Prozess gegen Sterbehelferin: Verteidiger greift Gutachter frontal an
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Prozess gegen SterbehelferinVerteidiger greift Gutachter frontal an

Die prominente Sterbehelferin Erika Preisig muss sich wegen vorsätzlicher Tötung vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten.

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las/lha
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Am 9. Juli verkündete das Strafgericht Basel-Landschaft das Urteil über die Ärztin und Freitodbegleiterin Erika Preisig. Hier im Bild: Preisig vor dem Baselbieter Strafgericht in Muttenz nach dem zweiten Verhandlungstag.

Am 9. Juli verkündete das Strafgericht Basel-Landschaft das Urteil über die Ärztin und Freitodbegleiterin Erika Preisig. Hier im Bild: Preisig vor dem Baselbieter Strafgericht in Muttenz nach dem zweiten Verhandlungstag.

20 Minuten
Die Staatsanwaltschaft hat die prominente Baselbieter Ärztin angeklagt. Ihre Patientin sei nicht urteilsfähig gewesen, als sie den Sterbewunsch äusserte. Zu diesem Schluss kam ein Gutachten.

Die Staatsanwaltschaft hat die prominente Baselbieter Ärztin angeklagt. Ihre Patientin sei nicht urteilsfähig gewesen, als sie den Sterbewunsch äusserte. Zu diesem Schluss kam ein Gutachten.

epa/Ronald Wittek
Das Gutachten beruht allerdings einzig auf Patientenakten der Verstrorbenen. Der begleitete Freitod fand im Juni 2016, ärztlich überwacht, in einem Sterbezimmer in Liestal statt.

Das Gutachten beruht allerdings einzig auf Patientenakten der Verstrorbenen. Der begleitete Freitod fand im Juni 2016, ärztlich überwacht, in einem Sterbezimmer in Liestal statt.

Keystone

Die Baselbieter Sterbehelferin Erika Preisig muss sich vor dem Baselbieter Strafgericht wegen vorsätzlicher Tötung verantworten. Im Juni 2016 begleitete sie eine 66-Jährige in den Tod, nachdem sie mit Preisigs Freitodbegleitungs-Organisation «Eternal Spirit» in Kontakt getreten war und den Wunsch äusserte, zu sterben.

Die Krux: Die sterbewillige Patientin soll nicht urteilsfähig gewesen sein. Zu diesem Schluss kam ein Aktengutachten des psychiatrischen Forensikers Marc Graf, auf das sich die Anklage stützt. Preisig hatte es unterlassen, ein Gutachten über die Urteilsfähigkeit der mutmasslich depressiven Patientin erstellen zu lassen. Sie habe 300 Fachärzte angeschrieben, doch nur Absagen erhalten. Dann entschied sie sich, das rechtliche Risiko einzugehen und der Frau den Sterbewunsch dennoch zu erfüllen. Dafür wird ihr nun am Baselbieter Strafgericht der Prozess wegen vorsätzlicher Tötung gemacht.

Das fordert die Staatsanwaltschaft

«In diesem Verfahren geht es nicht darum, ob Sterbehilfe zulässig ist», betonte Staatsanwältin Evelyn Kern eingangs ihres stündigen Plädoyers. Vielmehr gehe es um die rechtliche Würdigung des begleiteten Suizids einer nicht urteilsfähigen Frau. Preisig, so der Vorwurf, habe sich wissentlich über die bundesgerichtliche Rechtsrprechung hinweggesetzt, die wegen Verdachts auf psychische Erkrankung «ein vertieftes psychiatrisches Fachgutachten» verlange.

«So nahm sie zumindest in Kauf, dass ihre Patientin nicht urteilsfähig war», führte Kern aus. Dabei habe Preisig in jeder Hinsicht die Tatherrschaft innegehabt und vorsätzlich gehandelt. Da Sterbewillige gemäss Bundesgericht nicht als Täter gesehen werden könnten, falle diese Rolle Preisig zu, auch wenn die Patientin die Kanüle mit der tödlichen Substanz selber öffnete.

Die Staatsanwältin beantragte dem Gericht eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren unbedingt. Das sei im Hinblick auf den Sachverhalt aussergewöhnlich hoch, allerdings könne bei einer Verurteilung eben auch das Mindeststrafmass nicht unterschritten werden. Wegen Verstössen gegen das Heilmittelgesetz verlangt sie zusätzlich eine bedingte Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu 100 Franken.

Das fordert die Verteidigung

Die Verteidigung hingegen plädierte für einen Freispruch. Die Kernfrage sei, ob die Verstorbene zum Zeitpunkt ihres begleiteten Suizids urteilsfähig war, betonte Verteidiger Moritz Gall. Das Aktengutachten von Graf verneint dies zwar, doch an dem Schluss hat die Verteidigung erhebliche Zweifel. Einerseits sei nach dem Tod laut bundesgerichtlicher Rechtsprechung eine permanente psychische Erkrankung nicht feststellbar. Andererseits habe Graf, als er am Mittwoch von der Verteidigung befragt wurde, Mängel und Unschärfen in seinem Gutachten eingestanden.

Zudem kritisierte die Verteidigung, dass der Gutachter nicht mit den Bezugspersonen der Verstorbenen gesprochen habe. «Die Behauptung, von ihnen sei nichts Relevantes zu erfahren, ist arrogant», so Gall. Die Schlussfolgerung des Gutachters, dass die Leiden der Frau nur psychisch bedingt seien, sei zudem falsch, da es durchaus Diagnosen von körperlichen Ursachen gegeben habe. Diese seien aber nie ausreichend abgeklärt worden.

Der Verteidiger ging aber noch weiter: «Der Gutachter stufte die Depression nur darum als schwer ein, weil die Frau einen langanhaltenden Sterbewunsch hatte». Das impliziere, dass folglich jeder Mensch mit einem dauerhaften Sterbewunsch ein psychiatrisches Gutachten brauche. Das wiederum sei im Interesse eines Psychiaters. «Böse ist, wer Böses denkt», sagte Gall. Darum stelle sich die Frage, ob die Faktenlage für eine so schwerwiegende Verurteilung ausreiche.

Was sagten Zeugen und die Beschuldigte zum Tatvorwurf? Hier lesen Sie die Zusammenfassung des ersten Prozesstags.

Die Urteilsverkündung des Baselbieter Strafgerichts ist auf den 9. Juli, 14 Uhr angesetzt.

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