Aktualisiert 12.02.2020 20:51

Soziale Durchmischung

«Überlasse Zukunft des Sohnes nicht Computer»

Ein neuer Algorithmus soll Kinder auf Schulhäuser verteilen. Die Lehrerpräsidentin und Eltern von schulpflichtigen Kindern sind skeptisch.

von
dk
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In der Schweiz soll der individuelle Erfolg in der Schule in erster Linie vom Talent und der Anstrengung jedes Einzelnen abhängig sein – und nicht von der sozialen Herkunft oder vom Bildungsniveau der Eltern

In der Schweiz soll der individuelle Erfolg in der Schule in erster Linie vom Talent und der Anstrengung jedes Einzelnen abhängig sein – und nicht von der sozialen Herkunft oder vom Bildungsniveau der Eltern

Keystone/Christian Beutler
Doch dieses Versprechen wird nicht immer eingelöst: Die Chancengerechtigkeit in Schweizer Schulen hat sich im vergangenen Jahrzehnt verschlechtert.

Doch dieses Versprechen wird nicht immer eingelöst: Die Chancengerechtigkeit in Schweizer Schulen hat sich im vergangenen Jahrzehnt verschlechtert.

Keystone/Georgios Kefalas
In Zukunft soll ein Computerprogramm entscheiden, welches Schulhaus ein Kind besucht. Das Ziel ist eine bessere Durchmischung der Klassen.

In Zukunft soll ein Computerprogramm entscheiden, welches Schulhaus ein Kind besucht. Das Ziel ist eine bessere Durchmischung der Klassen.

Keystone/Christian Beutler

In der Schweiz soll der individuelle Erfolg in der Schule in erster Linie vom Talent und der Anstrengung jedes Einzelnen abhängig sein – und nicht von der sozialen Herkunft oder vom Bildungsniveau der Eltern. Doch dieses Versprechen wird nicht immer eingelöst: Die Chancengerechtigkeit in Schweizer Schulen hat sich im vergangenen Jahrzehnt verschlechtert, die schulischen Ungleichheiten haben laut der letzten Pisa-Studie zugenommen.

Um die soziale Zusammensetzung von Klassen und Schulen zu optimieren, soll in Zukunft ein Algorithmus eingesetzt werden – so die Vision von Oliver Dlabac, Projektleiter beim Zentrum für Demokratie Aarau. Eltern von schulpflichtigen Kindern zeigen sich skeptisch:

Petra: «Wir haben uns einen Anwalt genommen»

«Meine Kinder gehen in einer Aargauer Gemeinde in die Schule. Wir haben zwei Schulhäuser: Eines, in das vor allem Schweizer gehen und fünf Minuten von uns entfernt ist. Und eines, das vor allem von Kindern von ausländischen Familien besucht wird und über eine halbe Stunde entfernt liegt. Unser sechsjähriger Sohn wurde in die Schule mit vielen ausländischen Kindern eingeteilt, all seine Freunde gingen aber ins andere Schulhaus.

Als Grund hat man uns angegeben, auf die Durchmischung achten zu wollen und die Integrationsmöglichkeiten der Schüler zu fördern. Wir haben uns schliesslich einen Anwalt genommen, unser Sohn geht nun auf die Schule gleich bei uns. Ein Computerprogramm würde die Situation sogar noch verschlimmern, weil er unabhängig vom Freundeskreis der Kinder Entscheide fällen würde.»

Brigitte: «Es braucht gesunden Menschenverstand»

«Wir wohnen in einem 1500-Seelen-Dorf in der Region Solothurn. Von weitherum werden die Kinder zu den Schulen chauffiert. Nun wurde letztes Jahr meine jüngste Tochter nicht ins Schulhaus ihrer beiden älteren Geschwister eingeteilt. Ein Rekurs und das Gespräch mit dem Gemeindepräsidenten haben nichts gebracht. Man sagte mir, man wolle eine gute Durchmischung der Klassen erreichen.

Dass lernschwache Kinder oder Kinder aus fremdsprachigen Familien gefördert werden, finde ich super. Aber es kann nicht sein, dass das auf Kosten der restlichen Kinder passiert. Daher hätte ich nichts dagegen, wenn ein Algorithmus objektiv die Grundeinteilung vornimmt, aber jemand die Ergebnisse individuell überprüft. Manchmal bräuchte es einfach gesunden Menschenverstand.»

Sven: «Interessen des Kindes werden ignoriert»

«Meine 11-Jährige Tochter geht in eine Primarschule, die nur 500 Meter von uns entfernt liegt. Als mein Sohn eingeschult wurde, musste er in eine Schule gehen, die 5 Kilometer entfernt ist. Die Schule hat keinen sehr guten Ruf und mein Sohn sowie ein anderes Kind aus unserer Gemeinde sind Aussenseiter. Sie werden gehänselt und gemobbt. Wehren können sie sich nicht, auch, weil sie von ihrem ganzen Freundeskreis isoliert sind. Eine Aussprache mit der Schulleitung brachte nichts – ausser dem Gefühl, dass die Interessen des eigenen Kindes gekonnt ignoriert werden.

Generell befürworte ich, dass im Schulzimmer auf eine soziale Durchmischung geachtet wird. Aber ein kurzer Schulweg und dass man mit seinen Gspänli aus der Kindheit in die Schule gehen kann, sollten ebenso hoch gewertet werden – wenn nicht höher. Wenn ein Algorithmus die Verteilung auf die Schulhäuser übernimmt, wird es wahrscheinlich noch mehr unzufriedene Eltern und unglückliche Kinder geben. Wer will schon die Zukunft seines Kindes einem Computerprogramm überlassen?»

Algorithmus für Akzeptanz nicht förderlich

Auch bei Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbandes der Schweizer Lehrer, stossen die Pläne von Dlabac auf Skepsis: «Ich glaube nicht, dass die Akzeptanz für einen Schulentscheid bei den Eltern grösser ist, wenn dieser von einem Algorithmus gefällt wurde.» Der Zweck der Volksschule sei aber nicht nur, die individuelle Grundbildung sicherzustellen, sondern einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt unserer demokratischen Gesellschaft zu leisten.

Grundsätzlich sei man daher sehr daran interessiert, dass in den Klassenzimmern eine gesunde Durchmischung stattfindet, so Rösler: «Die Volksschule ermoglicht eine Begegnung von Schulerinnen und Schulern aus allen sozialen Schichten und verschiedenen Kulturen.» Damit werde die Basis gelegt für den sozialen Zusammenhalt und einen späteren Dialog in einer aktiv gelebten Demokratie.

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