Aktualisiert 16.04.2012 12:08

Fall Kampusch – Teil 11

Versteckt, vertuscht, perfekt vermarktet

In Österreich wird über die Widersprüche im Fall Kampusch kaum berichtet. Erst jetzt wird zögerlich zitiert. Soll die sorgfältig aufgebaute Marke Kampusch nicht beschädigt werden?

von
K. Leuthold/F. Burch

Karl Kröll, Bruder des toten Hauptermittlers, sowie die Politiker Werner Amon (ÖVP) und Peter Pilz (Grüne) über die Rolle der Medien im Fall Kampusch.

«Nein, kein Druck, keine Drohungen», sagt ein Redaktor der Tageszeitung «Kurier» gegenüber 20 Minuten Online, als er gefragt wird, ob er jemals daran gehindert worden sei, über den Fall Kampusch zu berichten. Er habe weder von politischer Seite Einwände gehört, noch sei er von den Anwälten von Frau Kampusch zurückgepfiffen worden. Gleich ging es Jochen Prüller von der Zeitung «Österreich», einem anderen Journalisten, den 20 Minuten Online zur Berichterstattung und den journalistischen Möglichkeiten rund um den Kampusch-Fall befragt hat. Trotzdem kommt einem die Kampusch-Berichterstattung im Nachbarland merkwürdig vor, erst recht, seit ein Journalist, der auf Tondokumenten mit Ernst H.* zu hören ist, 20 Minuten Online zuerst drohend, dann flehentlich bittet («Ich werde verklagt»), das Dokument ja nicht öffentlich zu machen.

Die Kampusch-Berichterstattung auf 20 Minuten Online, speziell der Bericht zum Zweifel am Selbstmord Priklopils, warf erst in Deutschland, dann auch im englischsprachigen Ausland schnell Wellen. Einzig die österreichischen Medien, allen voran der Staatssender ORF und insbesondere die dominierende Boulevardzeitung «Krone», blieben stumm.

Kaum draussen, wird Kampusch schon vermarktet

Dabei spielte vor allem der ORF unmittelbar nach dem Wiederauftauchen Natascha Kampuschs eine massgebliche Rolle. Im Staatssender wurde Kampusch in einem Exklusivinterview wenige Tage nach Verlassen ihres Verlieses am 23. August 2006 befragt. Hier wurde die Version einer jungen Frau präsentiert, die eigentlich die letzten acht Jahre mehr oder weniger im Dunkeln verbracht hatte und jetzt aufgrund ihrer an die Helligkeit nicht gewohnten Augen ständig blinzeln musste. Die ganze Welt nahm Anteil.

Der Umgang mit den Medien ist nach acht Jahren im Verlies wohl koordiniert und auf Tempo bedacht. Natascha Kampuschs Rechte werden von der mächtigen Wiener Anwaltskanzlei Lansky, Ganzger + Partner vertreten. Kampusch erteilt noch in der letzten Augustwoche 2006 den Anwälten eine persönliche Vollmacht, mit der unter anderem die Webadressen rund um den Namen Kampusch erworben werden. Zudem werden erste Verhandlungen für das Exklusivinterview mit dem ORF und Vorgespräche für eine Autobiografie geführt.

Vom Krankenbett direkt ins Rampenlicht

Zeit wird auch sonst nicht verloren. Unmittelbar nach der Flucht Kampuschs setzt die Vermarktungsstrategie ein. Wie Johann Rzeszut, ehemaliger Präsident des Obersten Gerichtshofs in Wien, in seinem vertraulichen Schreiben an die Parteivositzenden der fünf österreichischen Parlamentsparteien vom 30. September 2010 ausführt, hat die Promotionskampagne bereits unmittelbar nach der Flucht auf Initiative der Anwaltskanzlei begonnen.

Natascha Kampusch wird nach den ersten Befragungen in ein Spital gebracht. Bereits am 1. September 2006 – neun Tage nach der Flucht - gelangt ein Hinweis an die Polizei, dass die Kanzlei Lansky, Ganzger + Partner vorhabe, die eben Geflüchtete aus dem Krankenhaus «wegzubringen, da sie verschiedene Verträge mit verschiedenen Medien in Österreich und Deutschland» habe. Erst durch die tatkräftige Intervention von Personen aus dem damaligen Betreuerteam und der Polizei kann das Unterfangen unterbunden werden.

