Es ist enorm schwierig abzuschätzen, wie gross das Schadenspotenzial ist», sagt ein Versicherungsexperte, der nicht genannt werden möchte, zu 20 Minuten Online. Da die Versicherungsbranche mit sehr engen Margen kalkuliere, könnten sich die Versicherungen gegen Reputationsschäden und Datenklau am Ende als schmerzhaftes Verlustgeschäft herausstellen.

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