Kampusch-Anwalt und oberster Staatsanwalt sind «enge Gesinnungsgenossen»

Nachdem die Anwaltspartnerschaft Lansky/Ganzger die Vertretung von Natascha Kampusch übernommen hatte, wurde die Beziehung zwischen der Kanzlei und der staatsanwaltschaftlichen Führungsebene hinterfragt. Rechtsanwalt Gabriel Lansky und der zuständige Oberstaatsanwalt Werner Pleischl sind laut Insidern «enge Gesinnungsgenossen» und gehören ein und derselben parteipolitischen Akademikervereinigung an.

Immer wieder, wenn es darum ging, die offizielle Kampusch-Version gegen aufkommende Fragen zum Wahrheitsgehalt zu verteidigen, zeigte Pleischl, im Namen des Opferschutzes von Natascha Kampusch, viel Verständnis. Den Angaben der Zeugin Ischtar A., die einen zweiten Täter gesehen hatte, wurde kein Glauben geschenkt und das Verfahren trotz weiterer Widersprüche eingestellt. Zahlreiche Dokumente blieben unter Verschluss. Nicht einmal Sonderermittler Franz Kröll soll Einsicht bekommen haben.

Kampuschs in den Medien verbreitete und vermarktete Version hatte dadurch Bestand. «Dass Kampusch kaum bzw. nur kurzfristig im sogenannten Verlies gewesen sein könnte, sollte ebenso im Hintergrund bleiben wie die Tatzeugin Ischtar A., die mit ihrer Wahrnehmung von zwei Entführern nicht Recht haben durfte, weil sonst ein wesentlicher Teil der Opferversion zusammengebrochen wäre», so eine Einschätzung aus österreichischen Justizkreisen gegenüber 20 Minuten Online.

«Kein Vertrauen mehr in Österreich»

Nach der Kampusch-Serie von 20 Minuten Online zieht nun auch der deutsche «Spiegel» nach - und zeigt dabei das Foto der Leiche von Wolfgang Priklopil, das 20 Minuten Online bereits am 8. Februar exklusiv veröffentlichte. Die Geschichte wird jetzt auch in Österreich aufgenommen. Wie verunsichert die österreichischen Medien in Bezug auf die Kampusch-Ermittlungen inzwischen sind, zeigt die Meldung, die unter anderem von der «Kronen»-Zeitung verbreitet wurde, dass die Ermittlungen vom FBI oder dem BKA übernommen werden könnten – den eigenen Ermittlungsbehörden traut man offenbar nichts mehr zu.

Die Medien glauben den Ermittlungsbehörden nicht mehr und die österreichischen Bürger trauen den eigenen Medien entweder nichts mehr zu oder nicht mehr über den Weg. Das Schweigen der österreichischen vierten Gewalt und die offenbare Unfähigkeit, die Recherchen aufzunehmen, schürt ein grosses Misstrauen, das sich in zahlreichen Kommentaren auf 20 Minuten Online widerspiegelt. Matthias Egle kommentierte stellvertretend am Donnerstag: «Ich komme aus Österreich und muss mich bei 20 Minuten Online bedanken, dass sie den Fall aufarbeiten, unsere Presse und Justiz sind dazu kaum in der Lage. Genauso wenig wird jetzt, nachdem sich 20 Minuten Online mit dem Fall beschäftigt hat, darüber berichtet, sondern alles totgeschwiegen. Armes Österreich!»

Natascha Kampusch wollte keine Stellung zum Fall nehmen. Wolfgang Brunner, der ihre medialen Aktivitäten koordiniert, schrieb 20 Minuten Online: «Frau Kampusch gibt derzeit keine Interviews. Sie hat sich in hunderten Interviews zum Hergang ihrer Entführung geäussert, ebenso handelt ihre Biografie davon.»

Ernst H. - für den die Unschuldsvermutung gilt - nahm zum Fall keine Stellung. Sein Anwalt Manfred Ainedter sagte zu 20 Minuten Online: «Dazu können und wollen wir uns zurzeit nicht äussern.»

*Name der Redaktion bekannt

Video: Mathieu Gilliand/20 Minuten Online (Mitarbeit: Guido Grandt, Udo Schulze)

Mit diesem Artikel beendet 20 Minuten Online die Serie über die Widersprüche im Fall Kampusch. Die Redaktion wird aber laufend und aktuell über weitere Entwicklungen in der Causa Kampusch berichten.

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